Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 8 (August 1902)
- Article
- Einige Gedanken über den Antisemitismus
- Date
- 1902-08-01
- Page
- Seite 525 - 526 (sequence 5)
- Language
- German
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525 Mathias Ach er: Einige Gedanken über den Antisemitismus. 526 es ausser Zweifel, dass die ordentlichen Ackersleute der Geschichte, die Menschen des vorurteilslosen Forschens und der Arbeit die Maulwürfe wieder vertreiben und die aufgeworfenen Erdhügel wieder in fruchtbaren Humus verwandeln werden. Und diesen ordentlichen Ackersleuten sich anzuschliessen, nicht etwa eine unfruchtbare „Abwehr" betreiben, das ist die Aufgabe, die dem Juden gegenüber dem Antisemitismus zufällt. Es kann dabei nicht von bestimmten Parteien die Rede sein, denn die Linie, auf der gegenwärtig der Kampf gegen alle Mächte des Stillstandes und der verschimmelten Ueberlieferung wütet, ist lang und bietet auf vielen verschiedenen Stellen Platz für die jüdische Einreihung. Man sage nicht, dass die jüdischen Kämpfer wegen ihrer verachteten Stellung nichts ausrichten, sondern eher noch schaden. Es ist ja richtig, dass der starke jüdische Einschlag in den im Sinne der Entwickelung kämpfenden Heeren den Antisemiten bei ihrer Propaganda Vorschub leistet. Aber es ist ein Fehler, den Wert dieser Thatsache so zu überschätzen, als es gewöhnlich geschieht. Vor allem, was intellektuelle Leistungen betrifft. Denn diese lassen sich überhaupt nicht addieren und in ihrer Summe mit der Summe der antisemitischen Erfolge vergleichen. Was ein genialer Jude im Sinne der ungestörten Entwickelung aufbaut, können alle Antisemiten der Welt nicht niederreissen. Aber auch die Leistungen der jüdischen Durchschnittskämpfer sind durch die antisemitischen Treibereien nicht entwertet. Denn für die wahre Gestaltung der Dinge kommt es weniger auf die augenblicklichen Siege und Niederlagen der Parteien und Gruppen an, als darauf, welche von ihnen die grösseren Quantitäten positiver Leistungen aufstapelt. — Betrachtet man die Dinge von diesem Gesichtspunkte, so kommt man zu der Ueberzeugung, dass von jüdischer Arbeit gegen die Mächte der Beschränktheit trotz aller antisemitischer Anstrengungen auch nicht ein Quentchen verloren geht. So meine ich denn, dass wir den Antisemitismus als Kraft nicht unterschätzen, als Wert nicht überschätzen dürfen, und dass wir den Kampf gegen ihn mit allem Nachdruck führen müssen. Nur an einer Stelle hat er gar nichts, aber schon gar nichts zu suchen — in allem nämlich,'was zu jener grossen Bewegung gehört, die ich die jüdische Renaissance-Bewegung*) nennen möchte. *) Ich möchte den Ausdruck „Zionismus" lieber ablehnen, nicht so sehr wegen seines frömmelnden, roman- Es ist nicht Sache dieses Aufsatzes, zum Zionismus Stellung zu nehmen. Aber so viel muss gesagt werden: ein Zionismus, der sich keine bessere Voraussetzung weiss als den Antisemitismus, ist schon von vornherein gerichtet. Da kann nichts anderes herauskommen, als der tristeste, hohlste Chauvinismus, hinter dem auch nicht ein Atom wirklichen nationalen Lebens steckt, der an Formen, Worten, Farben hängt, als ein greulicher Fanatismus, der jede Kritik und jeden Kritiker am liebsten totschlagen möchte. Ein solcher Zionismus konnte nur im Westen geboren werden, dort, wo es kein geistiges Vollblutjudentum mehr giebt, wo von jüdischem Leben nur mehr kümmerliche Reste vorhanden sind, wo eine innere, nationale Entwickelung längst aufgehört hat; konnte nur entstehen als eine Art Verlegenheitsantwort auf den Antisemitismus, mit dem er deshalb parallel laufen, dessen Geist er kopieren muss. Jeden Vollblutjuden muss solch ein blutloser jüdischer Chauvinismus gar seltsam anmuten, er muss es seinen rutschenden Phrasen anhören, dass sie nicht aus harten, jüdischen Seelenskeletten, sondern aus jüdischen und arischen Seelenweichteilen stammen. Wenn nichtsdestoweniger dieser Chauvinismus infolge der bestehenden politischen Verhältnisse auch unter die Juden des Ostens Eingang gefunden hat, so braucht man sich davon nicht beunruhigen zu lassen. Denn den westlichen Juden mag der Zionismus nach der geringsten Enttäuschung zu einer Gefahr für den Rest ihres armseligen Judentums werden, die Ostjuden aber erzeugen aus sich heraus einen fortwährenden Strom lebendiger jüdischer Kultur, lebendiger jüdischer Ideen. Dieser Strom fliesst so oder so, unabhängig von antisemitischer Leibes¬ und Geistes- und von zionistischer Willensbedrängnis. Er fliesst, wie das Leben fliesst, weil er das Leben ist, das Leben des jüdischen Volkes. Er wird noch fliessen, wenn der heutige Rummel längst vorüber sein wird, und wird zusammen mit dem grossen Strom der gesamten Menschheitsentwickelung das jüdische Volk seinen nationalen Zielen zuführen, — ohne auf zionistische Wässerchen oder gar auf antisemitische Bächlein angewiesen zu sein. tischen Klanges, als hauptsächlich, weil er die Bezeichnung einer Partei geworden ist, die gewiss nicht alle Möglichkeiten einer jüdischen Renaissance-Bewegung umfasst, besonders diejenigen nicht, mit denen sich ein moderner Mensch befreunden kann.