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Ost und West · 1902-09-01 · Heft 9 (September 1902) · p. Seite 639 - 640

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 9 (September 1902)
Article
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Date
1902-09-01
Page
Seite 639 - 640 (sequence 2)
Language
German
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639 Litterarisches und Miscellen. 640 Zur Charakteristik der Berliner Judenschaft seien aus des jüdischen Schriftstellers Walter Rathenau (Pseudonym W. Hartenau) Buch „Impressionen" (Verlag von S. Hirzi-Leipzig) folgende Worte aus der Einleitung mitgeteilt: „Wer die Sprache der Juden vernehmen will, mag an Berliner Sonntagen, mittags um 12 Uhr, durch die Tiergartenstrasse gehen, oder abends in den Vorraum eines Theaters blicken. Seltsame Vision! Inmitten deutschen Lebens ein abgesondert fremdartiger Menschenstamm, glänzend und auffällig staffiert, von heissblütig beweglichem Gebaren. Auf märkischem Sande eine asiatische Horde. Die gezwungene Heiterkeit dieser Menschen verrät nicht, wie viel alter ungesättigter Hass auf ihren Schultern lastet, sie ahnen nicht, dass nur ein Zeitalter, das alle natürlichen Gewalten gefesselt hält, sie vor dem zu beschützen vermag, was ihre Väter erlitten haben. In engem Zusammenhange unter sich, in strenger Abgeschlossenheit 'nach aussen —: so leben sie in einem halb freiwilligen, unsichtbaren Ghetto, kein lebendes Glied des Volkes, sondern ein fremder Orgnanismus in seinem Leibe. —44 ö r Man sieht — es ist nicht leicht, die Lage der Judenheit zu verstehen. Weder die Objektivität des Aussenstehenden noch die Subjektivität der anderen bietet irgendwelche Gewähr für ein einigermassen treffendes Urteil. « « » In unseren Tagen macht sich in. der Poesie das Streben nach Heimatkunst immer mehr und mehr geltend. Wir sind uns wohl darüber klar, dass unter allen Völkern zuerst die Juden diese Kunstbestrebungen in ihrer Dichtung verwirklichten und zwar in einem Grade, dass wir allen Grund haben, auf die Lieder unseres Volkes stolz zu sein. In neuerer Zeit aber vturde in jüdischen Liedern nurwenig Hervorragendes von unseren Stammesgenossen geleistet, und es berührt deshalb doppelt angenehm, wenn wir unsere Leser heute mit einem Dichter vertraut machen dürfen, der unsere Achtung und Liebe verdient. Adolph Donath veröffentlichte vor einigen Jahren ein Gedichtbuch „Tage und Nächte44 (Schuster & Loeffler, Berlin)*), das ihn rasch zu einem beliebten und geschätzten Autor gemacht hat. Innigkeit und Schlichtheit, wahres, warmherziges, echt jüdisches Empfinden klingt aus seinen Judenliedein; Schon damals hatten wir in Donath einen Mann kennen gelernt, der dem Worte geliehen, was die besten unter uns empfinden. Mit dem bekannten Literarhistoriker Georg Brandes waren wir der Hoffnung,, dass der Verfasser dieses Werkes eine schöne Zukunft habe. Jetzt liegt uns ein neues Buch: „Mensch und Liebe" vor (Neue Gedichte von Adolph Donath, bei Ernst Hofmann & Co., Berlin), das unsere Er- *J S. Seite 671—678 des ersten Jahrgangs unserer Zeitschrift. Wartung nicht allein erfüllt, sondern nahezu übertrifft. Wir sehen eine neue, in sich gefestigte Lebensanschauung in harmonischer und melodischer Weise und in zu Herzen gehender, schlichter, volkstümlicher Form «vor uns entwickelt. Besonders auf das Volksgedicht „Die Jüdin" sei verwiesen; ein seelenvolles, tief empfundenes Poem. Die übrigen Dichtungen erscheinen gleichfalls wie Gemälde, die uns das Seeknieben des Dichters versinnlichen. Max Kirschstein. * * * Scha'are Zion. (In den Thoren Zions) betitelt sich eine Sammlung von 14 Gedichten jüdischen Inhalts, und — wie wir gleich hinzufügen — auch jüdischen Charakters. Leider ist die Sammlung nicht selbständig erschienen (wie wir es lieber gesehen hätten, und was ja auch noch kommen kann), sondern als Teil eines grösseren Gedichtbandes.*) Die Verfasserin, die sich Dolorosa nennt, ist keine Jüdin. Sie ist den Lesern von „Ost und West" von einigen früheren Gedichten her bekannt, und wie diese, sosind auch Dolorosa's übrige jüdische Verse von ausserordentlicher Stimmung getragen und zeugen von einem tiefen - Erfassen jüdischer Stoffe. Mit einem halben Bedauern müssen wir sagen, dass uns wenige jüdische Uebertragungen biblischer Stoffe in die deutsche Sprache bekannt sind, die mit Dolorosa's „Scha'are Zion" verglichen werden können. Von besonderer Schönheit ist durchwegs die Sprache. Wir bringen aus der Sammlung einen „Sabbath-Psalm", dessen Motiv dem Psalm 126 entlehnt ist. * * * „General-Anzeiger für die gesamten Interessen des Judentums14, so lautet der Titel einer neuen jüdischen Wochenzeitung, die unter Mitwirkung der namhaftesten Autoren von Dr. Julius Moses-Berlin herausgegeben wird. Das Blatt will jeder Partei freies Wort geben, keiner Partei dienstbar sein. Es will allen sozialen, ethischen und kulturellen Bestrebungen des Judentums Rechnung tragen. * Unsere Preisausschreiben. Das Resultat der Bewerbungen um die von uns ausgesetzten Preise wird erst in der nächsten Nummer von „Ost und West44 bekannt gegeben werden, da die Reisezeit mit unseren ursprünglichen Intentionen kollidierte. Die freundlichen Einsender werden daher um Nachsicht gebeten. Verlag und Redaktion von „Ost und West44. * Im letzten Hefte ist ein sinnentstellender Druckfehler untergelaufen. In Dr. E. Simonson's Aufsatz „Der alte Orient*, Spalte 2, Zeile 4 von oben soll es heissen: „auch" statt „nicht". Die Red. *) Dolorosa: Confirmo te Chrysmate. Verlag M. Lilienthal, Berlin 190\

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