Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1902)
- Article
- Über die Kultur
- Date
- 1902-10-01
- Page
- Seite 659 - 660 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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659 Achad Haam: Ueber die Kultur. 660 hätte leisten können, und was infolge der anormalen Zustände uns verloren gegangen ist. Hätte denn die Kunst darunter gelitten, wenn er statt Jwan des Schrecklichen Herodes I. dargestellt hätte? Die Roheit, die Nervosität und Reuemomente wären dem jüdischen Bildhauer beim letzteren mehr verständlich gewesen. Oder der Typus eines Menschen, der das Leben hinter sich gelassen und der Litteratur lebte, wäre denn nicht besser im "Wilner Gaon personifiziert, als in der Person des russischen Geschichtsschreibers Nestor? Der Gaon, der zwar das Leben seiner Mitmenschen lebte und ihr Weh und Leid teilte und der einer geistigen Thätigkeit oblag, wäre er, der hienieden weilte, aber nicht von dieser Welt war, als Typus unseres nationalen Wesens, kein geeigneterer Gegenstand für diesen Künstler gewesen? Allein was hilft das Klagen? Es ist unser Unglück: — die Begabtesten verlassen uns. Und wenn wir bei feierlichen Gelegenheiten mit Stolz unsere Verwandtschaft mit den Grossen hervorheben, werden wir ausgelacht. Manchmal ist uns selbst die Quelle ihres Genies unbekannt. In einer englisch-jüdischen Zeitung hiess es von Antokolski, dass seine Schöpfungen als für die russische Kunst typisch aufgefasst werden können, da sie sich durch den Idealismus in der Konzeption und Realismus in der Ausführung auszeichnen. Antokolski sollte sich demnach vollständig mit der ihm umgebenden Gesellschaft assimiliert haben. Das schrieb eine jüdische Zeitung, der es gar nicht eingefallen ist, dass die angeführten Eigenschaften seit Jahrhunderten ein typisches Eigentum der Juden sind. In der Wissenschaft und Litteratur treten dieselben Erscheinungen an den Tag. Wenn man alles, was die Juden für andere Völker geschaffen haben, zusammenfassen sollte, so ergäbe sich, dass unsere Nation in dieser Beziehung wenn nicht die allerbegabteste, so doch eine derselben ist. Jetzt aber gehen die Talentiertesten von uns fort und vergessen gar, von wo sie gekommen. Man sollte meinen, dass auf dem Gebiete der jüdischen Wissenschaft der alte Geist des Judentums sich klar offenbaren sollte, aber leider lässt sich, einige Ausnahmen ausgeschlossen, nur eine sklavische Nachahmungssucht der von Nichtjuden geschaffenen Methoden und Ideen aufweisen. Wenn zur Feststellung irgend welcher Behauptung jüdische und christliche Quellenangaben vorhanden sind, sotreten erstere immer in den Hintergrund. Wenn dieses Verfahren seitens der Christen erklärlich ist, so muss es doch, als von den Juden herrührend, sehr wundern. Bis zur letzten Zeit wurde diese'Anschauung auch hinsichtlich der talmudischen Quellen kaum angezweifelt. Erst vor kurzem hat ein bedeutender jüdischer Gelehrter die talmudischen Angaben, aber nur für ein ganz kleines Gebiet, für ausschlaggebend bezeichnet. Wieviel Spott hat die talmudische Logik hervorgerufen, zunächst bei den Nichtjuden, dann auch bei Juden. Wie wurden die talmudischen Kniffe ausgelacht! Und jetzt hat ein ernster Forscher herausgefunden, dass die logischen Aufschlüsse des Talmuds aut einem tiefen Verständnis der Volkspsychologie beruht. Seine Kommentierungsweise ist auf den Grundcharakter des jüdischen Geistes zurückzuführen, und der Mangel an Originalität in jüdischer Wissenschaft dadurch zu erklären, dass sie nicht als Ausdruck geistiger Leistungsfähigkeit, sondern als Mittel zu Zwecken, die in keinem Zusammenhange mit dem geistigen Leben standen, geschaffen worden ist. Der Begründer der jüdischen Lehre in Deutschland erklärte, dass sie zur Erlangung der Gleichberechtigung notwendig sei. Ein zweiter, nicht minder hervorragender Gelehrter unternahm eine Untersuchung derselben nicht aus objektiven Gründen, sondern zwecks Motivierung der damals modern gewordenen religiösen Reformen. Ein dritter wieder hat im Beginn der 60er Jahre, als in Preussen die letzten Einschränkungen der Juden aufgehoben worden sind, in seiner dem jüdischen Wissen gewidmeten Zeitschrift offiziell erklärt, dass es von jetzt an keine jüdische Geschichte mehr gäbe. Wir haben, sagte er da, unseren Kreislauf vollendet, jetzt giebt es nur noch alte tote Denkmäler zu untersuchen. (Schluss folgt.)