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Ost und West · 1902-12-01 · Heft 12 (Dezember 1902) · p. Seite 849 - 850

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 12 (Dezember 1902)
Article
Ein jüdisches Überbrettl
Date
1902-12-01
Page
Seite 849 - 850 (sequence 2)
Language
German
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849 M. S.: Ein iüdisches Ueberbxettl in Galizien. S50 gefiihle erwachte jüdische Handwerker oder Klein - krämer am Freitag des Abends und am Sonnabend geistige Anregung und Erheiterung. Er sucht und findet ein fröhliches Wort und ein wehmütiges Bild in kleinen vorstädtischen Gärten mit improvisierten Theaterbühnen, auf denen sich wandernde Komödianten zu seinem Ergötzen „meschugge" machen. Freilich weiss er nicht, dass die Kurzweil, zu der er sich, eingefunden, draussen im Auslande den schönen Namen Ueberbrettlkunst trägt. Ja, es giebt auch in Lemberg ein Ueberbrettl, ein jüdisches Ueberbrettl. Was seine allgemeinsten, äusseren Formen betrifft, gleicht es den westeuropäischen Plegestätten dieser allerneuesten heiteren Kunstart. Aber welch himmelweiter Unterschied giebt sich in allen Einzelheiten kund! In den grossen deutschen Städten sehen wir behagliche, prachtvoll ausgestattete, von Licht überflutete Theater undTheatersäle mit stimmungsvoller Architektur — in Lemberg die einfachste, bescheidenste, manchmal in ihrer Primitivität sogar abstossende Ausstattung. In Berlin, München und anderswo werden die Dichtungen moderner und bekannter Autoren vorgetragen, die sich von der Höhe ihresSchaffens zu der neuen, leichten Art herablassen, weil sie modern geworden ist und sehr annehmbare Tantiemen einbringt—hier hört man echte Volkslieder, bei denen niemand fragt, wer sie gedichtet und wer sie komponiert hat, und gerätin Lachkrämpfe über Possen, wildeSpässe, saftige Witze oder sinnlose, geschmacklose Kalauer, die eine seltsam bewegungsfähige Syntese eines Clowns, Bänkelsängers und Charakterdarstellers der anspruchslosen Menge härmlos vorimprovisiert. Auf den deutschenUeberbretteln wirken Künstler und Künstlerinnen, die entweder eine Bühnen- oder eine Gesangsschule hinter sich haben — und oft über eine raffinierte Technk verfügen; in Lemberg bewegen sich auf den Brettern simple Naturkinder, die sich von regelrechten Bühnengebräuchen und Bühnengesetzen niemals in ihrer Unmittelbarkeit stören lassen. Und doch gelingt es ihnen, denen die subtileren Geheimnisse des Bühnenspiels unbekannt sind, ihre Zuhörer wunderbar zu rühren und zu begeistern. Unter diesen Naturkindern begegnete ich einer begabten Künstlerin, die, wenn ihr eine gründliche allgemeine und schauspielerische Ausbildung zu teil geworden wäre —: den ersten Kunststätten Europas zur Zierde gereichen könnte. Ich meine Pepi Littmann! MOYSE. Ein kleiner, offener Garten in einem entlegenen, nicht beleuchteten Stadtteil Lembergs. Eine Petroleumlaterne wirft ihr mattes Licht auf den weniger als einfachen Eingang, der mit grossen, in polnischer Sprache abgefassteo Theaterzetteln beklebt ist. Wir gehen durch einen schlecht beleuchteten Gang, an einer Schenke vorbei, überschreiten einen kleinen Hof, zahlen einer dicken Jüdin, die hinter einem Tischchen sitzt, das Eintrittsgeld, schieben einen schmutzigen Vorhang fort und — sind im Bannkreise des Ueberbrettls. Der kleine Garten ist von einem Zaun umgeben, an dem eine Ueberdachung befestigt ist. Die hohen, reich belaubten Bäume und die Pfähle mit den Petroleumlaternen werden sofort als störende Gegenstände empfunden, weil sie oft als unberufene Mittler zwischen dem Auge des Zuschauers und dem, in einem Winkel stehenden winzigen Podium erscheinen. Wackelige Tische, die unbequemsten Stühle, der Geruch nach Gebratenem undGekochtem, das Rasseln der Droschken hinter dem Zaun, das Pfeifen der Lokomotive eines nahe vorbeisausendenZuges, dasGezanke der Kassiererin mit der Bande Kinder, die durch den Vorhang hineinsehen wollen, - das istdas äussere Milieu dieses jüdischen Ueberbrettls. Es war gerade Pause. Auf der Bühne, das lieisst auf dem Podium mit dem schmutzigen Vorhang, der hinter dieKulissen führt, mit der aus einem Stuhl und einemTisch bestehendenAusstattung, befand sich kein Mensch. Das „Orchester" spielte. Ein junger Mann mit rötlichem Bart bemühte sich, aus seiner Violine einigermassen harmonische Klängehervorzulocken. Ein blasses, mageres Mädchen von sechzehn Jahren mit einem Knabengesicht machte Kraftanstrengungea im Flötenspiel, und noch zwei andere spielten Klarinette und Kontrabass. Da ertönte die Glocke. Der zweite Teil der Vorstellung begann. Irgend einer der Darsteller trat in einem grauen, schäbigen Rock auf das Podium und trug ohne jedes Temperament, ohne Talent und ohne Stimme, zu der primitiven Begleitung des Orchesters drei Couplets vor, die weder durch ihren Inhalt, noch durch den Vortrag den geringsten Eindruck machten. Sein Abgang von der Bühne wurde von spärlichem Beifallklatschen begleitet. Welch freundlicher Beifall erschallte aber, als auf dieselbe Bühne Pepi Littmann trat! Ich hatte keinen Theaterzettel und gestehe, dass ich höchst überrascht war, als ich erfuhr, dass dieser „TF FILIN.«

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