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Ost und West · 1902-12-01 · Heft 12 (Dezember 1902) · p. Seite 815 - 816

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 12 (Dezember 1902)
Article
Berliner Judentaufen
Date
1902-12-01
Page
Seite 815 - 816 (sequence 3)
Language
German
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815 Dr. N. Samter: Berliner Jndentauien. 816 Hensel, Rebekka mit dem katholischen Mathematiker Lejeune-Dirichlet. Letztere wurde Mutter des Walter Lejeune-Dirichlet, welcher in den achtziger Jahren des verflossenen Jahrhunderts als fortschrittlicher Abgeordneter den Reichstag und das preussische Abgeordnetenhaus durch schlagfertigen Witz oftmals erheitert hat. Von Moses Mendelssohns Kindern war Dorothea geistig am bedeutendsten. Der Judenfeind Fichte schrieb einst an seine Frau, er hätte nimmer geglaubt, dass von den Juden etwas Gutes kommen könne, bis ihn Dorothea Mendelssohn eines anderen belehrt habe. Und sie, die kluge Frau, die Tochter Moses Mendelssohns, verliess ihren braven Gatten Simon Veit, um sich dem genialen, aber liederlichen Friedrich v. Schlegel an den Hals zu werfen und mit ihm durch dick und dünn, d. h. durch Protestantismus und Katholizismus, zu gehen. Schon zwei Jahre vor der Taufe (1802* „verabscheute" sie die Religion ihres Vaters. Später wurde sie eine so vortreffliche Christin, dass sie ihren Sohn Johannes aufforderte, für die Bekehrung seines Oheims Joseph, der sich nicht taufen lassen wollte, zu beten, und dass sie Goethe wegen seiner antichristlichen Gesinnung ernstlich zürnte Natürlich machten ihre beiden Söhne erster Ehe, Johannes und Philipp Veit, die Taufe mit und wurden beide berühmte Maler. In ihrer Kunst schlössen sie sich denen an, welche man wegen ihrer christlichromantischen Tendenz die „Nazarener" nennt. Die Frivolität, mit welcher damals die Religion gewechselt wurde, zeigte sich bei Dorotheas Schwester Henriette in ihrer ganzen Erbärmlichkeit. Als Dorothea katholisch geworden war, forderte sie Henriette auf, sich gleichfalls der römischen Kirche in die Arme zu werfen, — eine Zumutung, welche diese mit Unmut verlachte und sich einfür allemal verbat. Es dauerte aber gar nicht lange, da befolgte sie dennoch den Rat, „nicht eigentlich schon in Besitz eines festen Glaubens, aber voll Hoffnung, ihn zu erlangen". Ihre Hoffnung muss wohl in Erfüllung gegangen sein, denn in ihrem Testamente spricht sie mit Bedauern davon, dass Gott, der Herr, sie nicht der Gnade gewürdigt habe, die Geschwister alle zur katholischen, wirklich seligmachenden Kirche hinüberzuziehen. Was ist aus der Nachkommenschaft unseres Moses geworden! Seine Tochter Dorothea küsste dem Papste den Pantoffel, zwei seiner Enkel malten mit Vorliebe Jesusbilder, und ein dritter Enkel verherrlichte den Paulus. Heinrich Heine schrieb (11. Februar 1846) an Lassalle: „Wenn ich das Glück hätte, ein Enkel von Moses Mendelssohn zu sein, so würde ich wahrlich mein Talent nicht dazu hergeben, die .... in Musik zu setzen.44 „Treuer Schüler und Freund des Weltweisen Moses Mendelssohn" — so wünschte David Friedländer, ein Schwiegersohn Daniel Itzigs, einst auf seinem Grabstein genannt zu werden. Aber wie war er seinem Lehrer und Freunde so unähnlich! Mendelssohn wusste, dass das Ceremonialgesetz ein wesentliches Stück des Judentums ist und ohne Gefahr für das Ganze nicht preisgegeben werden kann; Friedländer schwärmte für eine Allerweltsreligion, welche Juden und Christen gemeinsam bekennen könnten, wofern nur die einen auf die lästigen Ceremonien, die anderen auf die der Vernunft unzugänglichen Dogmen verzichten wollten. Freilich wurde sein Anerbieten, das er im Namen einiger Hausväter jüdischer Religion an den Propst Teller in Berlin richtete, das Christentum ohne Dogmenzwang anzunehmen, von diesem höflich abgelehnt; der Propst gehörte nicht zu den Geistlichen, welche sich etwas abdingen Hessen; er meinte wohl auch, dass Juden von gleicher Denkweise in Bezug auf die Verbindlichkeit der jüdischen Gesetze, aber von geringerer Gewissenhaftigkeit als Friedländer, das Christentum sans phrase annehmen würden. Die Nachkommen Friedländers schreckten in der That vor diesem Schritt nicht mehr zurück und erlangten durch das sacrificium intellectus die ersehnte Rangerhöhung. Ein Enkel, Julius Friedänder, wurde Direktor des Kgl. Münzkabinets in Berlin. Dessen Neffe, Ernst Friedländer, war Geheimer Staatsarchivar. Ein Gesinnungsgenosse Friedländers war der Böhme Herz Homberg, der Erzieher von Mendelssohns ältestem Sohne. Berlin gehörte er allerdings nur einige Jahre an. Später begab er sich nach seinem Heimatslande Oesterreich zurück, . und die dortigen Juden wurden gezwungen, sich von dem Manne in der Religion unterweisen zu lassen, dessen eigene Kinder infolge ihrer Erziehung vom Judentum abfielen. Ein dritter Freund und Verehrer Mendelssohns, Hartwig Wessely, ein hebräischer Dichter und gewandter Stilist, blieb zwar für seine Person dem überlieferten Judentum treu, dem Abfall in der Familie konnte aber auch er nicht wehren. Franz Delitzsch lernte einen seiner Söhne kennen, der zum Christentum übergetreten war, ohne dadurch freilich auf einem grünen Zweig zu kommen. Es war damals die Zeit der Salons. Reiche Juden — die Ephraim, ltzig, Levy, Meyer. Cohn, Herz, Levin — machten ihr Haus zum Sammelpunkt für alles, was auf Geist und Bildung Anspruch machte. In diesen Cirkeln wurde fleissig die Kur geschnitten, und wenn Barone oder Grafen einem Judenmädchen ins Ohr raunten: Lass' Dich taufen, Dann lohnt Dich uns'rer Liebe Sold —, antwortete es selten wie jene Jüdin bei Adolph Strodtmann: Ich bin zu stolz, mich zu verkaufen, Wenn Ihr mich frei nicht lieben wollt. Für eine Grafen kröne, oder auch noch billiger, verkaufte man gern das biss-'-hen Glauben, das etwa noch vorhanden war. Denn das Jud ntum stand damals

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