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Ost und West · 1902-04-01 · Heft 4 (April 1902) · p. Seite 243 - 244

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 4 (April 1902)
Article
Nietzscheanismus und Judentum
Date
1902-04-01
Page
Seite 243 - 244 (sequence 2)
Language
German
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243 Achad Ha'am: Nietzscheanismus und Judentum. 244 den Farben zu schildern, so unbedingt notwendig ist es, dass damit dessen Vorkommen kein Glücksfall, sondern eine reguläre Erscheinung werde, die Lebensbedingungen, in denen er sich befindet, eine bestimmte Disposition dafür haben. Der trockene Felsen giebt kein Wasser, und der Boden der Wüste bringt keine Früchte hervor. Schliesslich bleibt der Mensch unter allen Umständen ein gesellschaftliches Wesen, und selbst das Wesen des Uebermenschen bleibt gesellschaftlich und kann sich nicht gänzlich von der sittlichen Atmosphäre loslösen, in der er aufwuchs und sich entwickelte. Wenn wir nun anerkennen, dass der letzte Endzweck der Uebermensch ist, so müssen wir auch gleichzeitig anerkennen, dass einen wesentlichen Teil dieses Endzwecks das Uebervolk bilden muss: dass irgendwo in der Welt ein Volk existiere, dessen Geistesanlagen es in höherem Maasse als die übrigen Völker für eine sittliche Entwicklung prädisponiert machen und dessen ganze Lebensführung von einer hohen, über den gewöhnlichen Durchschnittstypus hinausragenden Ethik durchweg bestimmt werde, so dass dieses Volk den fruchtbaren Boden bilde,der von vorne herein besonders günstige Wachstumsbedingungen für den Uebermenschen besitzt. Dieser Gedanke entrollt vor unseren Augen ein weites Panorama, innerhalb dessen das Judentum in einem neuen, erhabenen Lichte erscheint, und in dessen Gesichtskreis viele Mängel, welche die anderen Völker an uns auszusetzen haben, und welche die jüdischen Apologeten abzuleugnen oder zu entschuldigen suchen, die Eigenschaft besonderer Vorzüge gewinnen, die dem Judentum zum Ruhme gereichen, und die weder der Ableugnung noch der Entschuldigung bedürfen. Fast allgemein wird die moralische Genialität des jüdischen Volkes anerkannt und dessen Ueberlegenheit über die anderen Völker auf diesem Gebiete zugestanden.2) Es bleibt sich gleich, auf welchem Wege es zu dieser Ueberlegenheit gelangte, und unter welchen Umständen diese Fähigkeit in ihm zur Ausbildung kam. Jedenfalls sehen wir, dass schon in alter Zeit das Volk diese Selbsterkenntnis gewonnen hat und sich dieses seines Vorrangs über die umgebenden Völker bewusst geworden ist. Diese Erkenntnis kleidete sich — entsprechend dem Geiste jener Zeiten — in den religiösen Glauben, dass es Gott auserwählt habe, „um es über die anderen Völker zu setzen", nicht als sei es zur Weltherrschaft berufen, „denn es ist ja das geringste unter allen Völkern", sondern zur sittlichen Vervollkommnung, „dass es ihm sei ein Volk des Eigentums . . . ., und dass es alle seine Gebote befolge",3) dass es in sich in jeder Generation den höchsten Moraltypus verkörpere, dass es immerdar das Joch der härtesten sittlichen Pflichten auf dem Nacken trage, nicht etwa in der Absicht, der übrigen Menschheit irgendwie Nutzen oder Nachteil zu bringen, sondern einzig und allein, damit 2) Auch Nietzsche giebt dies an mehreren Stellen seiner Schriften 2u. Vgl. zum Beispiel Zur Genealogie der Moral (Leipzig, 1899), p. 335. 3) Deuteronomium 26, 19. 7, 7. 26, 18. dieser höhere Typus zur Existenz gelange.4) Dieses Bewusstsein seiner ethischen „Auserwähltheit" trug das Volk alle Generationen hindurch in seinem Herzen und schöpfte in ihm Trost für alle seine Leiden. Es war — von wenigen Ausnahmen abgesehen — niemals bestrebt, durch Assimilierung fremder Volkselemente an Ausdehnung zu gewinnen, nicht weil das Judentum engherzig ist, wie die Gegner behaupten, oder weil es besonders tolerant ist, wie die Apologeten es bemänteln, sondern weil eines der hauptsächlichsten Kennzeichen des höheren Typus darin besteht: „nie daran denken, unsere Pflichten zu Pflichten für jedermann herabzusetzen; die eigene Verantwortlichkeit nicht abgeben wollen, nicht teilen wollen."5) Es muss in der That als einzigartige Erscheinung anerkannt werden, dass das Judentum lediglich dadurch seine Bekenner vor der übrigen Menschheit „ausgezeichnet" hat, dass es jenen nur hohe und schwere Pflichten auferlegte, während es diesen das Joch ungemein erleichterte und ihnen den Anteil am zukünftigen Leben zusicherte bloss als Aequivalent für die Erfüllung der fundamentalsten Moralpflichten („die sieben noachidischen Gebote"). Erst mit dem neunzehnten Jahrhundert, nachdem die französische Revolution das Panier der Gleichheit und Brüderlichkeit unter allen Menschen erhoben und das Wohl der Allgemeinheit als das allerhöchste ethische Ideal proklamiert hatte, erst jetzt begannen die Vertreter des Judentums sich der Vorstellung von der Auserwähltheit des jüdischen Volkes in ihrer alten Bedeutung zu schämen, da diese Vorstellung mit dem Gedanken der vollkommenen Gleichheit und dem Streben nach dem Wohl der Allgemeinheit im Widerspruch stand. Um nun das Judentum dem neuen Zeitgeiste anzupassen, erfanden sie die bekannte Lehre von der „Mission Israels unter den Nationen", d. h. sie brachten den Gedanken der nationalen Auserwähltheit mit dem Ideal der allgemeinmenschlichen Gleichheit dadurch in Einklang, dass sie: jene als Mittel zu dieser erklärten. Israel ist zwar das auserwählte Volk. Aber wozu ist es auserwählt? Um Glück und Brüderlichkeit unter allen Menschen zu stiften, indem es sie den rechten Lebenswandel lehrt, gemäss der göttlichen Lehre, die ihm zu diesem Zweck offenbart wurde. Nun ist es kaum noch notwendig, die so oft schon vorgebrächten Argumente gegen die Zulässigkeit dieses Ausgleiches hier nochmals zu wiederholen und nachzuweisen, dass er keinerlei reale Thatsachen zur Grundlage hat und ohne tiefinnigen metaphysischen Glauben nicht aufrecht zu halten ist. Jedenfalls aber erblickte das Volk in seiner Gesamtheit seine „Mission" nur in der Erfüllung seiner Pflichten an und für sich und betrachtete seine Auserwähltheit als Endzweck alles Uebiigen, nicht aber als Mittel zur Beglückung der 4) Nietzsche .cagt an einer Stelle, dass selbst ganze Geschlechter und Stämme unter besonderen Urnständen die Stufe des Uebermenschen erreichen können. Cf. Riehl ibidem. [Vgl. daselbst p. 75. Der Uebers.] 5) Jenseits von Gut und Böse (Leipzig, 1899), p. 26Ü.

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