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Ost und West · 1902-07-01 · Heft 7 (Juli 1902) · p. Seite 503 - 504

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 7 (Juli 1902)
Article
Revue der Presse
Date
1902-07-01
Page
Seite 503 - 504 (sequence 3)
Language
German
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503 Revue der Presse. 504 welches ihre Gründer verfolgen. Er sagt: „Es leben in Paris 30 000 bis 40 000 fremde Juden. Fast alle sind arm, und es wird ihnen schwer, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Die Sorgen um das tägliche Brot erlauben ihnen nicht, an ihre geistige Entwickelung >u denken. Um diesen zu helfen, ist die Jüdische Volksuniversität gegründet worden. Wir wollen, dass diejenigen, welche sie besuchen, hier vor allem gleichzeitig mit dem geistigen Untenicht eine Belehrung bezüglich des Materiellen rinden. Dadui ch, dass sie das Französische lernen, die Sitten und Gesetze des Landes, das sie bewohnen, wird es ihnen leichter werden, ihren Lebensunterhalt zu verdienen, da sie nun besser bewaffnet sind für den Kampf. Dadurch aber, dass sie das Hebräische lernen, die Geschichte und Litteratur des jüdischen Volkes, werden sie ihre Herkunft nicht vergessen, sondern die alten Ueberlieferungen des Volkes und die Werke, die aus unserer Nation ein unsterbliches Volk gemacht haben, stets in der ErinGerung behalten. * * * Nach dem Pariser „Matin** bringt die „Vossische Zeitung" folgende Schilderung vom New Yorker Ghetto: New York hat mehr russische Juden als irgend eine Stadt in Russland. Seit zwanzig Jahren strömen sie in das freie Land, in dem sie sich ausbilden können. Sie sprechen einen deutschen, mit slavischen Wörtern untermischten Dialekt, den sie mit hebräischen Schriftzeichen schreiben. Zwei Theater spielen täglich Dramen in ihrer Sprache, fünf Zeitungen erscheinen mit ihrem biblischen Alphabet gedruckt, und überall sieht man hebräische Schilder. Die Ziegelhäuser mit ihren eisernen Treppen und Rettungsbalkons sehen wie rostige Käfige aus. Wenn die Züge der Hochbahn die Fassaden streifen zittert das Gitterwerk. Hier ist die Stadt des Wiederverkaufens und Geschwätzes. Die glücklichsten Insassen sind Trödler. Die andern Männer oder Frauen nähen auf Stück. Sie arbeiten im Zimmer bis in die Nacht hinein; sie schlafen zusammengekauert auf ihren Stoffen, und man hat Mädchen gefunden, die mit fieberroten Augen liegend nähten. Bei diesem Sweatingsystem streichen die Zwischenmeister den ganzen Gewinn ein. Das Leben jeder Familie ist eine Tragödie, so wie Zwangwill sie in seinem Roman „Kinder des Ghettos" dargestellt hat. Die Generation der Eltern bewahrt die Sitten der russischen Ghettos. Ein alter Rabbiner Namens Baruch Spinoza, der auf Stück nähte, trug immer die Gebetriemen bei sich und breitete sie mittags in der Arbeitsstube aus, um zu beten. Eines Tages brach Feuer aus, und er entkam mit grosser Mühe. Auf der Strasse erinnerte er sich aber seiner Gebetriemen, kletterte trotz der Warnung seiner Freunde zurück, um sie zu holen, und erstickte. — Die Generation der Kinder ist dagegen ganz amerikanisch. Sie bilden die Elite der Freischulen, das Publikum der öffentlichen Clubs und die Elite der städtischen Demokratie. Sie schwingen sich zu den freien Berufen auf, bringen sich in den Grosshandel hinein, und während das Ghetto sich mit neuen Einwanderern bevölkert, entvölkert es sich von den Söhnen der alten, die die reiche Stadt erobern. Die Juden New Yorkssind das ergreifendste Beispiel einer Demokratie, die massenhaft zu einem neuen Lose aufsteigt. Aber die unvermittelte Anpassung der Kinder an die Idee der neuen Welt schafft zwischen ihren Eltern und ihnen ein Missverständnis, das mit einem Fluch der alten und mit einem Achselzucken der jungen Generation endet. — Das New Yorker Ghetto hat auch seinen Dichter, der in der Sprache des Ghetto schreibt. Seio Name ist Morris Rosenfeld. Er ist in Polen geboren, 39 Jahre alt, war Schneiderlehrling in England, Diamantschleifer in Holland, und handhabte in New-York das Bügeleisen in einer Plätterei, bis es ihm, da er eine Frau und vier Kinder hatte, an der Kraft fehlte, den Lebensunterhalt zu erwerben. Da versuchte er für einen Cent per Zeile in den hebräischen Zeitungen zu schreiben. Seine Gedichte im Jargon erzählen von seinen Leiden. * # * Preisausschreiben von „Ost und V?esf" C^ri? Auf mehrfaches Ersuchen haben wir uns entschlossen, den letzten Einsendungstertnin für unser künstlerisches Preisausschreiben bis 15. August hinauszuschieben. Der Publikationstermin (5 September 1902) bleibt unverändert. Verlag von „Ost und West" S. Calvary & Co., Berlin NW. 7. t**mJ*sß^*^*^mf*ß^^**+mf***>^i^m^^*^mA+w^*^^+lt*^*^ Abonnementspreis für das Halbjahr in Deutschland und Oesterreich Mark 3,50, für das Ausland Mark 4,— für Russland ganzjährig 4 Rubel, halbjährlich 2 Rubel. Einzelhefte ä 35 Kop. ---.----Zu beziehen durch alle Buchhandlungen des In- und Auslandes, durch alle Postämter des Deutschen-----.--- -—.-----------Reiches unter No. 5785 a. der Postzeitungsliste und durch die Expedition dieser Zeitschrift. ~~----~—— Anzeigen £0 Pfg. die vier gespaltene Petitzeile, grössere Anzeigen nach Tarif, bei Wiederholungen Rabatt. Stellen-Gesuche und -Angebote zum halben Preise. Adresse für die gesamte Korrespondenz: S. CALVARY & Co. (Inh. HUGO BLOCH & Dr. F. GOTTHELF) Verlagsbuchhandlung und Antiquariat, Berlin HW„ Heue Wilhelmstrasse 1. ***+m*+*h*0^^**^+^^***^*+it*^+r+*^^^^ Verantwortlicher Redakteur: Leo Winz, Berlin, Altonaerstr. 36. — Verlag von S. Calvary & Co., Berlin NW. 7. Druck von Pass & Garleb, Berlin W 35.

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