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Ost und West · 1902-11-01 · Heft 11 (November 1902) · p. Seite 781 - 782

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 11 (November 1902)
Article
Neuere Arbeiten von Hermann Struck [Rezension]
Date
1902-11-01
Page
Seite 781 - 782 (sequence 1)
Language
German
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781 782 NEUERE ARBEITEN VON HERMANN STRUCK. In einer Reihe von Portraitköpfen erzählt Hermann Struck von seinen Forschungen in der jüdischen Seele.......Mit einem Blicke, den Sehnsucht und Liebe geschärft, dringt er hinein in die Seele dieser Menschen und sucht ihre individuelle Erscheinung festzuhalten und alle seelische Bewegung zur Widerspiegelung zu bringen. Und was er am liebsten gesucht und am glücklichsten gefunden, sind jene unnennbar feinen und flüchtigen Charakteristika, die Menschen auszeichnen, welchen eine gemeinsame Geschichte eigen ist. Und dies gelingt demjenigen umso besser, dem dieses Gemeinsame von Bedeutung ist, dem es Wert und Schönheit der Persönlichkeit erhöht. Denn die letzte Schönheit, den letzten Duft einer Persönlichkeit auszuschlürfen, vermag nicht der, der sie begreift und beurteilt, sondern nur, wer sich in sie versenkt und in ihre Tiefen verloren hat. * Portrait des Dr. A. Berliner (Oelgemälde). Der Kopf eines jüdischen Gelehrten. Eines jener Männer, deren Gelehrsamkeit das Judentum war und deren Leben das Judentum. Sie gingen mit dem Judentum durch die Jahrhunderte und durch die Länder. Da sahen sie das Judentum ewig in Wandel, ewig in Leid und ewig in der Hoffnung. Und immer wieder vergassen sie das Leid und leuchteten in ihrer Hoffnung. Jeden Lichtpunkt suchten sie zu erspähen, und an jedem Lichtpunkt ward ihre Hoffnung aufs neue entzündet. Denn ihre Geschichtsauffassung war die des religiösen Optimismus, und im Leid wie im Glück sahen sie die gütige Hand Gottes, „des Name gepriesen sei". Sie fühlten sich nur als Kinder Gottes, und wo das Kind in uns .auflebt, da macht das Herz den Charakter aus. Forschend blickt das Auge durch die Brille ins Weite, mit der Kühle wissenschaftlicher Betrachtung. Und dabei suchen Auge und Geist nur zu erkennen, um erkennend zu lieben. Die Liebe ist der Zweck, die Erkenntnis das Mittel. Wer dieselbe Strasse zu Gott zieht, den segnet das Herz, dass er dieselbe Strasse wandelt, demselben Ziele entgegen; und wer eine andere geht, den segnet es wieder, dass er den Weg nicht verfehle, der sie am heiligen Ziele zusammenführt. Denn fromm ist das Herz, und mag der Gläubige fluchen, das Herz des Frommen segnet oder weint. * Portrait des Herrn M. E. S. (Oelgemälde), Eine Darstellung leiser, psychischer Bewegung mit lebhaftem Widerspiel im Ausdruck. Starke Geistigkeit in der Linie und naive Schlichtheit als seelischer Reflex. Der Spiegel eines Mannes, der in der Familie und dem Beruf seine Welt hat und doch berührt ward von den Fragen des Lebens, irgendwo in sinnender Seele, irgendwann in der Zeit. Und allen Fragen ward lange ihre Antwort. Die Augen blicken milde in eine Welt, die Milde regiert, vertrauend, ohne Bangen. Solche Juden empfinden Wehmut statt des Schmerzes, sie können weinen, aber nicht zweifeln. Es sind die Träger jener uralten, ewig jungen Lebensweisheit, die eine Welt aufgebaut, für die es kein Vergehen giebt. Eine liebliche Melodie erklang ihrer Kindheit, da kam das Lächeln über sie, und die Weise und das Lächeln spielten dann weiter in ihrer Seele. So waren sie Männer geworden, die weise sind, ohne forschen zu müssen, und für die es kein Leid giebt, in dem nicht auch schon ein Trost wäre. „Sabbatausgang" (Originalradierung).*) Ein älterer Mann steht vor dem Tischchen. Daraut die Gewürzbüchse, der Weinbecher, das Hawdalahlicht. Er lässt seine Finger von dem Lichte bescheinen und blickt auf den Lichtschein. Der Sabbat ist vorbei, und die Woche beginnt ihm, und so weilt er, damit der Sabbat noch weile. Trübe Falten haben sich in sein Gesicht gesenkt, und er ist allein. Mit Duft des Weines und der Gewürze giebt er dem Sabbat das Geleite, Licht leuchtet darum, und Psalmen klingen darein. Aber niemand ist um ihn, dem er den Wein reiche zum Trank und das Gewürz mit seinem Duft, und niemand mehr, der den Sabbat ihm geschmückt und die Woche mit ihm trage. Allein steht er in seiner Ecke, wohin das Leben ihn gestellt und wo der Sabbat ihn verlassen. Darum steht er noch weilend und stille, um allen Duft noch einmal zu schlürfen, da noch letzter Sabbathauch um ihn weht und Weihelicht um ihn leuchtet. Nicht der Brauch selbst und seine bildlichen Formen haben für ihn die Bedeutung, die unmittelbar das Herz berührt; aber was er geübt hat, weil es gewohnt und weil es geboten, das hat er mit den anderen gemeinsam geübt; diese anderen waren seine Welt und seine Liebe, und so wurden die Formen des Lebens mit der Liebe getränkt, die die Herzen verbunden *) Reproduktion nach dieser Radierung erscheint im nächsten Heft von „Ost und West". HERMANN STRUCK. Nach einem Oelgemälde. * Portrait des Herrn Dr. A. Berliner.

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