Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 11 (November 1902)
- Article
- Der Rabbi
- Date
- 1902-11-01
- Page
- Seite 777 -778 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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777 Emst Guggenheim: Der Rabbi. 778 JP3ERMAXN STRUCK. VorStadt-AbendStimmung. Kach einer Originalradierung. (Aus einem Cyclus vom Rande Berlins.) Dann aber richtet sich der Vater hoch auf und sagt ruhig und mit gedämpfter Stimme: „So geh1 — so bist Du nicht mehr mein Sohn, bist es nie gewesen . . . geh', Dich hat der Himmel verflucht — nimm auch meinen Fluch mit." Die Mutter stand unter der Thür und hörte eben die letzten Worte ihres Mannes und den Schrei der Verzweiflung aus dem Munde des Sohnes. Sie springt auf ihn zu und umarmt ihn und benetzt seine Wangen mit ihren Thränen. Sie konnte kein Wort sprechen, und als der Kantor kam, sie vom Rabbi zu lösen, war sie willenlos. Willenlos lässt sie sich von dem hartherzigen Bruder an den Lehnstuhl führen, der am Fenster steht. Dort sitzt sie und weiss nicht, was um sie vorgeht und schluchzt nur leise vor sich hin. Neben ihr steht der Vater, er hat sich stumm von dem Verfluchten abgewendet. An seiner Stelle steht der Kantor. — — Plötzlich springt der Rabbi auf; seine Augen blitzen und drehen sich in den Höhlen. Er krampft die Hände zusammen und bemüht sich zu sprechen; aber vergebens.-- „So geh'," zischt der Kantor zwischen den Zähnen; „geh' in den FTuss," sagte er ganz leise. — — — „Lebt wohl, und der Eine soll mir verzeihen — an ihm hab' ich gesündigt, aber ich habe gebüsst. Lebt wohl!" Gelassen geht er zur Mutter, küsst sie auf die Stirn — und wendet sich ab. Und hinter ihm^ schlägt der Kantor die Thür zu.