Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 11 (November 1902)
- Article
- Der Rabbi
- Date
- 1902-11-01
- Page
- Seite 775 - 776 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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775 Ernst Guggenheim: Der Rabbi. 776 .Zimmer schon den ganzen Abend, wie ein Alp, wie die Ruhe vor dem Gewitter. „Er wird nicht kommen." klingt es mit entschiedener Stimme vom Sohne her. „Er wird nicht kommen und ein Wortbrüchiger sein und uns verraten, uns Schande bringen und Schimpf, der Elende." Das stiess er rasch hinaus und mit gedämpfter Stimme, als fürchte er, man könne ihn hören; und in seinen Worten war Hass.-- „Er wird kommen, er kommt gewiss," sagt jetzt aber die Mutter, „und er ist kein Elender, mein Sohn, mein Liebling, und kein Meineidiger; und wenn er seinen Gott verrät, mich wird er nicht verraten, mein Sohn, denn er liebt mich und ist gut, und was er thut — muss er thun." Wie ein Strom von Thränen war ihre Rede, heiss und sanft und von Thränen war sie begleitet. Aber es war ihr jetzt leichter.-- Wieder war alles ruhig; der Kantor wagte nichts zu entgegnen. Aber in ihm bebte es und es drängte ihn, den Bruder zu verklagen, den Abgefallenen, den Gefallenen--- Plötzlich erlischt das letzte Licht; es war ein leichter Zugwind. Denn die Thür hat sich geöffnet; aber niemand bemerkt den in der Thür. Denn er hat sie nur ganz sachte geöffnet, wie mit Angst, und ist stehen geblieben vor dem traurigen Bild, das er im sterbenden Lichte sah und weil er sich fürchtete vor dem, was jetzt kommt. „Ich harre aus," seufzte leise die Mutter, wie eine Antwort — denn ihr ward wieder schwer ums Herz. Aus der Lampe war es schwarz aufgestiegen von Rauch und das lag nun in der Luft, schwül und schwer und beklemmend. Und in der Thür steht ja auch der Sohn, der geliebte. Niemand hat ihn bemerkt. Aber die Mutter ihn gefühlt, unbewusst; ein zartfühlendes Herz, das Mutterherz versagt nicht, wenn Ohr und Auge lang tot sind. Und drum ward ihr auch schwerer-- Plötzlich schreit es, das Kind ist erwacht. Der unruhige Schlaf auf dem harten Holzsessel, die feinen, unverdorbenen Organe, das erlöschende Licht . . . das alles . . . Und jetzt stand er da in des Kindes Traume: „er will mich mitnehmen .... hilf — Mama — puh, der Schwarze---und seine Augen, dort . . . brennen." Die Grossmutter steht auf. „Du Armes" sagt sie, „Dich haben wir vergessen ..." und will die Kleine ins Bett bringen. Aber die schreit immer: „dort--dort — — er kommt —--" und verbirgt sich im Schosse der Grossmutter; die küsst das Kind besänftigend auf die Stirn und streichelt es, während der Vater seine Hände über ihm ausbreitet und leise vor sich hinmurmelt. Unterdes ist der Rabbi ins Zimmer getreten; aus einem Glasschränkchen hat er zwei Kupferleuchter geholt, Prunkstücke, nur für hohe Festtage. Die hat er angesteckt und auf den Tisch gestellt. Alles ruhig und gelassen; wie mit Ueberlegung. „Mein Gott," schreit die Mutter, wie sie ihn so sieht, und will auf ihn zu. Aber der Vater fängt sie auf; es hat sie überwältigt, sie war zu schwach weiterzugehen, und nun liegt sie in den Armen ihres Mannes. Der Rabbi will auf sie zu, aber da löst der Vater die eine Hand und hält sie ihm abwehrend entgegen. Langsam sinkt er auf den Stuhl des Vaters und verbirgt das Haupt in seinen Armen, bis ihm der Vater ruhig beide Hände auf die Schulter legt. Er hatte die Mutter besänftigt; sie ist weggegangen, das Kind in's Bette zu legen, und der Kantor musste das ängstliche Kind begleiten. So sind Vater und Sohn allein. Der Rabbi erhebt sich von seinem Stuhle, und steht dem ehrwürdigen Greise gegenüber. Ihre Augen liegen einen Moment ruhig ineinander; aber dann geht ein Zittern durch den Körper des Rabbi — er sinkt wieder auf den Stuhl zurück. In seinen Augen liegen Thränen. „Ich hab' ihn nicht gefunden, Vater — — was soll ich nun?" „Nicht gefunden?" wiederholte nach kurzem Schweigen düster der Vater. „Schurke" ruft es von der Thür; der Kantor war von der Mutter zurückgekehrt und hatte die traurigen Worte des Vaters noch gehört. „Schurke,--verdirb uns!" „Oh Euch, auch, — Ihr seid verdorben . . . verdorben, und habt mich verdorben . . . wer sonst?!" Wieder wird es ruhig — nur das Schluchzen des Rabbi und halblaute Flüche des Kantor.