Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1902)
- Article
- Das Amulett
- Date
- 1902-06-01
- Page
- Seite 409 - 410 (sequence 1)
- Language
- German
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409 410 DAS AMULETT. Aus dem Tagebuche Chophni's, des Phantasten. Von M. S. Feuerberg. Aus dem Hebräischen von Moriz Zobel. In der Nacht wachte ich plötzlich laut weinend auf. .."Was hast Du, Chophni?" sprach die Mutter zu mir. als auch sie von meinem Geheul aufwachte. rWarum weinst Du?u „Ich furcht' mich, Mutter, ich furcht' mich. Hab' Mitleid mit mir, Mutter, zünd' das Licht an." „Wie kannst Du nur so dumm sein, Chophni, Dich zu fürchten? Und vor wem denn?" sagte die Mutter mit zitternder Stimme und zündete rasch das Oellämpchen an, indem sie nur ein wenig die Spitze des Dochtes hervorzog, damit das Licht nicht zu stark sei. „Ich furcht' mich sehr, Mutter; ich hab' einen Traum gehabt und bin erwacht, jetzt hab' ich ihn vergessen, und da lieg' ich schon eine Stunde wach und kann nicht einschlafen. Ich furcht' mich so sehr, im Bett wach zu bleiben in finsterei Nacht!" „Bist Du aber ein Närrchen!" sagte die Mutter mit matter, dünner Stimme und nickte wieder ein. Ich wandte den Blick gradaus der trüben Flamme des Lämpchens zu. Im Zimmer -war's still, bloss das Schnarchen der Schlafenden war vernehmlich — im Takte, wie eine rhythmische Weise — und störte ein wenig die Stille. Das Lämpchen, das in einer Ecke des Tisches stand, erhellte dessen grössten Teil, auch die Hälfte des Kruges, der zum „Begiessen der Hände" bereit stand. Von da ab hörte jedoch das Licht auf, und dunkle Schatten deckten alles. Die zwei Stühle dort vor dem Tisch sind sehr schwarz und verbreiten Schrecken. Das Licht hebt sich in den Luftraum des Zimmers empor, vom Lämpchen bis zur Decke, wo es fröhlich spielt und tollt, hin- und hertanzt. Weiterhin aber ist's überall dunkel, dunkel, und die Dunkelheit hinter dem Licht hat Gestalt und Farbe und erscheint mir sehr dicht, schwarz und grob ... Die dunkle Hälfte des Krugs verbreitet Entsetzen . . . Ich hefte den Blick auf Mutters Bett, aber mehr als die Leiste des Bettes und den Zipfel eines Kissens kann ich nicht sehen. Mein Kopf ist leer, ohne jeden Gedanken. Ich richte den Blick nochmals auf den Docht des Lämpchens und auf den dünnen Lichtstreifen, der daran hängt. Ich vergesse ganz, ob ich wache oder schlafe, und liege regungslos da . . . Nach und nach kehrt mir irgend ein Gedanke wieder, oder vielmehr eine undeutliche Empfindung; ein Klang tönt mir nämlich im Ohr, wie Glocken schlag, und dieser Klang weckt die Empfindung in mir. Ich besinne mich darauf, dass ich wache, und diese Empfindung erzeugt einen schwachen, verworrenen Gedanken: das Lämpchen — der Docht — das Licht — noch mehr; eine Menge trüber Dinge und Erinnerungen, mich dünkt: böse Geister, der Vater, der Jahrmarkt, der Rebbe1) . . . *) Lehrer im „Cheder", vgl. Anm. 3. Noch dergleichen Dinge, aber ich kann sie nicht näher bezeichnen . . . Ich fühle mich sehr unbehaglich, aber warum? Ich weiss es nicht. Ich schlafe nicht, aber warum schlafe ich nicht? Und wo ist die Mutter? Ich liege ja nicht im Wald, auch nicht in der Synagoge . . . Ich betaste das Kissen. Ja, ja, ich liege auf dem Kissen . . . Ich möchte weinen, aber die Mutter wird ja bös sein. Ich werde das „Sch'ma" lesen. Die Mutter sagt, so oft sie sich in der Nacht fürchte, lese sie das „Sch'ma". Aber meine Hände sind ja nicht sauber . . . Ich könnte mich zum Krug hinneigen und mir die Hände „begiessen", ich möchte das auch thun, aber ich kann nicht. Mein Wille ist so schwach, dass ich mir nicht einmal gebieten kann, die Hand aus der Decke hervorzuziehen. Ich möchte die Mutter aufwecken, aber ich fürchte mich, einen Laut hervorzubringen . . . Der Zustand ist furchtbar und unerträglich. Unwillkürlich fange ich an zu weinen, anfangs leise und abwechselnd; im ersten Augenblick lasse ich einen weinerlichen Ton vernehmen und im zweiten Augenblick horche ich auf den Ton hin und denke darüber nach. Meine Stimme beruhigt mich ein wenig und flösst mir Mut ein: bin ich ja hier nicht vereinsamt — noch giebt es hier etwas ausser mir. Die Stimme ist ein Zeichen des Lebens, und wo es Leben giebt da giebt's nichts zu fürchten. Die weinerlichen Töne brechen wie von selbst hervor, erst sind sie kurz und still, nach und nach werden sie jedoch länger und stärker, in regelmässiger Stufenfolge. „Chophni. was hast Du? Warum weinst Du, Chophnie?" rief die Mutter tief erschrocken, als sie durch mein Geheul erwachte. Der lebendige Klang ihrer Stimme befreite mich sogleich aus meiner Beklemmung und gab mir wieder Mut. * * „Was hast Du nur, Chophni?" fragte mich die Mutter beunruhigt, als ich auch in der nächsten Nacht laut weinend aufwachte. „Was ist Dir, mein Kind? Warum weinst Du wieder?" „Ach, Mutter, ich fürcht' mich. Im Traum habr ich den „Heiligen"2) gesehen, von dem die Grossmutter erzählt hat. Ach, Mutter, nimm mich zu Dir ins Bett, da will ich Dir alles erzählen. Du erinnerst Dich doch an den „Heiligen", weisst Du: von dem uns die Grossmutter erzählt hat. Sie sagt, der „Heilige" sei mein Grossvater, nein, mein Urgrossvater gewesen, er hätte damals in Polojane gewohnt, zur Zeit Chmelnicky's — Du erzählst mir doch auch immer von Chmelnicky und den ..Heiligen" — nun hab ich ihn im Traum 2) Bedeutet hier: Glaubensmärtyrer.