Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 4 (April 1902)
- Article
- Ein Pessach-Gespräch
- Date
- 1902-04-01
- Page
- Seite 265 - 266 (sequence 2)
- Language
- German
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265 Leon Perez: Ein Pessach-Gespräch. 266 Du sollst Dich an Deinen Festtagen freuen, hinsichtlich Deines Leibes fertig?" „Weiss ich's? Hat er an dem Rosinenwein sein Vergnügen, mag er's meinetwegen. Ich selbst habe an der Hagadah meine unbändigste Freude. Ich sitze und lese laut, zähle die Plagen der Aegypter, zähle und dopple sie und verdopple sie immer wieder und wieder." „Eine grobe Art." „Grob! Warum? Haben wir wenig gelitten?! Hat man uns nicht genug gequält! Ich meine, man sollte es zur Pflicht machen, die Plagen siebenmal zu wiederholen, siebenmal das: „Sch'foch chamoth'cho" (Ergiesse Deinen Zorn)! .... Aber hauptsächlich die Plagen! Ein Seelengenuss sind sie für mich! Die Thüren möchte ich dabei aufreissen! xMögen sie es hören! Soll ich Angst vor ihnen haben? Verstehen sie denn hebräisch?!" —--- Reb Schachno schweigt eine Weile, darauf erzählt er folgendes: „Hör mal, bei uns passierte folgende Geschichte. Ich will nicht übertreiben, aber ungefähr das' zehnte Haus entfernt von der Wohnung unseres Zaddiks — gesegnet sei sein Andenken — lebte ein jüdischer Schlächter. Das war — möge es mir nicht zur Sünde angerechnet werden, er ist schon längst in einer besseren Weit — das war ein pöbelhafter Schlächter, ein Schlächter unter Schlächtern. Der Nacken eines Stieres, Augenbrauen wie die Bürsten und Hände wie Klötze. Dann seine Stimme--— wenn er sprach, hörte es sich an, wie das Grollen eines fernen Donners, wie in der Ferne abgefeuerte Flintenschüsse.---Mir scheint, das war ein Belser Chassid gewesen." „Na, na!" protestiert Reb Sorach. „Aber sicher," beteuert Reb Schachno kaltblütig. „Beim Beten pflegt er allerlei wilde Grimassen zu schneiden, - alle möglichen Ober- und Grundtöne hervorzudonnern und beim Jiskor (Totenfeier) schien es? als gösse jemand Wasser ins Feuer/'' „Genug, genug!" — „Nun kannst Du Dir denken, was für einen Krakehl solch ein ungeschlachter Kerl macht, wenn er am Sederabend zur Hagadah greift. Man hört jedes Wort im Hause des Zaddiks! Anfangs gebärdete sich also der Schlächter wie ein Schlächter und das wirkte auf die Tischgenossen des Zaddiks belustigend. Obwohl der Zaddik selbst — gesegnet sei sein Andenken — kaum merklich die Lippen bewegte, sieht man's ihm förmlich an, dass er lächelt. Später jedoch, als der rohe Bursche begonnen_hat die Plagen aufzuzählen, und in solcher Art, dass ihm die Worte aus dem Munde wie Kugeln flogen, dass der Tisch mit den Fäusten wie mit Hämmern bearbeitet wurde, so dass man das Klirren der Weinbecher laut hörte, da ergriff den Zaddik ein Kummer, eine tiefe Wehmut." „Trauern an einem Festtage, und noch an Pessach? Was erzählst Du mir da?" „Auch wir haben dasselbe gefragt." „Und was war seine Antwort?" „Den Allmächtigen selbst, sagte er, erfasste am Tage des Exodus eine tiefe Trauer." „Woher hat er das?" „Aus einem Midrasch. — Als die Juden das Rote Meer durchschritten und das Wasser den Pharao und sein Gefolge überflutete, da erscholl von zahllosen Engeischaaren ein herrlicher Gesang. Seraphim und Cherubim flogen mit Lobgesang und froher Botschaft durch die sieben Himmel. Sterne und Sonnen stimmten dem Sange harmonisch bei und bewegten sich tanzend im Kreise der Galgalim. Kann denn unser begrenzter Menschenverstand sich eine Vorstellung von der himmlischen Freude bilden, als die Tumoh, die personifizierte Unreinheit im Meere versank! Jedoch der Allmächtige gebot Stille und vom Gottesthrone erklang eine Stimme: „Die Werke meiner Schöpferhand gehen zu Grunde und ihr freut euch darüber!" . . . Denn Pharao und sein Gefolge, wie die böse Kraft der Tumoh, sind nicht minder der Ausfluss eines göttlichen Schöpfungsaktes.....und es steht ja geschrieben „Seiner Barmherzigkeit entzieht sich keine einzige Kreatur" — Reb Sorach schweigt eine Weile, dann fragt er: „Wenn das alles im Midrasch gesagt wird, worin steckt dann das Neue in seinen Worten?" Reb Schachno streckt den gebückten Körper und sagt in tiefem Ernst: „Erstens, Du belser Narr, hat niemand die Pflicht neues zu entdecken, denn in der Thorah ist nichts verfrüht und nichts verspätet. Das alte ist neu, das neue alt. Zweitens, mit seiner Bezugnahme auf den Midrasch hat er uns den geheimen Sinn der Thatsache offenbart, dass wir uns beim Lesen der Hagada, sogar der Plagen, einer traurigen Weise bedienen, einer Weise, die ganz von Wehmut durch webt ist. Und drittens hat er uns damit das Propheten wort erklärt: „Mache es in Deiner Festfreude den übrigen Völkern nicht nach, o Israel!" Nicht roh, nicht pöbelhaft, nicht bäurisch soll der Ausdruck Deiner Feststimmung sein. Rachegefühl ist keine jüdische Eigenschaft." fc^J