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Ost und West · 1902-10-01 · Heft 10 (Oktober 1902) · p. Seite 717 - 718

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 10 (Oktober 1902)
Article
Revue der Presse
Date
1902-10-01
Page
Seite 717 - 718 (sequence 2)
Language
German
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717 Revue der Presse. 718 Jewish Chronicle (5. Sept.) beklagt in einer Notiz über den Bericht der Jewish Colonisation Association (Ica) einige schwere Schäden, welche die Colonien sowohl in Argentinien wie in Palästina betroffen haben. Das englische Blatt sagt: .... Aber das sind unvermeidliche Hindernisse, mit welchen jedes grosse Unternehmen dieser Art rechnen muss; und wie wir vorher gesagt haben, kann ein plötzlicher und wundervoller Wechsel in den jüdischen Dingen weder von Seiten der Ica noch irgend einer anderen Körperschaft erwartet werden. Nicht fünf oder zehn oder selbst fünfzig Millionen Geldes werden je die jüdische Frage lösen. Denn sie ist keine Präge von Silber und Gold, sondern von toleranter Staatskunst. Sie hängt ab von derWeisheit der Nichtjuden — nicht vom Check-Buch der Juden. Wir sind dieser Meinung nicht. Wir glauben, dass die Weisheit der Juden besser berufen sein sollte, die jüdische Frage zu lösen. Die Ausschaltung unserer eigenen besten Kräfte für unsere eigenen Aufgaben ist bei weitem das falschste, was vorgeschlagen werden kann. Die jüdische Frage kann nur von den Juden selbst gelöst werden — und gar zu erwarten, dass sie durch die Weisheit oder Toloranz der Nichtjuden in einem irgendwie jüdischen Sinne gelöst werden könne, ist so phantastisch und utopisch, dass uns kein irdischer Vergleich zu Gebote steht. Judaisierung der Juden — Sammlung aller jüdischen Kräfte — Solidarität und Gentralisation — das sind die Wege zur Lösung der Judenfrage. # * * Der Zionismus in Polen. Anlässlich der Minsker Konferenz beschäftigte sich auch die polnische Presse zum ersten Mal ausführlicher mit dem Zionismus. Das leitende politische Organ der Polen, der Krakauer „Czas", widmete dem „Zionismus in Polen" drei längere Aufsätze. Als den „Vater des polnischen Zionismus" bezeichnet das genannte Blatt Dr. Alfred Nossig, der 1886 in polnischer Sprache die erste theoretisch-wissenschaftliche Schrift über den Zionismus unter dem Titel „Versuch zur Lösung der jüdischen Frage" veröffentlichte. Bei dieser Gelegenheit bringt der „Czas" die Umstände in Erinnerung, unter denen Nossig seinerzeit als Zionist auftrat. „Es war dies im J. 1885. Nossig hatte eben ein Drama „Die Tragödie des Gedankens" veröffentlicht, dessen Held der von der Inquisition verbrannte Philosoph Giordano Bruno war; die Staatsanwaltschaft konfiscierte das Werk, weil es Angriffe gegen die katholische Kirche enthielt. Es fand eine Gerichtsverhandlung statt, bei welcher der Vorsitzende des Tribunals sich an Nossig mit folgender Apostrophe wendete: — Als Pole sollten Sie die Empfindungen der überwiegenden Mehrheit des polnischen Volkes kennen und respektieren. Darauf antwortete Nossig: — Ich bin kein Pole. — Was sind Sie dann? — fragte der Richter erstaunt. — Jude. Dies war das erste öffentlich abgelegte zionistische Glaubensbekenntnis." Der „Czas" reproduziert hierauf die Hauptideen der Nossig'schen Schrift, welche den heutigen politischen und kulturellen Zionismus antizipiert und so einer integralen, alle Seiten des jüdischen Volkslebens umfassenden Renaissancebewegung das Wort spricht. Allerdings kennt Nossig in dieser Schrift keine zionistische Partei, sondern nur eine grosse Gesamtheit: die jüdische Nation. * * „Berliner Tageblatt". * Von durchaus gut unterrichteter Seite geht uns aus Bukarest folgende nicht unwichtige Mitteilung zu: Der König Karl hat in der letzten Zeit zwei hervorragende jüdische Persönlichkeiten in besonderen Audienzen empfangen. Beide Male hat die Lage der Juden in seinem Königreiche den Gegenstand der Unterredung gebildet. Marco Mendl, ein bedeutender Exporteur aus Galatz, hat dem Kenige die traurigen Verhältnisse der Juden in dieser Stadt geschildert und zugleich auf die Gefahren hingewiesen, welche durch die unausgesetzt andauernde Auswanderung der Juden für die Gemeinde Jassy entstehen müssen. Der König gab die Berechtigung dieser Auffassung zu und ersuchte den Jassyer Kaufmann, alles aufzubieten, was in seinen Kräften stände, um der überhandnehmenden Auswanderung der Juden aus Rumänien überhaupt zu steuern. — Von grösserer Bedeutung war indessen der Empfang des Londoner Oberrabbiners Dr. Gastfcr, eines hervorragenden Gelehrten, der vor ca. 15 Jahren, obwohl Rumänier von Geburt, dennoch aus diesem Lande ausgewiesen wurde, weil er es gewagt hatte-, sich seiner Glaubensgenossen anzunehmen. Dieser Rumäne nun hielt dem König einen Vortrag über die verzweifelte Situation der rumänischen Juden, denen kein anderer Ausweg als eben die Auswanderung bliebe. Der König antwortete ihm, dass doch die Ausv anderung für beide Teile ungünstig sei, für die Juden sowohl wie für Rumänien. Darauf setzte Dr. Gaster auseinander, dass, um der Auswanderung zu steuern, kein anderes Mittel bleibe, als die Gesetze gegen die Juden zu mildern. Besonders das Ausweisungsgesetz müsse aufgehoben werden, und die Gemeinden müssten die Erlaubnis erhalten, sich zu organisieren. Beide Forderungen erkannte der König als gerecht an, und er fügte wörtlich hinzu: „Ich hoffe, dass Sie, wenn Sie in zwei oder drei Jahren dieses Land wieder besuchen, eine neue Situation hier finden werden." Soweit unser absolut zuverlässiger Gewährsmann. An dem guten Willen des hochgebildeten und human denkenden Königs Karol, den barbarischen Zuständen in Rumänien ein Ende zu machen, haben wir niemals auch nur den leisesten Zweifel gehegt. Anders freilich stellt sich die Frage, ob der König in Rumänien einen genügenden Machteinfluss gegenüber jenen Bojaren zu entfalten vermag, um auf eine Abänderung der dortigen „sogenannten" Gesetze zu dringen oder wenigstens eine anderweitige gesetzliche Definierung der verhängnisvollen Bezeichnung „Fremde" in den betreffenden Gesetzen herbeizuführen. Es ist ja nachgerade weltbekannt geworden, dass die rumänische Gesetzesauslegung und Verwaltung unter der Bezeichnung „Fremde" lediglich „rumänische Juden" versteht, auch wenn sie in Rumänien geboren sind, von in Rumänien geborenen Eltern abstammen, ja sogar wenn sie in der rumänischen Armee ihrer Dienstpflicht genügt haben. Das ist ja gerade das Empörende an diesem rumänischen Treiben, dass sogar noch die Majestät des Gesetzesbegriffes durch eine in ihrer Rabulistik beispiellose Gesetzesauslegung beleidigt wird. * * * Kleine Presse, Frankfurt a. M. Verein zur Erziehung jüdischer Waisen in Palästina. Wie wir dem Jahresbericht des Vereins zur Erziehung jüdischer Waisen in Palästina, Sitz in Frank-

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