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Ost und West · 1902-11-01 · Heft 11 (November 1902) · p. Seite 783 - 784

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 11 (November 1902)
Article
Neuere Arbeiten von Hermann Struck [Rezension]
Date
1902-11-01
Page
Seite 783 - 784 (sequence 2)
Language
German
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783 Neuere Arbeiten von Hermann Struck. 784 ..Galizischer Jude" (Originalradieruug.) Ein Kopf von eindringend starker Charakteristik. Eine lebhaft geschwungene Stirnlinie, die sich kühn über die Nase hinauswölbt; in Bogehlinien einfallende Nasenflügel, in gebrochener Bewegung der Horizontale rückgeleitet in die Einheitlichkeit des Gefüges. Ueber dem Auge lagern schwere Lider. Schwerfällig, schlaffe Muskelspannung, darüber wildes Haar und der lange, weisse Bart. So ist das Gesicht eingehüllt, abgeschlossen der fremden Welt dort draussen. Der Mann lebt ferne der Welt des Diesseits, ferne ihrem Verkehr, ihrer Wissenschaft, ihren Naturgesetzen. In sie schaut er wie im Halbschlaf hinein, ihre Erscheinungen sind ihm Traum, ihre Wirklichkeit Schein und ihre Leiden und Leidenschaften nur Gaukelspiel und Täuschung. Träumend geht er über den Markt, dorthin in die stille Klause mit den harten Bänken und den kahlen, grauen Wänden. Dort nimmt er ein altes Buch zur Hand, und nun zaubert er sich alle Gärten der Wonne herbei, lässt Gesang der Seraphim erklingen und holt alle Schätze und alle Seligkeit aus dem Lande der Mystik. Und dann kommen die anderen, die Brüder aus der Gemeinde der Wissenden. Und nun beginnt der wilde Gesang, der heisse Rausch, die selige Verzückung. Und die Gottheit strahlt Kreise aus, Kreise ihres Wesens in tausendfältiger Erweiterung, und in die Kreise dringen sie ein, die da singen mit geschlossenen Augen, mit glühendem Atem und heissem Durste. Und wenn sie, allen Daseins vergessen, dahinwirbeln durch die Unendlichkeit dieser Kreise und ihrer eigenen Glut, dann beginnt, fern der Wirklichkeit, das Leben, das sie gesucht. „Portrait des Dr. H." (Originalradierung). Eine Persönlichkeit, belauscht auf ihrer Flucht in sich selbst; ein Denker, der hinausgeforscht in die Welt und nun heimkehrt und sucht, was sich da fände, das stand hielte der Zersetzung. Schatten legen sich um Auge und Wangen, wie von trüben Gedanken darüber gebreitet. Die hohe Stirn senkt sich herab und lastet nach unten und birgt alles Denken und seinen Druck in die eigene Tiefe. So ist alles umspannnt und zur Einheit verdichtet; in der Erscheinung durch die gesenkten Schatten und innen durch das Pathos der Ferne. Was der Tag bringt an einzelnen Ereignissen, erweckt weniger Verwunderung und weniger des Leides, weil das Leben gesehen ist, wie es umhergeht mit der Folge seiner Dissonanzen, mit der Kette der Bedingungen, die ihm die Geschichte gestellt. Dieser junge Kopf ist greise geworden, weil er gesehen ward, als Gedanken ihn überkamen, die die Jugend verscheuchen. Er hat so viel gefragt nach der Geschichte der anderen, dass er mit ihnen gealtert in ihrer Geschichte. Er sah den einen bei seiner Hawdalah, und da fragte er, warum er so trübe von seinem Sabbat scheide und warum er so allein stehe, wenn er sich gesättigt an der Weihe des Tages und sein Gott in seiner Nähe ist. Und da sah er, dass jener den Gott verloren, den man mit Jubel preist und HERMANN STRUCK. Nach einer Originalradierung. Portrait des Dr. H. (lesend). mit lachendem Lied, und er sah, dass sein Sabbat zu arm ist für die Dürre seiner Woche. Und den andern sah er, schlaff und müde von seinem mystischen Taumel, Und da fragte er wieder: warum er seine Seele betäube, warum er künstliche Reiche seinem Bewusstsein erzwinge. Warum er die Schönheit suche in den Welten einer erregten Phantasie, wenn der Durst ihn überkommt nach Leben und Lust. Und die Antwort nahm ihm wieder vom Frohsinn seiner Jugend. Denn jener zieht hinweg von dieser Welt in das Traumland seiner Verzückung, weil er nur dort das Elend vergessen kann, das ihm hier den Atem erstickt. Er selbst weiss es nicht, wie arm er ist, wenn er in. den Reichtümern seiner Wunderwelt schwelgt, und nur der andere weiss es, wie traurig es ist, dass es Menschen giebt, die man nicht wecken darf, weil sie nur im Traume lächeln. K. BERLINER JUDENTAUFEN. Von Dr. N. Samter. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts gab es inner-, „Aufgeklärten", die mehr oder weniger mit dem überhalb der jüdischen Gemeinde von Berlin, wie in den lieferten Judentum zerfallen war. Sie fühlten sich meisten deutschen Grossgemeinden, eine Partei der mehr zu den Christen hingezogen, deren Bildung sie

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