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Ost und West · 1902-04-01 · Heft 4 (April 1902) · p. Seite 267 - 268

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 4 (April 1902)
Article
Ein jüdischer Sozialpolitiker [Rezension]
Date
1902-04-01
Page
Seite 267 - 268 (sequence 1)
Language
German
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267 268 LITTERA Ein jüdischer Sozialpolitiker. Dr. Alfred Nossig hat bekanntlich im Vorjahre die Veröffentlichung eines gross angelegten sozialreformatorischen Werkes unter dem Gesamttitel „Revision des Sozialismus" begonnen, in dessen Einleitung er unumwunden erklärte, dass er auf dem Boden der jüdischen Weltanschauung stehe und die moderne Sozialreform vom Geiste des Mosaismus erfüllt sehen" möchte. Die Markierung dieses Standpunktes hat genügt, um seitens mancher liberaler und sozialdemokratischer Nationalökonomen, welche vom wahren Wesen des Mosaismus keine Ahnung zu haben scheinen, einen Sturm der Entrüstung gegen den Verfasser zu entfesseln. Ohne den wissenschaftlichen Gehalt des ersten Bandes der „Revision des Sozialismus" näher zu prüfen, griffen die Herren Mehring und Genossen das Werk auf Grund der „Prolegomena" in einer Weise an, die der „Staatsbürger-Zeitung44 Ehre gemacht hätte. Vor einigen Wochen gelangte jedoch der zweite Band des Cyklus, welcher ausschliesslich der „Modernen Agrarfrage" gewidmet ist, zur Ausgabe, und nun scheint sich das Blatt wenden zu wollen. Angesichts des ernsten, wissenschaftlichen Charakters und des wertvollen Gehaltes der Nossig'schen Studien, glauben die einsichtigeren Vertreter der Sozialdemokratie den früher eingenommenen Standpunkt aufgeben zu müssen. So veröffentlicht der „Vorwärts" vom 23. März eine ausführliche Besprechung des Buches, welche, von gewissen gegenständlich - kritischen Bemerkungen abgesehen, dem Nossig'schen Werke volle Anerkennung zollt. Wir entnehmen diesem Aufsatze, der in sozialpolitischen Kreisen um so grösseres Aufsehen erregt hat, als er Eduard Bernstein, den Führer der revisionistischen Partei innerhalb der organisierten Sozialdemokratie, zum Verfasser hat, folgende Stellen: „In diesem zweiten Band seiner „Revision des Sozialismus" behandelt der Verfasser ein eng umgrenztes Gebiet — noch enger umgrenzt, als selbst der Titel lautet, denn thatsächlich ist es nur eine spezielle Seite der modernen Agrarfrage, die ihn hier beschäftigt: die der bäuerlichen Betriebe. Das ist an sich kein Fehler, ja, wir müssen es als einen grossen Illustrationen aus einer „Pessach-Hagadah", i FISCHES. Vorzug gegenüber dem ersten Bande bezeichnen. Jedenfalls aber zeigt sich Nossig in der einschlägigen Litteratur wohl zu Hause und dass er sie gründlich durchgearbeitet hat, bezeugen der sehr systematische Aufbau und die überaus klare, stets ohne Umschweife auf ihr Ziel losgehende Sprache des Buches. Alles, was sich auf die Betriebstechnik der Landwirtschaft bezieht, wohin wir auch die geschäftlichen Fragen: Bodenpreis, Kapitalbezw. Kreditbeschaffung, Absatz oder Verwertung der Erzeugnisse etc. rechnen — wird von Nossig sachgemäss und genau auseinandergesetzt. Wir erfahren, inwiefern und aus welchen Gründen in diesen Punkten die kleinen Betriebe bisher den grossen gegenüber im Nachteil waren, wobei u. a. auch das Kapitel der rechtlichen Hemmnisse und Schwierigkeiten der bäuerlichen Wirtschaften eingehend erörtert wird, und was ihnen heute bessere Aussichten eröffnet. Ganz besonders eingehend wird von Nossig das Genossenschaftswesen in der Landwirtschaft behandelt und seine Bedeutung für die kleinbäuerlichen Betriebe ins hellste Licht gestellt." „Wir würden es . . . für grundfalsch erachten, das ganze Buch entgelten zu lassen, was der Verfasser an einzelnen Stellen desselben und in einzelnen Punkten verfehlt hat. Trotz der bezeichneten Fehler ist es vielmehr nach unserem Dafürhalten ein recht lesenswertes Buch. Es ist, wie gesagt, kein Buch über die ganze moderne Agrarfrage, sondern behandelt nur eines ihrer Probleme: die Lage und Aussichten der bäuerlichen Landwirtschaft. Dies Problem aber hat der Verfasser mit um so grösserer Liebe studiert, und wenn es auch nicht die Bedeutung hat, die er ihm beimisst, so ist es doch wichtig genug, eine gründliche Beleuchtung zu erheischen. Ueber zwei Millionen Bauern mit ihren Familienangehörigen sind keine Körperschaft, über deren Lebensbedingungen und Möglichkeiten sich eine grosse und vorwärtsstrebende Partei auf die Dauer ungestraft Irrtümern hingeben kann. Welche Irrtümer über die Lebensbedingungen und die Lebensfähigkeit der bäuerlichen Landwirtschaft lange Zeit in der sozialistischen Litteratur obwalteten, ist bekannt. Die schlimmsten können als überwunden gelten, aber noch sind wir weit davon entfernt, die Debatte als völlig Besitze des Herrn J. H. Wagner, Berlin.

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