Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1902)
- Article
- Unsere Illustrationen [Rezension]
- Date
- 1902-12-01
- Page
- Seite 847 - 848 (sequence 3)
- Language
- German
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847 Unsere Jllustationen. 848 seine Prophetie. Aber der Prophet muss aul den Berg, und das Volk kann keine Höhen bezwingen. So bleibt es allein und feiert die Feste seiner Niederung. Das ist die Tragik und die Schuld in der Erzählung der Bibel. Aber was ist tiefer an Tragik, Schuld und Grösse des Propheten oder Unschuld und Niedrigkeit des Volkes? Die Bibel löst die Frage mit den tiefen Worten: „Und an dem Tage, da ich an ihnen ahnde, ahnde ich an ihnen diese Schuld." Das Volk wird bestraft, nicht weil es gesündigt hat, sondern' weil es sündigen wird; nicht weil es niedrig gehandelt hat, sondern weil es niedrig ist. Es wird bestraft, weil der Prophet nicht auf die Berge darf, ohnje sich zu verschulden. Diese Lösung soll Ury's Zeichnung besagen. Da unten wimmeln sie; lustbesessen, johlend kriechen sie dahin in dieser engen, tiefen, dumpfen Schlucht. Das Kalb steht über ihnen, und Opferdunst und Taumel qualmt schwül um sie her. Und für dieses Volk soll es Tafeln geben, Gesetz? „Die Peitsche!" schreit alles von oben her, das grausigt) Gewölk, der dräuende, gewaltige Berg, der emporgereckte, wutbenommene Moses und der verzweifelte Josua auf dem gewaltsam abgeschnittenen Hang. An den sind sie herangekommen, von Taumel und Angst besessen, vom Wahn zusammengetrieben. Da saust es über sie herab und zerschmettert ihre Köpfe, und weiter droht es von oben. Sie wollen hinweg, sich retten vor diesem Donner und Tod; aber sie können nicht mehr. Eingekeilt presst sich die Menge, gespenstisch verzerrt blicken sie hin und her und ersticken in ihrer Enge. So hat das Ury gesehen. Und immer muss einer kommen, der dies so sieht und sagt. Aber doch ist die' Geschichte nicht so trostlos, wie diese Gesichte uns künden. Denn es gab Jünger des Propheten, und es gab Propheten, damals und später und jetzt. W. Stryowski: „Jüdische Hochzeit".1 Ein Stück Leben der Judenheit des Ostens. Bunt, wild, lärmend im Aufbau wie im Inhalt. Es ist Freudentag. Alles jubelt, drängt sich, balgt sich, neckt sich, lacht und fiedelt, teilt Gaben aus und — weint. Der knabenhaft junge Bräutigam steht unter dem Traumhimmel auf dem Hofe der Synagoge und träumt so ernst ins Weite. Der Rabbi hat sich ihm genähert und erhöht ihm durch seine Gegenwart die Bedeutsamkeit der Stunde. Die Väter stehen daneben und sehen der Braut entgegen. Diese wird herangeführt mit Tanz und Lachen. Aber sie sieht es nicht, wie sie tanzen, und hört nicht auf ihr Lachen. Sie weint. Sie hat nicht ja gesagt und durfte auch nicht nein sagen. Niemand hat sie gefragt. Sie alle freuen sich, und sie weiss nicht, warum. Der Bräutigam ist fromm und reich, reich wie sie selbst; die Väter haben es besprochen, und der Rabbi hat es gut geheissen. Also fiedeln die Chassidim, witzelt der Narr, und singt der Kantor. Dies alles geht da vor sich in dem engen Raum, und immer mehr drängen sich heran, von der Synagoge herab und von der Strasse her. Die Freude ist wild, denn morgen ist's aus. So tollt alles durcheinander. Jedes Eckchen ist belebt, alles drängt und schiebt und betäubt den Raum und die Seelen. Und mitten darin zwei wehmütig fragende Herzen. Wie das Leben, so die Kunst. Jauchzen und Weinen, Elegie und Gejohle, Reichtum und Wehe in wildem Durcheinander. Die Schnorrer sind lustig, und Bräutigam und Braut allein in ihrer Wehmut. K. EIN JUEDISCHES UEBERBRETTL IN GALIZIEN. Von M. S. (Berlin). Mein journalistischer Beruf führte mich in einer Angelegenheit, die mit dem galizischen Judentum nichts zu schaffen hat, im vergangenen Sommer nach Lemberg. Hier Hess ich es mir angelegen sein, das mir nur vom Hörensagen bekannte Leben der galizischen Juden sowohl hinsichtlich seiner äusseren Bedingungen, als auch auf die inneren treibenden Kräfte hin eingehend zu studieren. Obwohl der überwiegende Teil der galizischen Judenheit einen unaufhörlichen, aufreibenden und nicht selten demoralisierenden Kampf um ein kümmerliches, von keiner Not und keinem Elend verschontes Dasein führt — so sind doch sogar in jenen Schichten des jüdischen Volkes, deren mühselige Existenz jeder Beschreibung spottet, Spuren eines regen geistigen Interesses wahrzunehmen. Das wird besonders durch die Thatsache erwiesen, dass in Lemberg seit vielen Jahren ein jüdisches Theater besteht, welches hauptsächlich von der ärmsten jüdischen Bevölkerung besucht wird. Dieses Theater glänzt weder durch prachtvolle Ausstattung, noch durch hervorragende künstlerische Kräfte. Das ganze Jahr hindurch werden in ihm mit unermüdlichem Eifer und in bunter Folge Tragödien, Possen und Opern aufgeführt, die nur in den seltensten Fällen an den ästhetischen und litterarischen Wert eines mittelmässigen Volksstücks in einem europäischen Theaterrepertoir heranreichen. Die ganze unzählbare Menge bedauerlicher Mängel, welche an dem Lemberger Theater auszusetzen sind, wird aber von einem hervorragendenVorzug überstrahlt und im Sinne des gewöhnlichen jüdischen Publikums vielleicht zum Teile wettgemacht. Dieser Vorzug besteht darin, dass von der Bühne herab ein TJargon" gesprochen und gesungen wird, in einer Sprache, die von der gesamten jüdischen Bevölkerung Galiziens zu mindest verstanden wird. Aber nicht bloss in diesem sogenannten Gimpel'schen Theater sucht der aus der abstumptenden, bedrückenden Mühsal der ganzen Arbeitswoche zu einem wärmeren Lebens-