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Ost und West · 1902-06-01 · Heft 6 (Juni 1902) · p. Seite 431 - 432

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 6 (Juni 1902)
Article
Zwei Judenprozesse [Kommentar]
Date
1902-06-01
Page
Seite 431 - 432 (sequence 3)
Language
German
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431 Revue der Presse. 432 Alle möglichen Rechtssicherheiten werden darin den Rumänen verbürgt, und von Ausnahmegesetzen gegen die Juden, von einer Ausnahmestellung dieser steht auch kein Buchstabe darin zu lesen. Alles ist Gleichheit und Gegenseitigkeit. Ausländer geniessei} in Rumänien die weitestgehenden Rechte, sofern nur bei ihnen zu Hause die rumänischen Staatsangehörigen in gleicher Weise behandelt werden. Dass die rumänischen Behörden sich gegenüber Ausländem, von denen das nicht zutrifft, gewisse Rechte vorbehalten, wer kann es ihnen verdenken? Thun das nicht alle Nationen? Auf diese scheinbar gerechteste Deduktion von der Welt baut sich in Rumänien eine Praxis der Rechtlösmachung der Juden auf, die an Raffiniertheit und tückischer Grausamkeit ihresgleichen sitcht. Für die rumänischen Machthaber hat es genügt, die Juden, mögen deren Familien auch seit Jahrhunderten in Rumänien ansässig sein, unterschiedslos zu Ausländern zu stempeln, und sie haben damit alles, was sie brauchen, ihnen ein Recht nach dem andern zu nehmen, alle Chikanen, die Verfolgungswut und Bureaukratenwitz ersinnen kann, gegen sie ins Werk zu setzen. Die so zu „Fremden" Gemachten haben ja keine Möglichkeit, sich auf einen Heimatsstaat zu berufen, der die Rumänen besser behandelt und ihnen die bürgerlichen Freiheiten gewährt. Die Verlogenheit der Deduktion, die die rumänischen Juden als Landesfremde hinstellt, wird am schärfsten durch die Thatsache beleuchtet, dass diese „Landesfremden" in Rumänien der allgemeinen Militärpflicht unterworfen sind. Der rumänische Jude hat gleich dem rechtgläubigen Rumänen Militärdienst zu leisten, wobei sich aber die Gleichheit bloss auf das Dienen bezieht; von Gleichheit der Rechte ist auch im Heere nicht die Rede. Zum Beispiel muss der jüdische Mediziner als Gemeiner dienen, während der christlich-rechtgläubige Mediziner nur ein Jahr und mit dem Rang des Offiziers zu dienen hat. Aehnlich mit dem geprüften Apotheker, dem geprüften Zeichner und Konstrukteur, dem Strassen- und Brücken-Ingenieur u. s. w. Sogar die Unteroffizier-Vorbereitungsschulen sind den Juden verschlossen. Die Gleichheit des Dienens besteht für die Juden nur in dem Sinne, als es sich um ein Dienen im Sinne des Fronens handelt. Die rumänische Regierimg sucht im Augenblick diese Auswanderung möglichst zu hintertreiben, weil es ihr für die Unterbringung der geplanten Anleihe auf den europäischen Börsen unbequem ist, von neuem im Lichte des Austreibers von Juden dazustehen, und in diesem Bestreben wird sie durch die Thatsache unterstützt, dass die armen, gehetzten jüdischen Proletarier nicht wissen, wohin sie sich wenden sollen. Welches Land wird sie, die völlig mittellos sind, aufnehmen? Wo wird man ihnen Arbeitsmöglichkeit bieten? Und kann man es irgend einer Regierung verargen, wenn sie sich einer Masseneinwanderung auf solche Weise herabgedrückter Arbeiter widersetzt? Es sind nicht Auswanderer, die ihre Heimat verlassen, um sich wirtschaftlich zu heben, es sind Leute, die vor dem Hungertode lliehen, der künstlich auf sie herabbeschworen wurde. Auch unter anderen Verhältnissen würde man von der Regierung des Landes, wo solches geschehen, verlangen können, dass sie sich der so erwerblos Gewordenen energisch annähme. In diesem Fall aber liegt neben dem Interesse ein doppeltes und dreifaches Recht der europäischen Nationen vor, die rumänischen Machthaber energisch zur Erfüllung ihrer Pflichten anzuhalten. Und zwar zur Erfüllung aller Pflichten, welche sie mit dem Berliner Vertrag übernommen haben. Es ist ein himmelschreiender Skandal, wie diese Geschäftspolitiker von Bukarest, diese die Unwissenheit einer noch halb barbarischen Bauernschaft ausbeutenden Sesseljäger, die Rumänien bis zum Staatsbankrott heruntergewirtschaftet haben, den Rassenhass kultivieren und die Gerechtigkeit mit Füssen treten. Keine der Redensaiten, mit denen sie die empörenden Unmenschlichkeiten gegen die einsässigea Juden Rumäniens beschönigen, trifft zu. Und wenn die jüdischen Finanzherren charakterlos genug sind, einem Staat noch fernerhin Geld zu leihen, der diese Niederträchtigkeiten begeht, wenn die europäischen Regierungen gefühl- und gesinnungslos genug sind, sich von der Verpflichtung drücken zu wollen, die ihnen der Artikel 44 des Berliner Vertrages auferlegt, so wird es Aufgabe der Sozialdemokratie sein, auch hier für die Sache der Menschlichkeit und Gerechtigkeit ihre Stimme zu erheben. * ♦ * Jüdische Seeleute. Der „American Israelite" veröffentlicht die Zuschrift eines jüdischen Seekapitäns, namens Henry Elbe, derschrpibt, dass er auf seinen zahlreichen Fahrten in allen Zonen eine grosse Anzahl jüdischer Seeleute getroffen habe, und zwar vom Schiffsjungen bis zum Schiffsführer, in den Kriegswie Handelsmarinen, und dass sie alle ihre Posten gut ausfüllten. — Man sieht, es liegt nicht an den Juden, wenn sie in manchen Ländern nicht auch schwere und Mut erfordernde Berufe ergreifen, sondern es hat dies immer andere Ursachen, die zu beseitigen nicht in der Macht der Juden liegt. M^^^M'^V^^M^^MMNV' *ßfa&ß*gw++* Abonnementspreis für das Halbjahr in Deutschland und Oesterreich Mark 3t5<>> für das Ausland Mark 4,— für Russland ganzjährig 4 Rubel, halbjährlich 2 Rubel. Einzelhefte ä 35 Kop. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen des In- und Auslandes, durch alle Postamter des Deutschen Reiches unter No. 5785 a der Postzeitungsliste und durch die Expedition dieser Zeitschrift. 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