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Ost und West · 1902-06-01 · Heft 6 (Juni 1902) · p. Seite 411 - 412

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 6 (Juni 1902)
Article
Das Amulett
Date
1902-06-01
Page
Seite 411 - 412 (sequence 2)
Language
German
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411 M. S. Feuerberg: Das Amulett. 412 gesehen, wie er in seine weissen Sterbegewänder gehüllt in das Lager Chmelnicky's hinausgeht und laut ruft: Töte mich doch! Ich nehme völlig auf mich die Hingabe meiner Seele zur Heiligung des göttlichen Xamens. Höre Israel, der Herr unser Gott, der Herr ist einzig! — — Und er ward getötet . . . Ach, Mutter, giebt's auch in unserer Zeit „Heilige"? Watet man auch heutigentags in Polojane bis zu den Knieen in Blut? Und warum giebt's in unserer Stadt keine „Heiligen"? Mein Freund Sch'lumiel hat mir erzählt, in den Zeiten Chmelnicky's durften die Kinder nicht ins Cheder3) gehen. Eines Tages kam Chmelnicky in ein Cheder und fand es voll Kinder, und die Behelfer4) samt dem Rebbe sassen und lehrten die Kinder das Alphabet. Da sagte der Rebbe zu den Kindern: „Fürchtet Euch nicht, meine Kinder, lasst uns diese sündige, unreine Welt den Kosaken überlassen, wir aber wollen ins Gan Eden einziehen, zu den heiligen Urvätern Abraham, Isak und Jakob". Und Chmelnicky schlachtete die Kinder ab, der Rebbe aber las ihnen „Sch'ina Israel" vor, bis die Stimmen immer mächtiger wurden und auch die Mütter herbeikamen. Da schlachteten die Kosaken auch diese und vergossen ihr Blut über dem Blute ihrer Kinder. Dann kamen die Väter, und die Kosaken schlachteten auch sie und vergossen ihr Blut über dem Blute ihrer Frauen. Damals — hat mir Sch'lumiel erzählt — vermischte sich das Blut der Kinder mit dem Blute des Rebbe und der Behelfer, mit dem Blute der Rebbezin5) und ihrer Kinder und mit dem Blute der Mütter und Väter. Und das Blut floss wie ein Bach durch alle Strassen der Stadt und kam endlich in den Fluss, der sich auch rot färbte, acb. ach, Mutter, wie schrecklich!u Die Mutter neigte den Kopf zu mir, umarmte mich und sagte: „Fürchte Dich nicht, Chophni, fürchte Dich nicht! Morgen lass' ich die alte Madame rufen, die wird Dich mit einem Ei „bestreichen", da wirst Du aufhören, Dich zu fürchten." * m „Salmon," sagte die Mutter zum Vater, als er vom Jahrmarkt zurückkehrte, „weh mir, schon fünf Nächte sind's, dass Chophni plötzlich fürchterlich weinend und klagend aufwacht. Die alte Madame hat ihn schon „bestrichen", und auch die Zigeunerin hab* ich holen lassen, er aber weint immerfort . . . Auch bei Tag sitzt er traurig im Cheder und wenn's Nacht wird — so erzählt mir der Behelfer — fährt er oft vor jedem Schatten und vor jedem neuen Anblick erschreckt zusammen und kreischt laut auf oder bricht in Weinen aus. Weh mir, was soll ich nur mit ihm anfangen?" „Er ist und bleibt ein Dummkopf, ein ganz dummer Junge." „Warum weinst Du, Dummkopf," wandte sich der Vater fragend an mich. judische Elementarschule. 4) Aushilfslehrer im Cheder. 5) Die Frau des „Rebbe". „Ich "fürchtJ mich, Vater, ich fürcht' mich vor dem Schatten und vor der Dunkelheit, ich furcht' mich ..." „Wenn Du meinen Worten Gehör geben möchtest,. Salmon" — sagte die Mutter zum Vater — „würde ich Dir raten, mit dem Kinde zu unserem „Zaddik"6), er soll leben, zu fahren. Mein Herz ist sehr beunruhigt und ahnt nicht Gutes . . . Ich bitt' Dich, lass? alle Geschäfte ruhen und geh' mit ihm zum „Zaddik". Verstehst Du?" „Ich soll alle meine Geschäfte ruhen lassen?! Ausgezeichnet! Meine Geschäfte ruhen schon eine geraume Weile" — sagte der Vater mit bitterem Spott —; „aber woher soll ich Geld auf Reisespesen und warme Kleider für eine so strenge Witterung hernehmen? . . . Ich fahre nicht. Du bist ein Weib und weisst gar nichts, kannst gar nichts wissen . . . Ich hab' mein Geheimnis in der Sache, aber das verstehst Du nicht, kannst Du gar nicht verstehen . . . Hätt ich auch Geld und warme Kleidung, würde ich doch nicht fahren . . . Mein Geheimnis kannst Du nicht verstehen ... Es fehlt mir ... Es fehlt mir an einem,, zu dem ich fahren könnte, verstehst Du? Ach, Du verstehst nicht; wie denn auch? Eine tiefe Wunde trag' ich im Herzen. Du verstehst nicht, was das heisst „Chassidismus", auch im Kläusel7) verstehend nicht viele, ja selbst viele von denen, die „fahren"8} verstehend nicht . . . Ach. ob dieser bösen Zeiten! Das Herz ist mit Asche überdeckt. Unglaube,. Ketzerei, Leichtfertigkeit, Nahrungssorgen und das Golus9) —: so erlischt allmählich die Glut, erstirbt nach und nach . . . Der „Alte" ist tot. Was die alten Chassidim verstanden haben, was ich selbst von meinen Eltern gelernt habe und wovon mir nicht das allermindeste fremd geblieben ist, das versteht heute der „Rabbi" selber nicht — erschrick nicht so; Du bist ein Weib und kannst das nicht verstehen —, wie eine Herde ohne Hirten stehen wir da, wir haben keinen Vater, keinen Vater haben wir, begreifst Du? Wir können nichts thun, als auf den Allvater im Himmel, vertrauen. Nein, nein, ich mag nicht fahren! ..." „Ich bitt: Dich, versündig' Dich nicht" — tlehte die Mutter —, „hör auf, solche Reden zu führen. Es kommt uns nicht zu, unsere armen Köpfe zwischen, diese Berge zu stecken." ..Geh', lass? mich! Du bist ein Weib und verstehst gar nichts . . . Ich bin ein armer Mann, ein gedrückter Jude, der um den Bissen Brot kämpft, aber ein Jude! Ich weiss, was das heisst, „Vollkommenheitsstufe". Ich kenne die Vollkommenheitsstufe des „Maggid von Meseritsch", die Vollkommenheitsstufe des „Alten vonj Spola" und die Vollkommenheitsstufe des „Alten von Tschernowil . . . Du aber verstehst nicht, was in dem» (;) Wunderrahbi. ~) Diminutiv von Klaus -~ Betstube der Chassidim. 8j sc. zu einem Wunderrabbi. 9) Das Exil, die Diaspora,

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