Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 8 (August 1902)
- Article
- Einige Gedanken über den Antisemitismus
- Date
- 1902-08-01
- Page
- Seite 523 - 524 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2583875-2583890-2583899-2585918--01944-2585982- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
523 Mathias Acher: Einige Gedanken über den Antisemitismus. 524 oder kranken Gehirnen aufhalten wollen. Ja, aber sie haben doch das Verdienst, das Prinzip der Rasse erkannt und gegen einseitige Ueberschätzer des wirtschaftlichen Prinzipes zur Geltung gebracht zu haben. Keine Spur! Sie haben einfach, was nach den grossen naturwissenschaftlichen Forschungen und Erkenntnissen unseres Zeitalters greifbar in der Luft lag und im Zuge der Entwicklung von allen nach vorwärts gerichteten Parteien praktisch verwertet wurde oder verwertet zu werden im Begriffe steht, zu einer tollen schäbigen Farce verdichtet. Und es giebt hierin keinen nennenswerten Unterschied zwischen den einzelnen Gruppen dieser Gesellschaft. Noch bis vor gar nicht langer Zeit habe ich von ihrem radikal-nationalen Flügel doch weit mehr gehalten als von dem sich christlich nennenden. Ich bin auch von dieser Meinung, zu der ich wahrscheinlich noch aus einem Rest von nationalistischer Wahlverwandtschaft oder von altem Respekt vor dem „achtungswerten Feinde" hielt, abgekommen. Ich danke meinem Gotte dafür. Was soll das grössere Verdienst dieser nationalen Antisemiten sein? Dass sie sich über ihre ungezügelten Rasseninstinkte ganz klar sind, dass sie eine Reinkultur derselben gezüchtet haben, dass sie jedes Geschichtsdenken durch ihren rassennärrischen Einschlag verfälschen, dass sie in ihren entwickelungsfeindlichen Marotten konsequent sind bis zur Lächerlichkeit, dass sie mit einem Worte in die tolle schäbige Farce System gebracht haben. Da sind mir die klobigeren und ungeschlachteren, aber dafür gemütlicheren, weniger monomanen und daher vom weltgeschichtlichen Standpunkt weniger gefährlichen Christlichsozialen fast noch lieber. Vielleicht bin ich übrigens gegen die anderen deshalb etwas zu bitter, weil ich Gelegenheit habe, ihren unglückseligen Einfluss auf die westjüdische Jugend, soweit sie zionistisch ist, zu beobachten. Es thut einem in der Seele weh, den starren Partei- und Dogmenfanatismus der alldeutschen Quer- oder Schwachköpfe in jüdischer Toilette wieder .zu finden. Wenn ich mir nur vor Augen halte, welche hässlichen, kleinlichen Wutausbrüche sicheren Meldungen nach schon meine gewiss gemässigten Artikel in „Ost und West" bei manchen Ultras hervorriefen, — dann kann ich immer und immer wieder nur mit einigem Hass an Schönerer und seinesgleichen denken, die diese unfruchtbare Weise als Beispiel und Miasma in die Welt gesetzt haben. Auf diese pathologischen Gecken fällt es zurück, wenn das arme jüdische Volk, welches ich Hebe und dem ich angehöre mit allen Fasern meines Leibes und meiner Seele, und das wahrlich Grund hätte, höchstens nur einen Fanatismus zu kennen, den des Kampfes gegen allen Fanatismus, — wenn auch dieses jüdische Volk wieder in alte Delirien verfällt. Doch es steht übrigens nicht so schlimm, weder mit der Macht der Antisemiten, noch mit den Aussichten der jüdischen Volksseele. Schon lange kennt man den weittragenden Unterschied zwischen dem offen als solchen einherschreitenden Antisemitismus und dem alten, vererbten, latenten, innerlichen Judenhass, von dem jener nur eine Art lauter Aeusserung neben vielen geräuschlosen Aeusserungen ist. Aber man hat diesen Gegensatz meist nur dann ausgespielt, wrenn es galt, die Folgen des Rassenprinzipes als unheilbar unheimlich darzustellen, die düsteren Farben des Golus noch düsterer zu malen. Der Gegensatz hat aber ein viel freundlicheres Gesicht, das man allerdings nur sehen kann, wenn man sich im Sinne der obigen Ausführungen und meines vorletzten Artikels in diesem Blatte von der Ueberschätzung der Rassengeschichtsmacht und übertriebener Golusangst frei gemacht hat. Dann erscheint gerade der alte vererbte, latente, innerliche Judenhass als Quelle zwar aller anüsemitischen Ausbrüche, aber als eine Quelle, die im Laufe einer Entwickelung. an der man mitarbeiten kann, immer weniger und weniger ergiebig wird, bis sie zuletzt ein unscheinbares Gerinnsel sein wird, dessen geringe Wirkungen man mit in den Kauf nehmen muss, wie so manches im Völkerleben. Die antisemitischen Ausbrüche selbst wiederum erscheinen dann zwar als furchtbare materielle und moralische Verheerungen einer bis in ziemlich ferne Zukunft sich erstreckenden Gegenwart — aber auch als etwas, was mit allen Mitteln des fortschreitenden Geistes bekämpft werden muss und kann. Dann betet man nicht mehr in seinem stillen zionistischen oder nationalistischen Kämmerlein die Antisemiten als Helden einer neuen Offenbarung an, sondern erkennt sie als das, was sie sind, als blinde Maulwürfe, die nur noch obendreinden Grössenwahn haben, „blonde Bestien" zu sein. Diese Maulwürfe, sie mögen Erde aufschütteln, so viel sie wollen, was nützt ihnen das? Schon der heutige Stand der wissenschaftlichen und wirtschaftlichenEntwickelung lässt