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Ost und West · 1902-09-01 · Heft 9 (September 1902) · p. Seite 637 - 638

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 9 (September 1902)
Article
Was ist national?
Date
1902-09-01
Page
Seite 637 - 638 (sequence 1)
Language
German
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637 638 LITTERARISCHES UND MfSCELLEN. Ein Artikel über Mark Antokolsky — aus der Feder seines Schülers, des hervorragend begabten Skulptors Elias Günzberg — erscheint im nächsten Hefte dieser Zeitschrift, nebst Illustrationen nach den bedeutendsten Werken des Meisters. * * Was ist national? Professor Dr. Alfred Kirchhoff in Halle veröffentlicht bei Gebauer Schwetschke daselbst einen Vortrag, dem wir folgende Stelle entnehmen: „Erziehung oder persönliche Abneigung sind für viele Deutsche massgebend gewesen, um in den unter uns lebenden Israeliten Angehörige einer fremden Nation zu erblicken und diesen die Gleichberechtigung mit den übrigen Bürgern des Staates abzusprechen. Von persönlicher Zu- oder Abneigung, von Philo- oder Antisemitismus kann für uns keine Rede sein, wir haben nur die Richtigkeit unseres Theorems auch für diesen Fall nachzuweisen. Gerade die Geschichte des jüdischen Volkes ist ein Beweis für die Wahrheit unseres Nationalbegrifles. Nur so lange haben die Juden eine Nation gebildet, als sie feste Staatsgrenzen kannten, nur so lange ist der nationale jüdische Gedanke in Kraft gewesen. Für diese Nation haben die Makkabäer den Kampf der Verzweiflung geführt, für sie hat es nie an aufopferndem Heldenmut gefehlt. Aber mit dem Verlust des Besitzes eines bestimmten, natürlich abgegrenzten Nationalstaates sank auch die jüdische Nation selbst in Trümmer. Mit den Mauern Jerusalems fiel auch der nationale Gedanke in Schutt und Staub. Das fühlten die Juden selbst. Sie wussten sich an Jerusalem und das gelobte Land gebunden, wenn sie eine Nation bleiben wollten. Darum machten sie den politischen Mittelpunkt des Landes zum Brennpunkt des Kultus, um auch den weitzerstreuten Angehörigen einen Sammelpunkt zu bieten und sie so der Nation zu erhalten. Als die egyptischen Juden in der Ptolemäer- .zeit ihren eigenen Tempel errichteten, setzten sie sich in einen bewussten Gegensatz zur eigentlichen jüdischen Nation. Die jüdischen Patrioten haben es stets gefühlt, dass der Verlust des Staates gleichbedeutend mit dem Untergange der Nation sei; darum flammten die leidenschaftlichen Versuche immer. wieder auf, die heilige Stadt und das gelobte Land wiederzugewinnen bis sie mit dem Falle des Bar Chochba einen endgültigen Abschluss fanden. Seit dieser Zeit hat die Nation keinen engen Zusammenhang mehr. Sie zerlällt und •verteilt sich unter die Nationen Europas und'Nordafrikas, nur die Sprache des Kultus ist ein •geistiges Band neben dem Kultus selbst, das ihnen noch eine geistige Zusammengehörigkeit gewährt. Die ^bürgerliche Bedrückung, die Verachtung seitens der 'Christlichen und mohammedanischen Völker, die gemeinsam getragene Not und Verfolgung, die Absperrung in den Ghettos sind dann Mittel gewesen, welche eine unbeabsichtigte Wirkung gehabt haben, sie haben dem Juden immer wieder zum Bewusstsein gebracht, dass er ein Jude ist, bis er sich selbst eine gewisse Ausnahmestellung im bürgerlichen Leben vindizierte. Wir sind überzeugt, dass eine bürgerliche Gleichstellung von vornherein sie auch im politischen Leben den Nationen viel schneller assimiliert hätte, als es geschehen ist. Auch die Katholiken Deutschlands haben ihre besondere Kultussprache, das Lateinische, ihre besonderen Kultushandlungen, die nicht immer mit derjenigen der Mehrzahl der Nation übereinstimmen; sind sie deshalb von den Protestanten national verschieden? Die Staatsbürger mosaischer Konfession gehören also gerade so gut zur deutschen Nation, wie die übrigen Bekenntnisse, eben weil sie Bürger des Reiches sind, für dessen Einrichtung auch jüdisches Blut geflossen ist.44 (S. 25 ff.) Neben diesen Ausführungen Prot. Kirchhofes verdient der folgende Ausschnitt aus der konservativen Berliner „Post" ein Plätzchen: LESSER ÜRY. Landschaft. Berlin.

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