Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1902)
- Article
- Die Emigration im Golus
- Date
- 1902-06-01
- Page
- Seite 387 - 388 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2583875-2583890-2583897-2585610--01733-2585691- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
387 Alexander Hausmann: Die Emigration im Golus. 388 spräche und englisch, setzt es keine äusseren Schwierigkeiten entgegen und besitzt die wichtigste Voraussetzung für eine grössere Immigration, nämlich die vorläufig unbeschränkte wirtschaftliche Aufnahmsfähigkeit. Findet man keinen Erwerb bei den Menschen, so kann man sich ihn unmittelbar bei der Natur suchen als Ackerbauer, Viehzüchter, Mineralgräber. Für uns Juden ist dies von besonderer Wichtigkeit, denn aller jüdischer Erwerb durch Arbeit oder Handel stammt im Osten von Konkurrenz, die eigentlich Unterbietung ist, weil man mit denjenigen konkurriert, von denen man abhängig ist, und von denen man gehasst wird. Hier braucht man niemanden zu unterbieten, weil Raum für alle vorhanden ist. Im Gegenteil, der jüdische Arbeiter hat schon wegen seiner Intelligenz, ohne dass er weitere Qualifikationen zu besitzen braucht, gegenüber der menschlichen Hauptarbeitskraft des Landes, den Schwarzen, eine günstigere Stellung, ähnlich der Stellung eines qualifizierten Arbeiters zu einem ungelernten. Er wird im Gegensatz zu seinem Genossen in Amerika und England die höhere, besser gezahlte und aussichtsvollere Arbeit erhalten. Die Möglichkeit des Erwerbes ohne Konkurrenz und Unterbietung ist auch von grossem, sittlich-erzieherischem Werte. Der Jude wird zur wirtschaftlichen Freiheit erzogen, zur Unabhängigkeit von den Fremden, deren Parasit oder unlauterer Wettbewerber er durch die Macht der Verhältnisse im Osten werden musste. Ein weiterer Vorteil Südafrikas ist in gesellschaftlicher und kultureller Beziehung. In dünnbevölkerten grossen Gebieten, wo ein natürlicher Gegensatz zwischen weisser und schwarzer Bevölkerung, die noch dazu in überwältigender Majorität ist, stattfindet, müssen die Weissen notgedrungenermafsen zusammenhalten. Ein jüdisches Ghetto, wie es im Londoner Whitechaple oder im Judenviertel von New-York existiert, kann es in Südafrika nicht geben. Ausserdem wird der kulturelle Abstand zwischen Eingewanderten und Einheimischen nicht so gross sein. Dies wird das langsame Ablegen der Rückständigkeiten des Ghetto erleichtern und die langsame Aufnahme und innere Verarbeitung der europäischen Kultur braucht dann die eigene Art nicht zu schädigen. Die Gefahr der Assimilation ist ausgeschlossen; weil einerseits die Eigenart des östlichen Juden ausserordentlich scharf ausgeprägt ist, andererseits sowohl Engländer als Buren ein sehr starkes Nationalbewusstsein haben. Bevor ich zur Auseinandersetzung der praktischen Durchführung meines Vorschlages schreite, will ich noch, um Missverständnissen vorzubeugen, die Bemerkung machen, dass ich nicht die Immigration nach Süd- Afrika den Juden überhaupt, sondern nur die Ablenkung der bestehenden Emigration von Amerika und England anempfehle — derjenigen Emigration, mit der man als einer gegebenen Thatsache rechnen muss. Bei der praktischen Durchführung wären ein Auswandererverein nach Muster z. B. des „Vereines zum hl. Vincenz und St. Paul* für die polnische Auswanderung nach Brasilien — jedoch in grösserem Massstabe — zu gründen und das Prinzip der Arbeits- und Erwerbs vermittelung, wie es im Wiener Arbeitsnachweisbureau der „Bnei Brith" verwirklicht i>t, anzuwenden. Die bisherige Art, den Auswanderern ein grösseres oder kleineres Almosen zu verabreichen — formell, damit sie sich damit eine materielle Existenz verschaffen, faktisch, um sie sich vom Halse zu schaffen — gefährdet, abgesehen von der darin gelegenen Demütigung, den eventuellen sittlicherzieherischen Zweck der Auswanderung durch Hinüberleitung der Luftmenschen und Händler in produktive Berufe und erreicht nur in den seltensten Fällen ihren wirtschaftlichen Zweck. Auch von der planmässigen Gründung von Ackerbaukolonieen wäre abzusehen. Wer Beruf und Neigung zum Ackerbau hat, soll an Ort und Stelle entscheiden, ob genug günstige Voraussetzungen vorhanden sind, um diesen Beruf zu ergreifen. Der Auswandererverein, an dem sich alle interessierten Faktoren, die „Ica", die „Alliance Israeliten die „Bnei Brith", der „Galizische Hilfsverein", die Kultusgemeinden u. a. zu beteiligen hätten, müsste in allen grösseren Centren*), welche die Auswanderer passieren, Auswandererbureaus gründen. Diese Bureaus hätten die Aufgabe, den Auswanderern, welche doch grösstenteils ungebildete und in Reiseangelegenheiten unerfahrene Leute sind, die nötigen Informationen zu erteilen, die zweckmässigsten Transportwege anzugeben, sie vor Chikanen der Behörden und der Ausbeutung durch Agenten zu schützen, sie im Immigrationslande zu empfangen und ihnen bei den ersten Schritten in der neuen Heimat mit Rat und That behilflich zu sein. Im Immigrationslande selber haben vom Vereine zu gründende Arbeitsnachweis-Aemter die Aufgabe, den Eingewanderten Arbeit zu vermitteln und sie auf die sonstigen sich etwa ergebenden Erwerbsgelegenheiten aufmerksam zu machen. Die Arbeitsnachweis-Aemter haben in fortwährender Korrespondenz mit den Auswanderer-Bureaus zu stehen, die dadurch in die Lage kommen, dem einzelnen Auswanderer eine wenigstens allgemeine Auskunft zu geben, wo und wie er die ihm angemessene Arbeit oder sonstige Erwerbsmöglichkeit am leichtesten finden könne. Der Verein hat weiter einen grösseren Fonds zusammenzubringen und zu dem Zwecke zu bestimmen, dass im Falle einer plötzlichen, grösseren Auswanderung eine grössere Anzahl von Leuten auf Kosten des Vereins in das Immigrationsland gebracht werden und wenigstens die allererste Zeit (eine, höchstens zwei Wochen) erhalten v/erden kann. Ausser diesen Aufgaben hätte der Verein —- aber erst in zweiter Linie und soweit seine Mittel reichen wurden — die Aufgabe, den wirtschaftlich bereits Etablierten einen leichten Kredit zu verschaffen und evtl. auch die Gründung von Schulen und ') Wien, Berlin, Tari?, Hamburg, London, irgend eine Hafenstadt im Mittelländischen Meere.