Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 9 (September 1902)
- Article
- Lesser Ury's Landschaften
- Date
- 1902-09-01
- Page
- Seite 599 - 600 (sequence 8)
- Language
- German
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liegt der Wald da in seligem Zittern, geküsst vom Liebte seiner Sonne. Lieblich ist's und morgensebön; Frühling und Wald in kindlichem Glück. Da plötzlich bricht ein Lachen herein, spöttisch und höhnend, und täuscht und entschlüpft. Dann taucht es dort wieder auf, kindlich und lieblich, und hüpft durch den traulichen Wald. So lacht es und spielt und ruft zum Spiele und spottet wieder über das eigene Frohsein und stört sich selbst sein eigen Vertrauen. Es ist ein Gedicht von Heine in der Lyrik dieses Waldes. Zarte, innige Töne und liebliche Weise und dann das harte Hohnlachen, das da im Vordergrunde hinwegschlüpft und uns mit erstaunten Augen zurücklässt. Aber alles, alles mündet; alle Wallung findet ihren Frieden in dem Abend der heiligen Stille. Der Abendsee buchtet sich zur Ruhe, die Wasser schlummern, gehüllt in ihr Schweigen. Eine dämmerstille Kreislinie legt sich weich um den Schlummer und kehrt irgendwo im Unendlichen zu sich selbst zurück. Die Elegie des Abends der Welten geht lautlos durch die Lande; Leidenschaft und Sünde, Schmerz und Hoffen sind gewesen; nun ist die Psyche entrückt den Fährnissen des Augenblickes, in dem fernen Hafen hat sie sich und ihre Ewigkeit gefanden. Wenn man diese Welt schildert, dann scheint es leicht, als sei die wache Erkenntnis betäubt worden und tappe suchend umher nach Bildern und Gleichnissen ohne Halt und Wirklichkeit. Sucht man Klänge durch Worte wiederzugeben, dann füllen sich die Worte mit einem Inhalt, der ihre Tragfähigkeit übersteigt, sie verlieren das begriflssichere Maass der gewohnten Wendung und scheinen wie trunken zu taumeln. Bei Ury und seinen Landschaften ist aber alles Farbenklang. Darum verliert das Wort die Kraft der Vermittelung; Empfindung und Wahrnehmung sind durch keine Vorstellung zu ersetzen. Erst wenn es der reproduzierenden Technik gelänge, dem Leben dieser Farben nahezukommen, dann gelangte diese Welt und der Tiefsinn ihrer geheimnisvollen Schönheit in vertrautere Nähe des Bewusstseins. So gelang es dem grossen Farben- und Denkkünstler Böcklin erst durch lange Mühen der graphischen und reproduzierenden Künste seine Siege zu feiern. Und wenn es Mittel geben wird, die stolze Schönheit Ury'scher Landschaften so zu bezwingen, dann werden alle Augen gewillt sein und lernen, sie zu sehen.