Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 11 (November 1902)
- Article
- Lieder des Ghetto
- Date
- 1902-11-01
- Page
- Seite 759 - 760 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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759 Börries, Freiherr von Münchhausen: Lieder des Ghetto. 760 Amerika, das sind die Stationen seines Leidensweges. Die dumpfigen Arbeitssäle der grossen Fabriken, die Sweat-Shops, sind das Milieu, in dem sich sein Leben und seine Gesänge abspielen. Aber unter dem Drucke der Not wurde ein Dichter aus dem „Cheder" - Jungen, dem Diamantschleifer, dem Fabrikarbeiter, und seiner Gedichte wertvollste vereinigt dies Buch. Und nun ziehen die Lieder ins Land, gekleidet wie Fürstenkinder durch die Kunst eines unserer ersten Zeichner, während ihr Schöpfer vielleicht nicht das Geld hat zu einem Rocke vom Althändler. Proletarierlieder sind Rosenfeld's Dichtungen überall, im guten und im schlechten Sinne. Wundervoll sind die Strophen des Eingangsgedichtes: Mein Lied. O glaubt, kein goldenes Instrument Stimmt meine Kehle zum Singen, O glaubt, kein Wink von oben lässt Meiner Leyer Saiten erklingen. Der Sklave, der seufzt und der Sklave, der stöhnt, Der weckte in mir die Lieder, Und flammend erwacht in mir ein Sang Für meine armen Brüder. Dafür vergeh ich vor meiner Zeit, Dafür verbrauch ich mein Leben, Was können mir für einen Dank Die armen Leute geben? Sie geben für Thränen: Thränen her, Sie können nicht anders mich lohnen. — Ich bin ein Thränenmillionär Und beweine die Millionen! Vielleicht fühle ich als Nichtjude empfindlicher das Spezifisch-jüdische in diesen Versen, das verunglückte Bild der ersten, das charakteristische der letzten Zeilen. So geht es mir oft in dem Buche. Und doch kann ich mich des Zaubers nicht erwehren, der über seinen Seiten liegt. Wie ergreifend ist das jüdische Lied „Rosinen und Mandeln" ins Milieu gestellt: Rosinen im Lied und im Stübchen kein Brot! Wie prächtig ist der grausige Gedanke: Wenn den [Arbeiter], — ob früh, ob spät Die Arbeit erschlägt, sitzt ein andrer da Und näht und näht und näht. Wie weich und wehmütig ist die Klage des Arbeiters, der sein Kindchen immer nur schlafend sieht, da ihn tags die Arbeit lern von der Heimat festhält. Wunderschön sind auch die Zeilen:. Sieh, Saron blüht, es grünt der Karmel, Vom Libanon grüsst junger Schnee, Durch weiche Lüfte ziehen Lieder, Und alles lebt so schön wie je! wobei ich ausdrücklich auch an Berthold Feiwel, dem leinsinnigen Uebersetzer, mein Kompliment mache. Besonders lieb sind mir endlich die Gedichte: Das Messen der Gräber, Sephirah, Jörn Kip.pur, vqr allem aber das auch ganz vollendet übersetzte: „Laubhüttenfest vorbei," dem ich nur eine deutsche, wirklich deutsche Ueberschrift wünschte! Völlig fremd sind mir Dichter und Zeichner da, wo sich die sozialen Gedanken demokratisieren. Mir ist das Judentum immer nur als das stolze, aristokratische Judentum vertraut gewesen. Hier finde ich plötzlich ein plebejisches, ich finde Ideen und Verse, so sozialdemokratisch und so unendlich wirkungslos durch die harmlose Unkenntnis des Schreibenden, dass ich erstaunt war. Man höre die Strophe: Dort wo im falschen Kleid der Sittsamkeit und Reinheit, Die Protzen — Prunksucht dient den Lüsten der Gemeinheit, Dort singt man am Klavier von Euch: Die Herren klatschen, Und aufgeputzte Frau'n froh in die Händchen patschen, Dort glänzt Ihr [die Blumen] auf der Brust der stolzen, eitlen Schönen, Ihr müsst des Uebermuts geschliffnen Spiegel krönen. Ich will an die Alexandriner nicht den Massstab feinerer Aesthetik legen, will nicht fragen, was ein „falsches Kleid" ist, und seit wann man einen Spiegel „krönt4 \ — die Verse sind auch ohnedem herzlich schlecht. Aber das sind immer einzelne, und in dem starken Bande verlieren sie sich. Die Mehrzahl der Gedichte ist gut, wobei ich ausdrücklich die Möglichkeit eines verfehlten Bildes als Spezifikum des jüdischen, wie jedes fremden Jargons innerhalb eines guten Gedichtes zugegeben haben will. Es sind wahr und warm empfundene Lieder, die in der Brust aller derer, die unter gleicher Fron seufzen, ein lautes Echo finden werden, Lieder eines Proletariers, eines von vielen verachteten geringen Arbeiters. Aber wie im deutschen Märchen im Kopfe der missachteten Kröte ein verborgener Edelstein eingewachsen ist, so ist auch in dieser dunklen Seele ein hell erglänzender Diamant verborgen, die grosse Sehnsucht nach Zion, die uralte Wehmut der Worte „Leschanah Habaah ....!", die zitternde Saite einer wahrhaften Kunst. Der Uebersetzer ist den Schwierigkeiten des Jargons vollauf gewachsen gewesen. Er hat die schwierigste Kunst des übertragenden Künstlers geübt: nichts hineinzutragen. Er tritt mit vornehmem Takt hinter seinem Originale zurück und hat in seiner Vorrede eine zum Verständnis des Buches unumgänglich nötige, feinsinnige und