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Ost und West · 1902-12-01 · Heft 12 (Dezember 1902) · p. Seite 819 - 820

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 12 (Dezember 1902)
Article
Berliner Judentaufen
Date
1902-12-01
Page
Seite 819 - 820 (sequence 5)
Language
German
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819 Dr. N. Samter: Berliner Judentaufen. 820 . Töchter des Berliner Maklers Aroa Meyer, wurden ihrer Schönheit wegen viel gefeiert; Klugheit wurde aber nur der jüngeren Schwester Marianne nachgesagt. Beide durften sich der Freundschaft Goethes rühmen. Ueber ihre Taufe hat Ludwig Geiger interessante Details beigebracht. Sie wandten sich, noch in sehr jugendlichem Alter stehend, ohne Vorwissen ihrer Eltern, tauflustig an den Pastor Stein in Welsickendorf. Stein war einer von denen, die es den Leuten gern bequem machen. Ohne vorherigen Unterricht im Christentum taufte er das ältere Mädchen auf Grund eines von ihr eingereichten schriftlichen Glaubensbekenntnisses. Nach Sarah kam Marianne an die Reihe, die, wie sie bekannte, nur ein vom ihm entworfenes Glaubensbekenntnis kurz vor der Taufe zu unterschreiben brauchte. Die Eltern erhoben jedoch gegen solche leichtfertige Handlung mit Erfolg Einspruch, und die armen Märtyrerinnen mussten wieder das verhasste Judentum annehmen. Sarah, der als Mädchen auch Lessing gehuldigt hatte, musste, nachdem sie wieder Jüdin geworden war, einen jüdischen Kaufmann, Lipmann Wulff, heiraten. Das geschah 1788; neun Jahre später führte sie, noch als Jüdin, der livländische Baron von Grotthuss als Gattin heim; aber da sie erklärte, trotz des wieder angenommenen Judentums im Herzen immer eine gute Christin geblieben zu sein, wurde ihr nunmehr auch gestattet, ohne Wiedertaufe das Christentum zu bekennen. Ihrer Schwester, tder schönen und klugen Marianne, machten der sächsische Gesandte Graf Gossler und der dänische Gesandtschafts- Attache Graf Christian Bernstorff den Hof, sie konnten sich aber beide zu einer Heirat mit dem Judenmädchen nicht entschliessen. Der österreichische Gesandte Fürst Reuss, zwar hässlich wie die Nacht, wenn man Frau Herz glauben darf, aber immerhin doch ein Prinz, überwand dieses Vorurteil und machte sie zu seiner Lebensgefährtin. Man kann nicht sagen, dafs die reichen Juden Berlins damals schon dem Judentum entfremdet waren, aber die Kinder, namentlich die Töchter, waren tauflustig. Es ist daher wohl glaublich, was aus dem Jahre 1782 berichtet wird, dass der Pastor KobLank, welcher auf Seelenfang ausging, namentlich bei den Jüdischen Frauenzimmern" Gehör fand. Es hatte wenig Erfolg, wenn die Väter durch gelinden Zwang ihre Kinder beim Judentum zurückzuhalten suchten. Der uns bereits bekannte Veitel Heine Ephraim und der Oberlandesälteste Moses Isaak, der so reich war, dass er iedem seiner sechs Kinder 96000 Thaler geben konnte, errichteten Fideikommisse, von deren Genuss diejenigen ihrer Nachkommen ausgeschlossen sein sollten, welche die jüdische Religion verliessen. Unter Moses Isaaks Erben entstand hierüber ein langwieriger Prozess. Nach seinem Tode gingen nämlich zwei seiner Töchter zum Christentum über, um einen Leutnant bezw, einen Kammerassessor zu heiraten, beanspruchten jedoch nichtsdestoweniger auf dem Prozesswege Teilnahme am Fideikommiss. Dieser Anspruch wurde zwar vom Obertribunal zurückgewiesen; aber aui erneute Klage endete der Prozess mit einem Vergleich, und eine Kabinetsordre vom Jahre 1786 untersagte den Juden für die Zukunft eine derartige Testamentsklausel zum Nachteil der christlichen Religion. Daniel Itzig, ein naher Verwandter Moses Isaaks, der noch diesen Prozess erlebte, suchte daher noch bei Lebzeiten die Genehmigung der Regierung zu seinen testamentarischen Bestimmungen zu erlangen. Die hier betrachteten Juden und Jüdinnen gehörten den reichen und gebildeten Kreisen an, und aus diesen haben sich in der That vorzugsweise die Apostaten rekrutiert. Der gemeine Mann blieb dem Judentum treu. Nur solche, welche kein Heimatsrecht besassen und als „unvergleitete" Juden jederzeit ausgewiesen werden konnten, meldeten sich aus Verzweiflung öfter zur Taufe. Ausserdem kam es vor, dass jüdische Dienstmädchen sich mit Christen einfiessen und, um die Heirat zu ermöglichen, das Christentum annahmen. Ueber die Zahl der Getauften besitzen wir keine offiziellen Daten. Aber ein Verzeichnis, welches David Friedländer 1811 dem Staatskanzier Hardenberg einreichte, enthält spezielle Angaben für den Anfang des 19. Jahrhunderts. Es ist eine Liste von Berliner Juden, die grösstenteils in den letzten 5 bis 8 Jahren (also 1803—1808) das Judentum verlassen hatten. Es sind 50 Nummern, nämlich 32 Hausväter mit zahlreicher Familie und 18 unverheiratete Männer. Friedländer bemerkt jedoch, dass ihm durchaus nicht alle bekannt geworden seien. Nun betrug aber, wie gleichfalls Friedländer betont, die Familienzahl der berlinischen Judenschaft im Jahre 1806 nur 405, so dass der Prozentsatz der Getauften nicht unbeträchtlich erscheint. Ein Hauptmotiv der Judentaufen kam in Wegfall, als 1812 die preussischen Juden Bürgerrecht erhielten. Wie aber die Erwartungen, welche sich an diese Errungenschaft knüpften, getäuscht wurden, und wie sich infolgedessen erst recht viele Juden vom Judentum lossagten, darüber vielleicht in einem zweiten Artikel.

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