Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 9 (September 1902)
- Article
- Makarka
- Date
- 1902-09-01
- Page
- Seite 619 - 620 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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619 R. M. Chin; Makarka. 620 nicht. Die griechische und lateinische Sprache erschien ihm als eine durch zwei niederträchtige Lehrer verkörperte Strafe Gottes. Besonders hasste er den Lehrer des Griechischen, einen rothaarigen, dicken Deutschen, der ganz gottlos das Russische radebrechte. Dieser ehrwürdige Pädagoge liebte es, in der Klasse geistreich zu sein, und zum Gegenstand seines Witzes wählte er mit besonderer Vorliebe die Judenknaben. — „Herr Kabalkin Mordko," rief er zum Beispiel heraus. „Mordko oder Moschko?" fragt er nochmals, wie wenn er unsicher wäre.- Makarka. hochrot im Gesicht, schweigt. — „Vielleicht sind Sie Chaim oder Schmul und auf Russisch wird es wohl Eugenie heissen," belustigte er sich in seinem schrecklichen Russisch weiter. — ..Was sagtest Du? Du Taugenichts! Was wagtest Du zu sagen? Kein bischen Respekt haben sie! Du Judenfratze." ... Nun war es eine ganze Geschichte. Der Lehrer verlangte die Ausweisung Makarka's aus dem Gymnasium. Als Abrain Markowitz von diesem Vorfall erfahren hatte, prügelte er den Sohn bis er blutete und schleppte ihn in eigener Person nach dem Gymnasium, um den zornentbrannten Lehrer um Verzeihung zu bitten. Der Deutsche war gnädig, bei der Versetzung aber, aus der vierten in die fünfte Klasse, Hess er Makarka bei der Prüfung durchfallen. Makarka war das zweite Jahr sitzen geblieben. Er lernte sehr schlecht. Stundenlang hockte er über den Büchern, nichts sehend und nichts verstehend, in dumpfer Verzweiflung, von einer barigen Sehnsucht erfüllt, die sein jugendliches Herz bedrückte. Seine Ellenbogen stützten sich wie von selbst auf die schmutzige, an den Enden zerknitterte griechische Grammatik, auf diese Ellenbogen senkte sich Makarka's Kopf und ... er überliess sich ganz den Träumen. Seine Phantasie trug ihn weit — weit weg von der ihn umgebenden Wirklichkeit, in ein gemütliches, bequemes Heim. Auf dem Fensterbrett — billige Blumen, ein Käfig mit einem rotkropfigen Gimpel; auf dem verschossenen Divan ein gesticktes Kissen; in dem vordersten Winkel ein kleines Heiligenbild in einem Kranz aus papiernen Rosen. Auf einem Stuhle sitzt eine Frau mit gutem, frühzeitig abgeblühtem Gesicht und näht. Die. Nadel fliegt rasch durch ihre geschickten Finger. Neben ihr sitzen zwei Knaben — der eine hager und kläglich — Makarka, der andere dunkelblond und rotwangig — ihr Sohn —, und schreiben, über ihre Hefte gebeugt. — „Kinder, ruht doch ein wenig aus," — sprach die Frau — „wie Ihr Euch doch abquält! Mitja, bestelle den Samowar. Makaruschka, wohin eilst Du denn? Warte doch, Du wirst mit uns.Tbee trinken." — „Ich danke sehr, Aksinja Iwanowna, es ist Zeit, nach Hause zu gehen," — sagt Makarka, und dabei hat er doch gar keine Lust, von diesem warmen Nest wegzugehen ... er fürchtet aber zu r bleiben. Kommt er so spat nach Hause, so beginnen gleich die Schimpfereien: Wo hast Du Dich herumgetrieben. . . Ach, wie Makarka Aksinja Iwanowna liebte; wie er weinte, als sie nach einer Provinzstadt übersiedelte. Und auch Mitja! .... Was war er doch für ein prächtiger Junge, was für ein Kamerad! Niemals hatte er ihn „Judenbengel" geschimpft und im „externporale" war er ihm auch behilflich...... Uebrigens, ihm fällt es nicht schwer, so lieb zu sein — die Mutter ist so zart zu ihm, so liebevoll, muntert ihn auf. . . Er pflegte manchmal zu sagen: — „Mama, nun werde ich doch durchfallen!" — Dann antwortete sie wohl: „Gott ist ja gnadenvoll; Du wirst nicht durchfallen, sollte es aber passieren, was ist dann zu machen! Wirst Du noch ein Jahr sitzen bleiben" ... Makarka hatte noch einen Kameraden, oder richtiger einen Freund, dem er ehrfurchtsvoll zugethan war — der Student David Blum. David's Eltern, reiche Leute, waren alte Bekannte von Makarka's Eltern. Makarka war von seinen Kinderjahren an gewohnt zu sehen, wie kriecherisch sich seine Eltern zu den Blum's benahmen, wie sie sich aut ihre seltenen Besuche vorbereiteten, was sie übrigens nicht hinderte, hinter dem Rücken auf sie wegen ihres masslosen Stolzes und ihrer Wichtigthuerei zu schimpfen. — „Und was tragen sie doch ihre Nase so hoch," — pflegte die Mutter zu sagen, — „eben solche Juden wie wir, auch in Schklow und nicht in Paris geboren." Aber Makarka glaubte nicht seiner Mutter. Er war verliebt in das Blum'sche Haus, und es kam ihm ganz unwahrscheinlich vor, dass der feine Herr Blum, dem die Kinder nach dem Essen so ehrwürdig die Hände küssten, und sein "Vater, der nach rechts und links Ohrfeigen austeilte, — ein und dasselbe wären. Nein, die Blum's — sind echte Aristokraten. Sie haben eine so reizende Wohnung, eine so saubere, höfliche Bedienung, Lehrer, Gouvernantinnen . . . Obwohl die Töchter ziemlich ausgelassen sind, so sind sie doch solche prächtige, freundliche Mädchen, besonders Lina, und sprechen so gut französisch. . Gar nicht, gar nicht den Juden ähnlich.. Wahrlich, oft verwirrte es ihn, wenn die Frau Blum unerwartet in die Kinderzimmer hereinkam, und nachdem sie mit der Gouvernantin gesprochen hatte, ihren gleichgültigen Blick über sein schüchternes Figürchen gleiten Hess, als ob er kein lebendiger, sie ehrfurchtsvoll grüssender Knabe, sondern ein Tabouret, oder eine Karaffe wäre. Anders war es bei Aksinja Iwanowna! Jene pflegte ihn immer mit dem freundlichen Lächeln „Guten Tag, mein Täubchen!" zu begrüssen. Aber Aksinja Iwanowna ist doch nur eine einfache Hebamme, und Madame Blum — eine so wichtige, reiche Dame! David aber! Makarka vergötterte ihn. Er war sein Ideal. Wie klug, gebildet, ehrlich er doch ist. Wie er spricht! schreibt! wie schön er ist! Makarka war stolz auf ihn, war überglücklich bei der kleinsten Bezeugung seiner Aufmerksamkeit. Er empfand keine Spur von Neid seinem glänzenden Freunde gegenüber. O, im Gegenteil! Er würde alles hergegeben, er würde sein Leben geopfert haben, um ihn auf der Höhe des Ruhmes, der Ehrungen zu sehen. . . . Besonders glücklich fühlte sich Makarka, wenn, dank einem besonders feierlichen Ereignisse, einem Geburtstage etwa, er bei den Blum's übernachten durfte. Den ganzen Tag hindurch lief er für alle Familienmitglieder Besorgungen machen, — auch für seinen Freund, der ihn nach Handschuhen, Krawatten und Parfüms schickte. . . . Dann kam die Nacht — die Nächte wurden nie zu teuer erkauft. Sobald die Gäste auseinandergegangen wären und David und er sich zu Bett verfügten, begannen zwischen ihnen unendliche Gespräche. David sprach natürlich und Makarka hörte zu. David sprach über das Judentum und davon, dass die jüdische Jugend all ihre Kräfte ihrem unglücklichen, verfolgten Volke zu opfern hätte, dass es in einer Zeit, da ein ganzes Volk Qualen litt, schmachvoll sei, über seine eigene Karriere, über sein persönliches Glück nachzudenken . . . und noch viel, viel Schönes sagte er. Makarka war ein feuriger Patriot. Er zitterte am