Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1902)
- Article
- Die Anfänge des jüdischen Kapitalismus
- Date
- 1902-06-01
- Page
- Seite 401 - 402 (sequence 6)
- Language
- German
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401 Dr. Franz Oppenheimer: Die Anfänge des jüdischen Kapitalismus. 402 „Schacherer" zwischen lauter stolzen Krieger¬ und Bauernvölkern, waren, sondern daher, dass die anderen Händler und „Schacherer" ihren Wettbewerb fürchteten. Unsere heutige „Mittelstandsbewegung4' erinnert stark daran. Es kann nicht kräftig genug darauf hingewiesen werden, dass der kaufmännische Erwerb im ganzen Altertum unter Ariern ebenso gut wie unter „vSemiten" eine ungemein viel grössere Rolle gespielt hat, als heute. Und wir werden das sofort begreifen, wenn wir wieder einen Blick auf die gesamtwirtschaftliche Grundlage jener Zeit werfen. Sie ruhte durchaus auf Sklavenwirtschaft und Sklavenarbeit, und wir haben schon gesehen, dass der bäuerliche Mittelstand unter diesen Umständen reissend zusammenschmolz. Ebenso erging es den schwachen Ansätzen zu einem freien gewerblichen Mittelstande. Denn mit den Bauernschaften zerfielen die kleinen Ackerstädte, die auf ihre Kundschaft angewiesen waren; ihre Handwerker verarmten und zogen sich in die Hauptstädte, die masslos anschwollen, wo aber auch nur wenige hochqualifizierte Kunsthandwerker dem Wettbewerb der mit Sklaven betriebenen Werkstätten widerstehen konnten. Was sollte aus der immer wachsenden Zahl derer werden, die zwar das Gut der persönlichen Freiheit, aber kein grosses Grundvermögen, keine mächtigen Familienbeziehungen besassen, die ihnen zu einflussreichen Beamtenstellungen verhelfen konnten. Bei uns im modernen Europa öffnet das Gewerbe, die Technik, die freien Berufe, die Entfaltung der Mittelstädte dem jungen Nachwuchs unserer Mittelstände, den nachgeborenen Söhnen der oberen Stände eine grosse Anzahl von Lebensstellungen: davon war im Altertum keine Rede. Wer nicht zu den oberen Zehntausend gehörte, dem blieb ausser den wenigen Subalternstellungen im Staatsdienst oder im Heere nur das Lumpenproletariat, der Verkauf eines Stimmrechtes oder seiner Fäuste an einen ehrgeizigen Prätendenten — oder die Kaufmannschaft. Und es werden sich gerade die tüchtigsten, strebsamsten, mutigsten Elemente diesem Berufe zugewandt haben, der damals etwas mehr Einsatz an Komfort und Gefahr forderte, als heute, wo D-Züge und Salondampfer das Kamel und die Rudergaleeren ersetzt haben. Das ist das Geheimnis, warum alle Völker der antiken Welt, und unter ihnen auch die Juden, so sehr „Handelsvölker" waren, sobald sie erst einmal aus dem Stadium der primitivsten Naturalwirtschaft herausgetreten waren. Während die freie Arbeit Raum schafft für eine Bevölkerung von fast unbegrenzter Dichtigkeit auf gegebener Fläche, fegt die Sklaverei und ihr Geschöpf, das Grossgrundeigentum, die Menschen hinaus, nimmt ihnen den Lebensraum im Vaterlande. Daher die gewaltige Kolonialbildung aller Mittelmeervölker, an der die Juden verhältnismässig doch nur bescheidenen Anteil nahmen, indem sie nicht wie Jonier, Dorier, Achäer, Etrusker, Phönizier und Karthager eigene souveräne Pflanzstädte bildeten, sondern nur als kaufmännische Gäste in allen Teilen der Welt lebten. Aber als solche auch wirklich in allen Teilen! Schon vor dem babylonischen Exil finden wir sie zerstreut vom äussersten Osten, von Sinien, das einige als China, andere als Siam deuten, bis nach Spanien, und Herzfeld macht in seiner Handelsgeschichte der Juden mit Recht darauf aufmerksam, dass jüdischer Kaufleute fast ausschliesslich aus solchen Städten und Ländern Erwähnung geschieht, die durch ihren Handel hervorragten. (Schluss folgt.)