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Ost und West · 1902-09-01 · Heft 9 (September 1902) · p. Seite 617 - 618

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 9 (September 1902)
Article
Makarka
Date
1902-09-01
Page
Seite 617 - 618 (sequence 1)
Language
German
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617 618 MAKARKA. Erzählung von R. M. Chin, Moskau. Autorisierte Uebersetzung aus dem Russischen von J. M. (Nachdruck verboten.) Der Frühling hatte in jenem Jahr sehr früh begonnen. Der Schmutz und die Pfützen, die man noch vor wenigen Tagen in den Strassen sehen konnte, waren bald unter den brennenden Strahlen der Sonne eingetrocknet, und statt dessen wirbelte schon säulenartig der Staub. In einer der krummen Strassen des Babij-Gorodok („Weiber-Städtchen") hinter Moskau-Rjeka ging, unter seinem Ranzen gebeugt, mit gesenktem Kopfe ein Gymnasiast — ein brünetter Jüngling, mittleren Wuchses, sechszehn, siebzehn Jahre alt. Er war, wie es schien, sehr niedergeschlagen; er seufzte manchmal, blieb gedankenvoll stehen, ging weiter, blieb wieder stehen, lenkte dann nach einiger Unschlüssigkeit in den Friedhof ein und fiel fast vor Müdigkeit auf eine Bank nieder. Ringsum herrschtetiefe Stille .... Es roch nach aufgetauter Erde und frischem Gras. Auf der noch nicht aufgeblühten Birke hüpften Sperlinge in unaufhörlichem Zwitschern. „Nicht zugelassen, nicht zugelassen!" wiederholte er nochmals mit wachsender Verzweiflung. Seine Lippen zuckten, und seinen schon verweint aussehenden, schwarzen Augen begannen von Neuem Thränen zu entfliessen. Sein ganzes Sein war nur von einem einzigen Gedanken erfüllt — wie wird er sich jetzt zu Hause zeigen. Dieser Gedanke bohrte in seinem Hirn von jenem verhängnisvollen Momente an, da sein Ohr jenes fürchterliche Wort des Inspektors vernahm: „Nicht zugelassen: Kabalkin Makar, Gawrilow Alexej u. s. w." Er wusste sehr gut, dass er nichts aussinnen würde, dass er nach Hause gehen müsse, und trotzdem konnte er über nichts anderes nachdenken. „Es ist nichts zu machen," sagte er laut, stand auf, zog seinen Ranzen fest und schlenderte weiter mit langsamen Schritten, wie wenn er hoffte, die Strecke, die ihn von Hause trennte, dadurch zu verlängern. Ohne auf den Weg zu achten, bog er mechanisch in eine schmutzige Seitengasse ein, deren ganze Ecke ein plumpes, hölzernes Haus einnahm. An dem offenstehenden Thore stand eine Frau. Als sie den Gymnasiasten bemerkte, wandte sie ihm ihr gebräuntes, hageres Gesicht mit den feinen Zügen zu und fragte mit singender Stimme: „Nun, Makarka, hast Du das Examen bestanden?" — Makarka begnügte sich mit einem Kopfnicken und schlüpfte schweigend durch das Pförtchen. In seinem Zimmer angekommen, schmiss er wütend sein gymnasiastisches Rüstzeug von sich, knuffte die kreischenden, auf dem Boden sich tummelnden Brüder und Schwestern, und indem er auf solche Weise an ihnen seinen Aerger ausgelassen hatte, warf er sich auf den Di van und vergrub darin seinen Kopf. Makarka's Vater, Abraham Marko witsch Kabalkin, gehörte zu jener ziemlich zahlreichen Klasse der Hauptstadtjuden, die als wohlhabend gelten, obwohl diese ihre Wohlhabenheit eine sehr problematische ist. Während ihres ganzen Lebens laufendiese „reichen Leute" herum, mühen sich ab, sind stets auf dem Posten, „machen Geschäfte46 und — scheiden als Arme aus der Weit. Abraham Markowitsch handelte bald mit Mehl, bald mit Fell, bald mit Holz und bald mit Wolle, gründete Käsereien und Seifensiedereien, brannte einigemal bis auf den letzten Faden ab und tauchte, merkwürdigerweise, immer wieder auf der Oberfläche auf. Listig, kriecherisch und einschmeichelnd, vermochte er die Schwächen seiner Leute zu entdecken und auszubeuten. Dem Charakter seiner Beschäftigung nach, kam er meistens mit der kleineren Kaufmannschaft, mit Schwindlern und Kleinbürgern in Berührung .... Er verstand sie bis auf ihr Innerstes und verachtete sie aus ganzer Seele. Bei all dem hatte er kein Glück. Er beklagte sich oft über das Schicksal, und nicht ohne Grund: Die Familie vergrösserte sich mit jedem Jahre, die Bedürfnisse nahmen zu, und der Verdienst wurde mit grosser Schnelligkeit verzehrt. Zu Hause war Abraham Markowitsch grenzenlos dünkelhaft und ein echter Tyrann. Er wollte, wie es schien, jene Erniedrigungen und Demütigungen, die er auf dem Markte des Lebens zu erdulden hatte, auf seine Angehörigen abwälzen. Nach langjährigem und starkem Familienzwist — bezähmte er seine Frau, ein eifersüchtiges, hitziges und nicht dummes Weib. Sie war heruntergekommen, bekam ein altes Aussehen, verhielt sich kalt zu allem und geriet nur bei allzu auffallender Treulosigkeit ihres Gatten, oder bei besonders hartem Prügeln seiner Kinder in Empörung. Sie selbst übrigens hörte nie auf, auf ihre „Mörder", wie sie die Kinder nannte, zu schimpfen und sie zu kneifen. Die „Mörder" verhielten sich zu diesen Ausdrücken elterlicher Zärtlichkeit gleichgültig, sogar verächtlich. Nicht so war es mit dem Vater. Seine Beziehungen zu den Kindern waren ganz eigenartige. Solange sie klein waren, vergötterte und verwöhnte er sie in ganz unsinniger Weise; er kam in Entzücken, wenn sein Söhnchen auf sein liebkosendes „Ach, Du Spitzbube" — „Du selbs Spitsbub" lispelte, er rühmte ihren ungewöhnlichen Verstand, träumte davon, dass sie seinen Namen mit Ruhm bedecken würden.....Nun trat aber das Schulzeitalter heran und mit ihm eine ganze Reihe Fiascos, Nachprüfungen und allerhand Leiden. Die sinnlos auferzogenen und nicht besonders fähigen Kinder lernten schlecht. Der Vater prügelte sie schonungslos. So ging es mit dem älteren Sohne, der verbittert aus dem Elternhause mit einer wandernden Akrobatentruppe geflohen und ohne Nachricht verschwunden war; so verhielt es sich mit der älteren Tochter, die er erfolglos im Gymnasium „verfaulen zu lassen" geschworen hatte. Sie wurde ausgeschlossen, und aus Rache gab er ihr einen ganz dummen Menschen in einem Krähwinkel zum Manne, über den er sich bei seinen seltenen Besuchen mit besonderem Ergötzen lustig machte . . . Jetzt war Makarka an der Reihe. Als der Knabe mit grosser Mühe die Prüfungen im Gymnasium bestanden hatte, schenkte ihm der Vater drei Rubel mit den Worten: „Nun, schau zu, sterben kannst Du, aber Doktor sollst Du mir werden." Und nun begann für Makarka eine ganze Reihe kummervoller Jahre. Er war ein stiller, schüchterner, verträumter Knabe, er liebte Gedichte, Musik, spielte gut verschiedene Melodien auf dem alten, durch einen Zufall erworbenen Klavier und versuchte sogar einmal dem Vater etwas vom Konservatorium anzudeuten, da er aber die lakonische Antwort erhalten hatte, dass „auch ohne ihn genug „Musikanten" in Moskau wäien", so kam er nie mehr darauf zu sprechen. Das Lernen wollte ihm nicht glücken. Die Gymnasial Wissenschaften interessierten ihn

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