Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1902)
- Article
- Über die Kultur
- Date
- 1902-10-01
- Page
- Seite 657 - 658 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/2583875-2583890-2583901-2586158--02110-2586222- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Achad Haam: Ueber die Kultur. 658 materiellen Zustände arbeitet, auch die geistige Wiedergeburt nicht ausser Acht lassen darf. Nachher trat eine neue Bewegung an den Tag. Es wäre eine Taktlosigkeit, an dieser Stelle eine Polemik aufzunehmen, meine diesbezüglichen Anschauungen sind allbekannt. Auch der frühere Zionismus besass eine politische Beimischung. Auch jene Zionisten träumten und wünschten eine Zeit herbei, wo das jüdische Volt ein freies Leben, die politische Freiheit, erreichen würde. Der neue Zionismus aber ist eine Beengung davon: politisch und nichts weiter, die Kultur ist gänzlich beseitigt worden. Uebrigens, pardon, ich habe mich nicht richtig ausgedrückt; die neuen Zionisten haben eigentlich nichts gegen die Kultur, sie treten vielmehr gegen die Sanktionierung derselben auf. Dagegen beanspruchen sie die Kulturzionisten nicht im Interesse der Kultur, sondern in dem des Zionismus. Denn die Kultur bedarf keines Zionismus. Sie macht auch ohne seinen Beistand grosse Fortschritte und zieht immer neue Scharen an sich. Für den Zionismus aber kann das Fernbleiben des kulturellen Elementes verhängnisvoll werden. Im übrigen meine ich, dass der Hauptgrund unserer Meinungsverschiedenheiten darin liegt, dass wir über die Bedeutung des Wortes nicht klar geworden sind. Es wird nämlich die Kultur mit dem geistigen Niveau eines Volkes verwechselt. Und doch sollte die eine vom anderen streng unterschieden werden. Die Kultur bedeutet, meiner Meinung nach, eine Summe von geistigen und materiellen Gütern, .die ein Volk erreicht hat, und die als objektives Produkt, unabhängig von dem es schaffenden Volke, aufzufassen ist. Wir sprechen z. B. von einer griechischen und römischen Kultur, wobei sowohl die Griechen, wie die Römer seit lange nicht mehr existieren. Die Kultur eines Volkes entspricht nicht immer seinem geistigen Niveau, dass ich nur das alte England von der Zeit Shakespeare's und Bacon's anführe, dessen geistiges Niveau kein hohes war. Hingegen ist •die Schweiz ein intellektuell hochstehendes Volk, während sie doch keine eigentliche Nationalkultur besitzt. T)ie Schweiz kann weder auf dem Gebiete der Kunst noch auf dem der Wissenschaft ein einziges Genie aufweisen und muss für ihre zahlreichen Universitäten Kapazitäten von auswärts beziehen. Von diesem prinzipiellen Standpunkte aus wollen wir unsere Frage in zwei Teile teilen, erstens die nationale Kultur, d. h. die Entwickelung der . von unseren Vätern ererbten kulturellen Güter, und zweitens die Hebung des intellektuellen Niveaus der breiten Voiksmassen. Ich glaube nicht, dass in dieser Versammlung ein Zweifel über die Existenz einer spezifisch jüdischen Kultur obwalte, ich weiss aber, dass auch unter den Zionisten die Meinung verbreitet ist, dass nur die Bibel allein ein Produkt der jüdischen Kultur, alles Uebrige hingegen ein Resultat der abnormen Zustände des Golus sei. Es ist ein durchaus falscher Begriff. Denn ich bin überzeugt, dass alles, was bis in die letzte Zeit erzeugt worden war, in kultureller Beziehung ein höchst originelles und kostbares Gut ist. Es ist derselbe Geist, der unter verschiedenen Verhältnissen verschiedenes schuf. Die Meinung ist, dass die Propheten nichts Gemeinsames mit den den Schulchau- Aruch schaffenden Rabbinern des Mittelalters hätten, ist vollständig irrig. Denn sowohl den glühenden Propheten als den Anhängern der rituellen Gebräuche ist das Hauptmerkmal des jüdischen Nationalcharakters — eine bis in die subtilsten Einzelheiten gehende Konsequenz — eigen. Die Propheten sind, indem sie ihre Wünsche äusserten (ihre Ansprüche erhoben?), von ihrem Ideal nicht abgelenkt worden. Ebenso ist es den Arbeitern im Golus ergangen; sie konnten selbstverständlich dem Einflüsse des Golus nicht entgehen, aber ihre nationale Selbständigkeit kam trotzdem zum Vorschein. Und dies alles bezeugt, dass die Quelle unserer geistigen Kraft, unsere Originalität, unerschöpflich ist. Wir könnten vielleicht wieder einmal bei günstigen Gelegenheiten das Staunen der Welt durch ein Erzeugnis unserer Schaffenskraft hervorrufen bei ungünstigen können wir aber nichts Derartiges erwarten. Ich erachte die jüdische Litteratur, d. h. nur die bis zur letzten Zeit, für echt originell; denn letztere erweist, leider, ein Streben zur Assimilation. Alles, was unter uns begabter, talentvoller ist, verlässt unsere Scharen. Die Juden sind produktiv thätig, nur nicht für uns, sondern für andere. Es werden hier manche die Frage aufstellen, worin der Unterschied bestehe, wenn die Juden auf fremdem oder eigenem Boden arbeiten. Bringen sie doch in beiden Fällen einen Nutzen der Menschheit, deren Interessen über alles erhaben sein sollen. Und wenn es dem so wäre, so ist es denn kein Unterschied zwischen der ungehemmten Schaffensfähigkeit auf eigenem, uns erzeugendem Boden und der auf fremdem, die notwendigerweise eine Spaltung des Charakters und des Talentes nach sich zieht? Und wenn auch kein Unterschied besteht, und wenn wir auch die allgemein menschlichen Interessen höher stellen sollten, so können wir auch vielleicht die eine Frage wagen: welcher Schaden daraus erwachsen wäre, wenn sie statt für Fremde, für ihr eigenes Volk geschaffen hätten? Vor kurzer Zeit starb Antokolski. Ich halte es für angemessen, am frischen Grabe das Verhältnis des Verstorbenen zu seinen Glaubensgenossen einer Kritik zu unterziehen. Wir haben alle gelesen, was die Zeitungen über ihn geschrieben, und uns allen zog sich das Herz vor Weh zusammen bei dem Gedanken, was dieser grosse Künstler für uns