Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1902)
- Article
- Revue der Presse
- Date
- 1902-07-01
- Page
- Seite 501 - 502 (sequence 2)
- Language
- German
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501 Revue der Piesse. 502 Rumänische Auswanderer in Budapest. Am 16. d. M. weilten im Budapester Centraibalmhofe vier Stunden lang ca. 200 rumänische Juden, die mit Weib und Kind nach Providence N. J., Philadelphia und San-Francisco (Amerika) reisen. Es waren zumeist intelligente Leute, Handwerker aus Bukarest, Jassy, Focsani, Berlad und Braila. Die armen Leute hatten ihr letztes Hab und Gut verkauft, damit sie den zu passierenden Orten nicht zur Last fallen sollen. Sie übergaben dem Bukarester Advokaten Dr. Löwen thal 30000 Fi es., damit er sämtliche Spesen der Fahrt decke. Die Leute erzählten fürchterliche Dinge von den bestialischen Roheiten, denen sie in Rumänien ausgesetzt waren. Einer der Emigranten, Jankl Rovisban, wies seinen Militärpass vor, in welchem es heisst, dass der Genannte ein heldenmütiger, tapferer Soldat war. Weinend erzählten die Leute, dass ihnen nichts so schmerzlich war als der Abschied von den Gräbern, wo ihre Teuren den ewigen Schlaf schlummern. Von den reichen rumänischen Juden erzählten sie die grössten Unbarmherzigkeiten, so z. B. Hess der Berlader Bankier Berl Wechsler einen schönen Palast aufführen, beim Baumeister aber bedang er sich, dass ja kein jüdischer Arbeiter angestellt werde, denn er wolle ein treuer Sohn Rumäniens sein. ,.U. W." * * * Der „Jüdischen Presse*' wird aus Wien geschrieben: „Die Auswandererzüge der Nordwestbahn befördern jetzt einigemal in der Woche Scharen von jüdischen Emigranten aus Rumänien. Am Donnerstag voriger Woche passierte wieder eine grössere Gruppe unsere Stadt Dieselben hatten hier nur einige Stunden Aufenthalt und fanden kaum Zeit, sich von den Mühsalen der tagelangen Waggonfahrt zu erholen. Die Gruppe bestand aus 72 Personen, darunter nur wenige Männer; meist waren es Frauen und Kinder, die ihren Gatten, Vätern oder Brüdern in die P'erne folgten. Doch nicht alle sind so glücklich, dass am fernen Strande jemand sie erwartet;, man sieht Frauen, Greise r.nd Kinder» welche, halb verhungert, die Not und das Elend in der Heimat nicht länger ertragen konnten. Für sie ist die Fahrt ein Schritt der Verzweiflung, denn, falls es diesen Armen mit den schwachen Kräften nicht gelingt, in Amerika ihr Brot zu finden, was dann? Wenn man den Unglücklichen dies vorhält, erwidern sie mit dumpfer Resignation: „Dann werden wir dort weiter hungern, wie wir in der Heimat gehungert haben." Einige Beamte der „Israelitischen Allianz" bewachen den Transport. Plötzlich stürzt ein Mann vor, hinter ihm einige Weiber: „Was wird mit uns geschehen? Wir haben seit 48 Stunden nichts gegessen, wir haben kein Geld, uns etwas zu kaufen," ruft er im Tone der grössten Verzweiflung. Dazu jammern herzzerreissend einige Kinder, die von Hunger und Durst geplagt sind. Es ist ein grässlicher Anblick. Noch aufregender wirkt es, wenn der Auswandererzug vorfährt, der die Unglücklichen aufnimmt. Herzbrechende Szenen des Abschieds spielen sich ab. Dort sieht man zwei junge Mädchen, wahrscheinlich Schwestern, die einander jammernd am Halse hängen. Der Kondukteur drängt zum Einsteigen und in einigen Waggons werden eine Mutter, schreiende Kinder und Gepäckstücke zusammengepfercht. Die Coupes sind glühend heiss. Es ist 11 Uhr vormittags, und in. dieser Bruthitze, die in den nächsten Stunden noch ansteigt, müssen die Auswanderer, eng aneinander gedrängt, lange, qualvolle Stunden verbringen. Aus allen Coupes erschallt Jammern und Schreien der Kinder." * * * Aus „Echo Sioniste" (Paris, 15. Juni). In der Jüdischen Volksuniversität. Die erste Versammlung der Jüdischen Volksuniversilät fand am Sonnabend, den 17. Mai, statt und war von einem grossen Erfolg gekrönt. Der Oberrabbiner von Frankreich wohnte ihr bei, und seine Anwesenheit gab der Einweihung der Anstalt, die der jüdischen Bevölkerung von Paris nnermessliche Dienste erweisen wird, ein offizielles Gepräge. Der bescheidene Raum des jungen Institutes war viel zu klein, um das zahlreiche Publikum zu fassen, das der Versammlung beiwohnen wollte, und zu ihrem grössten Bedauern waren die Organisatoren gezwungen, vielen den Zutritt zu verweigern. — Nach einigen Begrü sungsworten des Vorsitzenden der „Societe Dorche-Sion", hält der Grossrabbiner von Frankreich, Herr Zadok Kahn, die folgende, oft von stürmischem Beifallklatschen unterbrochene Rede: „Vom ersten Tage der Gründung der Jüdischen Volksuniversität an hegte ich den Wunsch, hierhier zu kommen, um Ihren Veranstaltungen beizuwohnen. Leider haben mich verschiedene Umstände daran verhindert, und ich bin glücklich, endlich einmal einen Abend in Ihrer Mitte verbringen zu können. Das Werk, das Sie soeben begrünndei, macht denen, die es erdacht haben, d. h. den Pariser Zionisten, grosse Ehre. Und wie auch immer das Urteil ausfallen möge, das über den Zionismus gefällt wird, seinen hohen, moralischen Wert werden wir alle anerkennen müssen. Der Zionismus hat dem modernen Judentum neuen Lebensdrang gegeben; die eigene Meinung, die zu erlöschen strebte, hat er in uns wieder erweckt. Nun erstrebt er das Erwachen der geistigen Kraft, der Intelligenz unter den Juden. Der Zionismus ist es, dem wir die Rückkehr der lernenden Jugend zu uns verdanken, der Jugend, die drohte, uns den Rücken zu wenden. Er ist es, der das eingeschlafene Selbstgefühl der Juden zu neuem Dasein erweckt hat. (Beifallklatschen.) Derselbe Gedanke hat diejenigen geführt, die diese Volksuniversität gegründ t haben. Sie erinnern Ihre Zuhörer an unsere glorreiche Vergangenheit durch den Unterricht in der hebräischen Sprache und in der jüdischen Geschichte. Sie geben ihnen eine moderne Erziehung, indem Sie sie das Französische lehren und die modernen Wissenschaften. Und überall verbreiten Sie Ihr Ideal, Ihr teures, erhabenes Ideal. Gewiss, Sie werden nicht diejenigen hierher ziehen, die man die „goldene Jugend" nennt. Aber die Mittellosen, die Armen werden Ihren Aufruf hören, und dieses Haus wird ihnen eine Heimat werden, in der sie die Leiden des Alltagslebens vergessen. Sie sind fast alle Fremde. Nun, Verschiedene unter uns betrachten die fremden Juden, die sich in Frankreich niederlassen wollen, mit einer gewissen Animosität. Meine Ansicht ist das nicht. Im Gegenteil: die Thatsache, Sie unter uns zu haben, betrachte ich als ein Glück. Dieses fremde Element hat frisches Blut gebracht, welches den französischen Juden wieder jung machen wird, indem es ihm neue Kraft giebt und ihn aus dem Stumpfsinn erweckt, in dem, er befangen war. Eben deswegen bin ich glücklich, mich in der jungen Volksuniversität in Ihrer Mitte zu wissen und überall und immer werden Sie auf meine Hilfe rechnen können. (Wiederholtes Beifallklatschen.) Herr Jacobsohn, dem die Rede über die jüdische Geschichte übertragen ist, nimmt nun das Wort. Er erklärt den Zweck der Jüdischen Volksuniversität und das Ziel,