Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 9 (September 1902)
- Article
- Die jüdische Renaissance-Bewegung
- Date
- 1902-09-01
- Page
- Seite 579 - 580 (sequence 2)
- Language
- German
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579 Mathias Acher > Die jüdische Renaissance-Bewegung. 580 damals gewesen zu sein. Was er im tiefsten Herzen ersehnt, ist nicht ein wieder, d. h. zum zweiten Male Geborenwerden gestorbener Entwickelungen, sondern ein wieder, d. h. wieder einmal Geborenwerden von Kräften, die eine neue Entwicklung einzuleiten im stände sind. So ist es, wenn sich auch wenige darüber Rechenschaft geben. Unter. diesem Vorbehalte spreche ich von jüdischer Renaissance-Bewegung. Thatsächlich giebt es in ihr keine einzige wirkliche Wiedergeburt, weder früher noch jetzt, noch in der Erwartung. Was dem Judentum gestorben, innerlich gestorben ist, wie z. B. die Theokratie oder der Asiatismus, ja überhaupt sein ganzer althebräischer Charakter, wird nie mehr wiedergeboren werden. Aber was in ihm lebt, sein Drang, sich eine eigene Sprache zu formen, den eigenen Geist ausleben zu lassen, sein Trieb nach räumlichem Zusammensein, überhaupt sein ganzes nationales Wesen von heute — alles das kann es erleben und erlebt es, dass ihm neue Kräfte geboren werden, dass ihm junge Flügel wachsen zu jugendlichem Sonnenflug. Nichts ist lehrreicher für die Erkenntnis dieses grossartigen Prozesses, als gerade die ungeheure sprachliche Schaffenskraft des jüdischen Stammes im Exile. Zwei Materialien hat ihm der Verlauf seiner Geschichte zur Verfügung gestellt: das semitische Hebräisch und das arische Deutsch. Mit beiden hat er etwas anzufangen gewusst, als die Zeit der jungen Triebe gekommen war, und dort wo sie kam. Der Winter der hebräischen Sprache hat etwas lange gewährt. Aber nun war er zu Ende. Ueber den alten Wurzeln und Stämmen erschien ein neues junges Grün, und das Grün wurde, immer dichter und dichter. Und heute ist es eine herrliche Laubkugel, die bald so schön und schattig sein wird, wie in dem grossen Sommer, der dem langen Winter vorausging. Damit begnügte sich aber die tie[innerlich wirkende „Wiedergeburt* nicht. Sie nahm noch den Baum aus der Fremde her, pflanzte ihn ins Erdreich der jüdischen Seele, pfropfte Reiser darauf vom hebräischen Stamme und von anderen Sprachstämmen, Reiser, die das jüdische Volk auf seinen Wegen auflas, und bildete sich eine zweite Sprache daraus, die sich gewiss vor keiner anderen Europas zu schämen braucht, — so reich, so eigenartig, so brauchbar für das Höchste und Gewöhnlichste ist sie. Und diese ganze zwillingssprachliche „Wiedergeburl" ging so stille und bescheiden vor sich. Keine Zeitung berichtete darüber der Aussenwelt. Auf solche Weise geschieht so etwas. Doch die Sprache ist nur der Teppich, den sich die Seele eines Volkes selber webt, um auf ihm dahinzuschreiten, wo sie überhaupt Sprache nötig hat. Kommt sie aus irgend welchen äusseren Gründen nicht zu dieser Webearbeit, so muss sie sich mit fremden Teppichen begnügen. Deshalb braucht sie nicht träge auf ihnen zu liegen oder zu hocken, sondern kann auf und abwandeln, ihre Schönheit zeigen, ihre Kraft entfalten, ihre Eigenart bethätigen, hier auf fremdem, wie dort auf eigenem Teppich. Auch vor dieser Leistung hat die jüdische „Wiedergeburt" nicht Halt gemacht. Wachgeküsst ist der jüdische Geist in Wissenschaft und Kunst. Wohl schweigt hierüber die Fama noch mehr als über die ,,Wiedergeburt" der Sprache. Denn gilt es dort bloss unangenehme Entwickelungsthatsachen anzuerkennen, so müsste man hier liebgewonnene Irrtümer einsehen und eingestehen — und das geht denn doch den Meisten „über die Kraft". Um so spannender aber ist es für Köpfe, die sich auch von annoch als liberal geltenden Vorurteilen befreit haben, zu studieren, wie die jüdischen Wissenschaftsmethodiker und Künstler, bei allen fremdnationalen Elementen ihres Wesens, in einer und derselben Atmosphäre von Grundempfindungen und Grundstimmungen arbeiten. Die unbewusst wirkenden nationalen Faktoren der Sprachschöpfung und der künstlerischen Geisteskultur können aber nur unter der Voraussetzung des gruppenweisen Beisammenseins wirken; deswegen muss ihnen ein unbezähmbarer Hang, sich räumlich zu sammeln, entsprechen. Und wirklich sehen wir auch hier die „Wiedergeburt" am Werke. In einem Maasse, wie es die vergangenen Jahrhunderte nicht kannten, tritt der Konzentrationstrieb im jüdischen Volke auf. Von den jüdisch nuancierten Vierteil* der mitteleuropäischen Gross- und Kleinstädte bis zu den ungeheuren jüdischen Proletarieransammlungen in den Weltstädten der angelsächsischen Rasse und noch weiter bis zur grossen heissen Suche nach einer VolksheimaY -ist alles Fortschritt und Sieg dieses Konzentrationstriebes. Diese ganze grosse Renaissancebewegung jedoch — Sprachzeugung, Kulturwerdung, Prozess des sich Suchens und Findens — wird von niemanden gemacht und von niemanden geleitet. Alle die Parteien und Personen, die wir in dieser