Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1902)
- Article
- Richard Goldberg
- Date
- 1902-07-01
- Page
- Seite 451 - 452 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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451 G. Kutna: Richard Goldberg. 452 ungeschiedenen, unlösbaren Stimmung. Hier fand er sie in ihrer künstlerischen Wirkung, und hier fand er in unmittelbarem Widerklang das Gedicht in seiner Seele. Darum keine „Komposition", kein Farbenschmelz und Beleuchtungseflekt, keine Anekdote und nicht „Qualität", sondern Stimmung; dumpf und schattentrübe, aber Stimmung und Dichtung. Hat man sich in diese hineingesonnen, dann lösen sich aus dem ganzen Gedicht die einzelnen Klänge in ihren Tonmassen und Schwellungen. In lebendigem Räume hebt sich Leben ab, und die koinzidierenden Elemente gewinnen allmählich die Konturen der Einzelexistenz. Farbenarmes Leben, ohne lachende Höhe, ohne siegende Wünsche, aber jede einzelne Gestalt lebend und betend. Ein schlichter Mann, kindlich weich und beschränkt; er :ahnt nichts von Zeitströmung, nichts von Forschung und Entdeckung. Er lächelt in überlegener Einfalt RICHARD GOLDBERG-LEOBSCHUETZ. Gruppe aus dem Bilde „Betende Juden" RICHARD G O LDBERG-LEOBSCIIUETZ. Portraitstudie. allen Problemen der Zeit, für ihn bleibt die Welt immer dieselbe, „wie sie immer gewesen". Des Morgens steht er auf und betet, dann geht er seinen Interessen nach, unverdient ehrlich und schuldlos unehrlich, denn seine ganze Philosophie ist das stillfreudige Lächeln, und die Höhe seines Lebens ist diese Stunde. In Erinnerung ihrer ist sein Lächeln und seine Selbstfreudigkeit. Sein Wochentag ist arm, und sein Festtag dürftig, aber wenn der Monat Tisri kommt, dann beginnen seine Wonnen. Der Tag kommt näher, sein Lächeln wird immer heimlicher. Dann ist er da, der Rüsttag, der Morgen und dann der Mittag. Nun tritt er vor, das ist sein sonnigster Frühling; jetzt darf er die Gebete vorsprechen, er ihnen allen. Seine Stimme ist klanglos, die Melodie verwelkt, der Sinn nur halbverstanden, und alles, alles nur dem Träumenden schön; aber sein Traum ist ihm unendlich schön, und „er freut sich auf jedes Wort, das er noch auszusprechen hat". In ihm zittert alles in genügsamer Wonne, und um ihn zittert alles von spielendem Licht. Die Sonne ist matt, die Kerzen sind arm, und doch kosen sie ihn milde und gütig. In derselben Querlinie, dem Vordergründe zu, eine zweite Gestalt. Breit und männlich, mit ruhig festen Wünschen, herb und ernst, nur alles weicher gestimmt in Licht und Gebet. Die Gesichtslinien sprechend, Charakter und Gebet zu offenbaren. Das Gewand wie lebend, und eine schlagende Brust darunter. Ein dritter weist dem Knaben die Stelle im Buche, und in dieser Geste und dieser Miene zeigt er sein eigenes Gepräge und eine lange, weite Geschichte des Wanderns und Alterns, des Handelns und Schleichens, Glaubens und Gedenkens. Wieder einer lehnt an die Wand — ein sprechender Typus — und spricht mit seinem Gotte wie mit einem alten Bekannten, mit dem er in der Schulstube Gedanken^_auszutauschen begonnen, und mit