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Ost und West · 1902-08-01 · Heft 8 (August 1902) · p. Seite 573 - 574

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 8 (August 1902)
Article
Revue der Presse
Date
1902-08-01
Page
Seite 573 - 574 (sequence 2)
Language
German
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573 Revue der Presse. 574 Die Basler Nachrichten bringen folgendes „Eingesandt*1 über die „Auswanderung rumänischer Juden". Die für Dienstag Abend angesagte Versammlung zur Gründung eines Hilfskomitees für die aller Mittel entblössten durchreisenden rumänischen Juden hat trotz massiger Beteiligung dennoch, wie zu erwarten stand, zu dem gewünschten Ergebnis geführt. Es hat sich ein Komitee aus Damen und Herren gebildet, welches dafür sorgen will, dass den Ankömmlingen die nötigen Erfrischungen, Nahrungsmittel, Schlafgelegenheit und ärztliche Hilfe zugewiesen werden und welches dazu bereit ist, den Auswanderern Spenden der Bevölkerung zu verabfolgen. Doch ich will nicht von der Versammlung selber berichten, die unter den Auspizien eines jüdischen Trauertages und infolge des sehr ernsten Themas von einer gedrückten Stimmung beherrscht war. Vielmehr will ich dem Publikum die Quelle des rumänischen Uebels etwas deutlicher beschreiben, als es sonst geschieht. Die Völker Europas haben in alter Zeit sich des jüdischen Volkes bemächtigt, haben -dieses unglücklichste, zersprengte Volk in ihre Mitte aufgenommen und hier auferzogen. Europa ist die Pflegemutter des heutigen Judentums! Ich richte an die ehrlichen Kinder Europas die Frage: Hat Europa an den Juden jemals mütterlich gehandelt, hat Europa auch nur eine einzige seiner Mutterpflichten erfüllt? Und darauf muss jeder antworten: Nein! Im Gegenteil, verfolgt, bedrückt und geschlagen wurden die Juden in Europa von jeher. Ein Erbarmen gegen Juden hat man nie gekannt — oder seit etwa 50 bis 60 Jahren nur geheuchelt. Wo sind alle die glänzenden Zeugnisse europäischer Kultur, wenn es sich um Juden handelt, geblieben? Wo ist das christliche Mitleid, die vielgepriesene Nächstenliebe zu finden? Gegen die Juden wird sie nicht ausgeübt, das zeigt die rumänische Auswanderung zu krass. Alle Völker sehen dieser barbarischen, mittelalterlichen Auswanderung achselzuckend, unthätig zu. — Wo ist der aufgeklärte Liberalismus hingeraten? Er verschweigt alles, was von jüdischem Elend handelt und sucht es den Augen und Ohren seiner Anbeter geflissentlich zu verheimlichen — das zeigt am besten der grösste Teil der reiclisdeutschen liberalen Presse, mit der alleinigen Ausnahme der „Frankfurter Zeitung", welche hin und wieder etwas energischer vorgeht. Wo ist die grosse völkerumfassende Bewegung des Sozialismus, wenn es sich um das Elend des jüdischen Proletariats, des ärmsten der Welt, handelt? Auf dem letzten Pariser internationalen Sozialistenkongress wurden Proteste ausgesprochen gegen die Unterdrückung aller leidenden Nationen, der Polen, Finen, Buren, Armenier, ja sogar der Chinesen; die Unterdrückung der Juden, insbesondere in Rumänien, hat man mit keiner Silbe erwähnt! Europa nimmt sich der ganzen Welt an, aber der eigenen Einwohner gedenkt es nicht; es schämt sich allzu sehr der vielen am Judentum begangenen Verbrechen und verheimlicht alle beschämenden Vorgänge im europäischen Familienhause! Und die europäischen Mächte, die Führer der Völker, was thun sie für das Volk der Juden? Seitdem sie den Berliner Vertrag geschrieben, aber nur geschrieben haben, glaubten sie schon zuviel gethan zu haben. Ernstlich hat man nie auf Einhaltung des Vertrags in punkto Juden gedrungen. Denn wohlgemerkt, nicht so sehr Rumänien hat den Vertrag gebrochen, als die Grossmächte. Denn, wenn jemand auf einen abgeschlossenen Vertrag keinen Wert legt, wenn er nur pro forma, d. h. zur Täuschung anderer abgeschlossen wurde, dann kann unmöglich von den Vertragsparteien, insbesondere von dem angeblich Verpflichteten, die Erfüllung des Vertrages gefordert werden — eine rechtliche Verpflichtung bestand nicht, sonst hätte man auf deren Einhaltung gewirkt, vorausgesetzt, dass es sich der Mühe lohnte . . . aber, ach, wegen der Juden, etc. . . . Aber, wendet man ein, den Bnren haben die Grossmächte auch nicht geholfen! Wohl richtig. Aber die grossen und kleinen Völker selber haben gezeigt, dass man einem anderen Volke helfen könne, auch ohne beifälliges Nicken der Diplomaten. Alle die vielen Proteste, alle HilfsSammlungen, alle Frauenkundgebungen waren ein deutlicher und ernster Beweis der Anteilnahme an der Burensache, und wahrlich, sie gereichen den europäischen Völkern nicht zur Unehre. Aber, nicht wahr, das ist etwas anderes, wenn es sich um die Juden handelt. Nein, beileibe, das ist nicht vornehm, den Juden hilfreich die Bruderhand zu reichen! Niemand rührt sich. Alle bleiben kalt. Kaum wagen es die westeuropäischen Juden, etwas zu thun. Entsetzt wenden sie sich ab ob all dem Grauen und danken Gott, dass er ihnen eine bessere, gesittetere Heimat verliehen! Sie wagen nichts oder nicht viel zu thun. Denn sie befürchten, man verdächtige ihren Patriotismus, wenn sie sich ihrer Blutsverwandten aus dem Osten annehmen — und werden so „gute" Patrioten! Kann man aber Patriot sein, wenn das eigene Fleisch und Blut von den Mitbürgern in Unehre gelassen, verspottet und vertrieben wird?-- In den Ländern, wohin die Juden ihre Zuflucht nehmen wollen, in den freien Ländern englischer Zunge, in Grossbritannien und Amerika, ist man im Begriffe, um das Ueberfluten mit jüdischen Einwanderern zu verhindern, Einwanderungsverbote zu erlassen. Wohin sollen sich die Juden dann wenden? Trostlos ist die Gegenwart, fast noch finsterer die nächste Zukunft. Ihr Völker Europas, wisst ihr nun, wo die Quelle der Not und des Elends der jüdischen Einwohner und vor allem der Wanderer ist? Warum protestiert ihr in diesem Falle nicht gegen das Vorgehen der rumänischen Regierung und das Treiben ihres Volkes? Und du, edles Schweizervolk, auch du lässt diese Schmach des ruhigen Mitansehens auf dir ruhen. O. M. * * * „Kölnische Volkszeitung", den 22. Juli 1902. Jerusalem, 12. Juli 1902. Hier beabsichtigt man deutscherseits die Gründung eines Deutsch-evangelischen Institutes für Altertumswissenschaft. Seit Jahren schon trug man sich mit dem Gedanken einer solchen Gründung, die nach Umständen grosse Bedeutung für biblische Studien und Kenntnis des Orients gewinnen kann. Auch zur Hebung deutschen Ansehens mag sie bei dem grossen Wettbewerb, in den sie mit ähnlichen französischen, englischen und russischen Bestrebungen auf dem bezeichneten Gebiete hier eintreten muss, mit beitragen können. Freilich soll der ganzen Sache, soweit wenigstens die Benennung darauf schliessen lässt, ein protestantischer Beigeschmack gegeben werden. Ueber die Einrichtung des Institutes, die Mittel der Gründung und des Unterhaltes ist Näheres noch nicht mitzuteilen. Wie emst es übrigens damit genommen wird, lässt sich daraus ersehen, dass eine der ersten Autoritäten auf dem Felde biblischer und jüdisch-rabbinischer Gelehrsamkeit, Professor der Theologie Dalman in Leipzig, als Leiter desselben ausersehen ist. (Derselbe ist inzwischen ernannt worden. Vergl. No. 634 der „Kölnischen Volkszeitung".) Gegen Ende dieses Jahres

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