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Ost und West · 1902-04-01 · Heft 4 (April 1902) · p. Seite 263 - 264

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 4 (April 1902)
Article
Ein Pessach-Gespräch
Date
1902-04-01
Page
Seite 263 - 264 (sequence 1)
Language
German
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263 264 EIN PESSACH-GESPRAECH. (Kotzker und Belser.*) Von Leon Perez. Aus dem Jüdischen übersetzt von Dr. J. Eljaschoff. Ein warmer, echt festlicher Pessachtag. Reb Schachno, — eine lang aufgeschossene, spindeldürre Gestalt, einer von den wenigen noch am Leben gebliebenen echten Kotzkern — und Reb Sorach, — gleichfalls mager, doch klein von Wuchs, ein verwaistes Ueberbleibsel der alten, echten Belsern — machen einen gemeinsamen Spaziergang ausserhalb der Stadt. In der Jugend standen sie sich voll Hass und Feindschaft gegenüber, es waren die richtigen Todfeinde. Reb Schachno war der Wort- und Streitführer der Kotzker wider die Belser, und ebenso war Reb Sorach der Führer der Belser wider die Kotzker. Jetzt aber, wo die beiden alt geworden, und nachdem im Laufe der Zeit die Kotzker vieles von ihrer ehemaligen Weihe verloren haben, nachdem auch die Belser den jugendlichen Gotteseifer eingebüsst haben und lau geworden sind, trat jeder von ihnen aus seiner früheren Gemeinschaft aus, mied jeder die Gebetstube, wo die Parole seit langem schon von anderen Leuten ausging, von jüngeren und stärkeren, aber geistig verwässerten Chassidim. Im Beth-Hamidrasch trafen sie sich wieder. Winters am Ofen schlössen sie Frieden mit einander und heute, zum erstenmal nach langer Zeit der Fehde, an einem der Zwischenfesttage von Pessach, nutzten sie das schöne Wetter zu einem gemeinsamen Spaziergange aus. Auf der weiten blauen Himmelsdecke glänzt eine warme Frühlingssonne: aus der feuchten Erde drängt sich das erste Gras hervor; man sieht förmlich, wie an jedem Gräslein ein ungeduldiges Engelein heftig kommandiert: Wachse, wachse doch! —: Ganze Vogelscharen jagen in allen Windrichtungen, ihre vorjährigen Nester aufzusuchen —--. — — und Reb Schachno spricht: „Kotzker, — aber versteh mich recht, die echten Kotzker meine ich, von den heutigen verlohnt es sich nicht zu reden, — die alten, echten Kotzker geben nicht viel auf die Hagadah."-----— — „Aber auf die Passahknödel" — lächelt Reb Sorach. „Auch mit den Knödeln ist die Sache nicht so einfach," antwortete Reb Schachno ernst, „da ist nicht zu lachen. Kennst Du den geheimen Sinn des Bibelspruches: Lo thassgir Ebed el Adonow, d.h. „Du sollst den Sklaven seinem Herrn nicht ausliefern." — „Mir genügt's," sagte Reb Sorach mit stolzer Bescheidenheit, „wenn ich nur den geheimen Sinn der Gebete erfasst habe." Reb Schachno überhört die Antwort und setzt fort: ') Kotzk und Bels, zwei Städte in Russland, die Hauptsitze zweier Vertreter verschiedener Richtungen im Chassidismus. Die Adepten der erwähnten Vertreter nennen sich entsprechend Belser oder Kotzker. Anmerk. des Uebersetzers. „Also die einfache Bedeutung dieses Satzes ist ja klar. Ein Sklave, ein Leibeigner, ist seinem Herrn entlaufen. ----Darauf verbietet die Thorah, ihm nachzujagen, ihn in Fesseln zu werfen, ihn seinem Herrn auszuliefern. Wenn ein Mensch sich den Gefahren einer Flucht aussetzt, so war es schon nicht zum aushalten gewesen, so mussf es ihm schon bis an die Kehle gegangen sein! Aber auch der geheime Sinn dieses Satzes ist augenfällig. Der Körper ist, symbolisch aufgefasst, so eine Art Sklave, der Leibeigene der Seele. Der Leib ist leidenschaftlich und gierig. Sieht er ein Stück Schweinefleisch, ein hübsches Weib, einen schönen Götzen oder weiss Gott was, so ist er wie aus der Haut gefahren. Die Seele aber spricht: still bleiben, und er muss zurück in die alten Schranken. Oder im umgekehrten Falle: Die Seele will etwas zu ihrem Heile unternehmen, und da muss sich der Leib unbedingt fügen; mag er auch müde und zerschlagen sein, die Hände müssen arbeiten, die Beine laufen, die Lippen müssen Worte reden. Warum das alles? Weil der Herr, die Seele es befiehlt! Und dennoch: lo thassgir, Du sollst nicht ausliefern! Ganz der Seele den Körper preisgeben darfst Du nicht! Die feurige Seele hätte ihn ausgebrannt, zu einem Häuflein Asche verwandelt. Und sollte der Allmächtige an puren Seelen, ohne leibliche Umhüllung Gefallen finden, würde er die körperliche Welt nicht erschaffen haben. Und darum hat auch der Leib seine ungeschmälerten Rechte: „Derjenige, der sein Leben mit unsinnigen Fasttagen überhäuft, zählt zu den Sündern." Der Leib verlangt Speise. Willst Du einen weiten Weg fahren, musst Du Dein Zugpferd reichlich nähren. Kommt noch ein Fest, ein Freudentag hinzu, so mag auch der Leib sich dabei beteiligen. Gönne Dir einen guten Tropfen, freue Dich...... Die Seele freut sich, und auch der Leib soll nicht leer ausgehen. Die Seele freut sich über den Segensspruch, den das Gesetz befohlen hat, der Leib an dem bischen Branntwein. Am Pessach, dem Tag unserer grossen Befreiung, greif auch Du zu, armer Leib, greif nach den Knödeln! -----und wie gehoben wird er, veredelt, wenn er sich an der Seelenfreude einer vollbrachten Mizwah beteiligen darf .... Mit den Knödeln isfs nicht so einfach — lach' nicht, Sorach!" Reb Sorach giebt zu, dass das Thema seine Tiefen hat und sich wohl anhören lässt, aber er als Belser geniesst am Pessach nichts Aufgeweichtes. „Dann ergötzest Du Dich an Mazzoth---" „Kann man denn sich an Mazzoth sättigen?" lächelt Reb Sorach, „hat man denn noch zum Mazzothkauen die nötigen Zähne?~ „Wie wirst Du also mit der Gottessatzung: Und

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