Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1902)
- Article
- Die Juden in Yemen
- Date
- 1902-05-01
- Page
- Seite 337 - 338 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2583875-2583890-2583896-2585494--01662-2585560- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
337 338 DIE JUDEN IN YEMEN. Von II e r m a 11 n B u r c Ii a r d t. Yemenitischer Jude aus Müsvar (Nordwest-Yemen). Eine Anzahl jüdischer Stämme bewohnten schon in ältester Zeit das ganze Arabien, von dem vom indischen Ozean begrenzen Teile der Halbinsel bis Syrien. Das Gebiet des Hedjaz, welches früher auch eine starke und einflussreiche jüdische Bevölkerung aufwies, ist seit Mohammeds Zeiten ganz von ihnen verlassen, da auf seinen Befehl hin das Gebiet der Haramein (die beiden heiligen Stätten Mekka-Medina) nur den Bekennern des Islam offen steht. Im äussersten Süden Arabiens, in der jetzt türkischen Provinz Yemen, giebt es eine sehr grosse Anzahl Juden, jedoch nicht, wie man vermuten würde, in den Handelshäfen des Roten Meeres, sondern vorwiegend in den Städten und Dörfern des Hochplateaus, in den schwer zugänglichen Gebirgen des Yemen und des nördlich daran grenzenden Asir. In Hodeida sah ich gar keine Juden, ebensowenig in den grossen Städten der Tehama (niedriges Küstenland des Yemen), in Bet El Fakih, Zebid, Haiz, Taiz. Von Hodeida nach der Sana'a reisend, traf ich die ersten in grosser Zahl ansässigen Juden in Menähe, einer kleinen, je drei Tagereisen von Hodeidaund Sana'a entfernten Gebirgsstadt von circa 6000 Einwohnern. Hier sind die meisten Läden des Sük (Bazars) in ihrem Besitz. Man erkennt sie sofort an den langen Stirnlocken (Pe-'oth); auch in der Kleidung, einem blauen Hemd bis oberhalb der Knie reichend, und der Kopfbedeckung unterscheiden sie sich von den übrigen Bewohnern der Stadt. Ackerbau scheinen sie auch hier nicht viel zu treiben, denn auf dem Wege nach Sana'a zeigte man mir als Merkwürdigkeit Felder, die von Juden bebaut wurden. Sie scheinen als loyale Unterthanen der Pforte zu gelten; ein seit ca. 30 Jahren im Lande befindlicher Kaul Aghasi (Rang zwischen Hauptmann und Major) äusserte sich zu mir: Die Araber sind ein unzuverlässiges und verräterisches Volk, die Juden hier sind die einzigen, welche die Daula (das Reich) lieben. Sana'a, die Hauptstadt des Yemen, Sitz des Wali und des Müschir, des Oberbefehlshabers des 7. türk. Armeekorps, liegt ca. 2300 m hoch inmitten einer weiten Ebene. Das Klima ist gut. im Winter wird es empfindlich kalt, im Sommer ist es nie zu warm, obgleich die Sonne sich sehr fühlbar macht. Die Stadt ist ganz bedeutend, hat ca. 50 000 Einwohner und zerfällt in das eigentliche arabische Viertel, das Viertel Bir El Azib („süsser Brunnen"), ein neues, von den Türken angelegtes Viertel mit schönen Gärten in denen sich die Häuser der türkischen Beamten und Militärs befinden und endlich das Judenviertel, bewohnt von ca. 6—8000 Juden. Von Hodeida kommend passiert man zuerst das Judenviertel, dann das Quartier Bir El Azib, hierauf tritt man erst in die arabische Stadt ein. Die Juden sind hier kleine Kaufleute, gelten als geschickte Handwerker, Diener, Lastträger, Angestellte in den Läden der griechischen Bokkals (Krämer). Sie stehen allgemein im Rufe grosser Ehrlichkeit. Als ich mein Haus einrichtete, nähten zwei Juden die Matratzen und Kissen der Divane, Es wurde ein Stück Zeug gestohlen und die davon benachrichtigte Polizei setzte diese beiden Juden und zwei arabische Diener ins Gefängnis. Am selben Tage kam ein eingeborener arabischer Gendarm zu mir und sagte: den beiden Juden geschieht Unrecht, ein Jude stiehlt nicht, ich kenne die Juden hier. Ihre Unschuld stellte sich auch bald darauf heraus. Judenviertel in Redda (Südwest-Yemen).