Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 9 (September 1902)
- Article
- Die jüdische Renaissance-Bewegung
- Date
- 1902-09-01
- Page
- Seite 583 - 584 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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583 Mathias Aclier: Die jüdische Renaissance-Bewegung. 584 maschinen sein mit grobem Zielmechanismus; es kann auch die Zeit kommen — und sie ist näher als man glaubt —, wo sie sich als Uhrwerk der Gesellschaft darstellen werden, mit entwickelungwitternder Seele. Gut, ich gebe zu, das ist noch nicht, und die jüdische Bewegung scheint nicht den Ehrgeiz zu haben, den Anfang zu machen. Aber daraus folgt wieder nicht, dass es nicht schon heute aufbauende Arbeit ausserhalb der Parteien, und speziell der jüdischen Parteien, geben könne. Wohl gemerkt: Parteien, nicht Partei. Denn nicht in einer Partei verkörpert sich die jüdische Renaissancebewegung, sondern in mehreren, gewesenen, seienden und zukünftigen. Dies zu verkennen ist der erste Schritt zur Verkennung der Möglichkeit eines ausserparteilichen Wirkens. Wer so viel. Einheitsfanatismus im Leibe hat, dass er die Möglichkeit und Berechtigung verschiedener Organisationen, entsprechend den verschiedenen Seiten und Auffassungen der jüdischen Renaissancebewegung, leugnet, wer nicht einsieht, dass die Mannigfaltigkeit Leben und Zukunft ist, der kann eben nicht jene begreifen, die ausserhalb der Parteien das grosse neue Werden im jüdischen Volk erfüllen helfen wollen. Auch wro ein Volk in Voller Paradeausrüstung des Geistes und des Leibes, der Liebe und der Macht dasteht, sind solche freie Einzelkämpfer als bewusste oder unbewusste Kontrolleure der sogenannten Thatpolitiker oder Thatparteien nicht entbehrlich. Das deutsche Volk z. B. würde weit kommen, wenn es nicht einzelne Menschen hätte, die es mit ihrer kritischen oder schaffenden Arbeit vor der Verflachung durch den Nationalliberalismus, den Freisinn und bis zu einem gewissen Grade auch durch die Sozialdemokratie, vor der Versumpfung durch das Centrum und vor der Verschuftung durch den Antisemitismus bewahren. Und erst bei den Juden — wo trotz der schönsten Ansätze, trotz der schwellenden Keime oder aber gerade deshalb von einem fertigen Volke keine Rede sein kann! Da sind im Grunde alle Parteien noch Frühgeburten mit grossen Embryc-Köpfen und dünnen Körperlein. Da ist das Volk erst aufzufüttern, da sind noch erst tausend Wege aufzuspüren, um an tausend Enden seinem Geiste und seinem Leibe immer neue Nahrung zuzubringen, — dass seine Sprachkraft wachse, dass sein Eigengeist blühe, dass sein Trieb sich zu sammeln, immer stärker werde,, dass es alle diese Gaben anpasse der neuen Zeit,, in der wir leben und in der zu leben eine Lust ist. Und das besorgen freie Menschen oder Organisationen freier Menschen, die sich nicht ihre Marschroute binden lassen, besser, tausendfach besser, als jede Partei. Der erstbeste sogenannte Ghetto-Dichter, der für sein armseliges Publikum schreibt, das erstbeste Unternehmen, das hebräische und jüdische Werke oder gute Fachschriften zur Judenfrage verlegt, die erstbeste jüdische Arbeiter-Organisation, die ihre Mitglieder die modernen Wirtschaftsbedingungen besser erkennen lehrt, das erstbeste jüdische Theater, das den Geist des gegenwärtigen jüdischen Volkes diesem selbst plastisch vor Augen, führt, die erstbeste wirkliche Kolonisationsthat — ein jedes ist für die Zukunft, für die ,,Wiedergeburt" des jüdischen Volkes tausendfach mehr wert, als alle Programme und alle Aktionen aller jüdisch - nationalistischen Parteien zusammengenommen. Es spricht ja niemand den Parteien das Recht ab, sich auch als Verkörperungen der grossen jüdischen Renaissance-Bewegung anzusehen. Aber fein bescheiden sollen sie sein, sich nicht identifizieren mit ihr, der grossen, gewaltigen. Geschichtserscheinung. Behutsam sollen sie ihre Hände an das grosse Werk legen, nicht protzenschwer zugreifen. Sonst sind sie reif, von anderen, weniger anspruchsvollen und mehr erfüllenden Parteien abgelöst zu werden. Und jeder, dem die ,,Wiedergeburt'' des jüdischen Volkes mehr als Partei-Rechthaberei ist, hat das Recht, ihnen mit englischer Ungeniertheit zuzurufen: „hands off'*L