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Ost und West · 1902-06-01 · Heft 6 (Juni 1902) · p. Seite 399 - 400

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 6 (Juni 1902)
Article
Die Anfänge des jüdischen Kapitalismus
Date
1902-06-01
Page
Seite 399 - 400 (sequence 5)
Language
German
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Dr. Franz Oppenheim er: Die Anfänge des jüdischen Kapitalismus. 400 Sachen bloss, die im ganzen Orient so überraschend schnell das Königtum von der bescheidenen Stellung eines primus inter pares zu .dem fast unbeschränkten Sultanismus erhoben haben, den wir schon bei Rehabeam finden; denn Reichtum ist Macht! Wer den Handel und das Land monopolisierte, wer dazu noch über das göttliche Tabu verfügte, dem gegenüber gab es kaum einen Widerstand. Das Gold, das diese Handelsfahrten vor allem dem Salomo brachten, hat ihm zu seinen Prachtbauten und zur Unterhaltung des starken stehenden Heeres gedient, das seine Königsmacht schützte. Ferner brachten seine Schiffer Silber, Edelsteine, Sandelholz, Gewürze, Balsam, Elfenbein, Pfauen und Affen. Ausserdem bezog er zum Gebrauch für seine Kavallerie und zum Weiterverhandeln an andere Herrscher ägyptische wStreitrosse. Seine Nachfolger, die mit Ailah und Damaskus die wichtigsten Handelsstationen verloren hatten und als Pufferstaat zwischen Aegypten und Assyrien namentlich nach der Teilung des Reiches viel zu leiden hatten, kamen über einige Anläufe zu einer kräftigen Handelspolitik anscheinend nicht hinaus. Dagegen verbreitete sich der Handelsgeist im Volke mehr und mehr; immer mehr Israeliten verliessen den Ackerbau und wurden Kaufleute, so dass schon vor dem Ende der Königszeit die Eifersucht der mächtigen Handelsstadt T}a"us auf die jüdischen Konkurrenten rege wurde. Die sogenannten " Historiker, die froh sind, wenn ein Wort sich da einstellt, wo Begriffe fehlen, schieben diese Umwandlung auf den „National-Charakter" der „semitischen Rasse". Ganz abgesehen davon, dass es immer zweifelhafter wird, ob die Juden überhaupt ein semitisches Volk gewesen sind und nicht vielmehr ein arischer Hirtenstamm, der nur eine semitische Sprache anzunehmen gezwungen war, weil er ein Volk solcher Zunge zu regieren hatte, das ihm in aller Kultur- und Sprach-Entwickelung weit voran war — ganz abgesehen davon ist diese Erklärung höchst verdächtig. Wir wissen gar nicht, was wir uns unter dem Begriff „Rasse" vorstellen sollen; es giebt sicherlich kein einziges rassenreines Kulturvolk in der Weltgeschichte: es sind alles Mischvölker, aus zwei oder vielen verschiedenen Urbestandteilen zusammengerührt; ein solches Mischvolk sind auch die Juden schon in Palästina, denn der falte Hirtenstamm hatte stark kanaanitischen und koptischen Einschlag erhalten. Und wenn heute Albrecht Wirth sagt: „Rasse steht nicht am Anfang, sondern am Ende einer Entwickelung", so hat er wahrscheinlich recht — aber dann ist mit dem Begriff gesellschafts-wissenschaftlich überhaupt nichts mehr anzufangen. In unserem Falle ist die Erklärung nun noch dazu nicht nur prinzipiell, sondern auch angebrachtermassen falsch. Denn genau derselbe „Handelsgeist" entfaltet sich in genau derselben Kraft bei allen Völkern der alten Welt, nicht nur bei den sogenannten semitischen, also Assyrern, Juden, Phöniziern, sondern auch bei unzweifelhaft arischen Griechen und den Römern der späteren republikanischen Zeit, ebenso wie bei den Etruskern, deren Rassenstellung heute noch ganz ungeklärt ist. Was die Bewohner Attikas lind der Cykladen, was die ionischen Griechen .Kleinasiens als Kaufleute und Seefahrer geleistet haben, ist allgemein bekannt. Weniger bekannt, aber ebenso sicher ist, dass auch die angeblich nur für die Kriegskunst und die Jurisprudenz begabten Römer ein Hanclelsvolk par excellence wurden, als ihre wirtschaftliche Entwickelung weit genug gediehen war. Der Hass geo-en Karthago und die Zeistöruno- Korinths o o o o waren Folgen des Konkurrenzneides der römischen Bankiers und Reeder gegen ihre mächtigen Mitbewerber; sie stehen auf genau demselben Blatte der Geschichte, wie die Kämpfe zwischen Venedig und Genua oder zwischen Holland und England. Im ersten Jahrhundert vor Christo war der Weltkreis mit römischen Händlern, Reedern, Bankiers, Steuerpächtern so überfüllt, dass Rom selbst von Römern entblösst erschien, und dass König Mithridates von Bithynien an dem einen Bluttage von Ephesus der Sage nach 80 000 Römer abschlachten lassen konnte, die allein in seinem doch immerhin beschränkten Machtgebiete lebten. Unter diesen Umständen charakterisiert sich der früh auftauchende Judenhass des Altertums als eine Erscheinung des Konkurrenzneides, der darum stark entwickelt war, weil die Juden sich in der Mehrzahl davor bewahrten, in den allgemeinen hellenistischen Kulturbrei einzugehen, sondern, durch ihren Kultus geschützt und abgeschlossen, ihre nationale Eigenart trotzig erhielten. Der antike Judenhass stammt also nicht etwa davon her, dass die Juden die einzigen

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