Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 4 (April 1902)
- Article
- Nietzscheanismus und Judentum
- Date
- 1902-04-01
- Page
- Seite 241 - 242 (sequence 1)
- Language
- German
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241 NIETZSCHEANISMUS UND JUDENTUM.*) Von Achad Ha'am (U. Ginzberg). Autorisierte Uebersetz'ung aus dem Hebräischen von Dr. J. Friedlaender. (Fortsetzung aus dem März-Heft.) Die Umwandlung des moralischen Kriteriums aul dem bezeichneten Wege, — dies ist der menschliche Gesichtspunkt in der Lehre von der „Umwertung aller Werte". Nicht die Erhöhung der menschlichen Art in ihrer Gesamtheit ist der Endzweck des sittlich Guten, sondern die Höherentwickelung des menschlichen Typus in den höchsten Individuen der Art über die allgemeine Stufe hinaus. Dieser Fundamentalsatz ist, wie gesagt, eine jener „Urthatsachen", deren Annahme oder Verwerfung lediglich von dem persönlichen Geschmack und den persönlichen Neigungen entschieden wird, die daher von Einwänden, welche ganz andere „Urthatsachen" zur Voraussetzung haben, in keiner Weise getroffen werden können. Aber die Thatsache an und für sich, dafs dieser Fundamentalsatz durch kein äusseres Kriterium geprüft werden kann, — diese Thatsache allein nimmt dem Philosophen die Möglichkeit, in einer greifbaren und allgemein verständlichen Form die Beschaffenheit des ersehnten höheren Typus zu präzisieren. Denn da nicht etwa die von ihm ausgehenden Birkungen auf Andere, sondern seine Existenz an und für sich den Endzweck bildet, so fehlt uns jedweder Maassstab, um jene menschlichen Eigenschaften zu bestimmen, deren Entfaltung als Zeichen der Erhöhung des Typus gelten darf, und sie von denen zu trennen, die die Kennzeichen der Minderwertigkeit und der Rückbildung sind; und so wird auch diese Unterscheidung, ebenso wie jener Fundamentalsatz selbst, von unserem ästhetischen Geschmack und unseren sittlichen Neigungen abhängig bleiben. Nietzsche selbst allerdings empfindet eine besondere Verehrung vor der körperlichen Kraft und der äusseren Schönheit und schwärmt sehnsuchtsvoll von der „blonden Bestie", die, von Kraft und Schönheit strotzend, alles beherrschend und alles ihrem Willen unterwerfend, „nach Beute und Sieg lüstern schweift". Aber es liegt auf der Hand, dass diese Vorstellung vom Uebermenschen sich nicht mit unbedingter Konsequenz aus dem Grundprinzip ergiebt. Hier tritt uns der Philosoph nicht mehr als Mensch, sondern als Arier entgegen, der eine besondere Hinneigung zu der körperlichen Kraft und Schönheit empfindet und die Vorstellung von seinem Ideal seinem persönlichen Geschmacke anpasst. Wir sind daher zur Annahme berechtigt, dass, wenn derselbe Nietzsche einen jüdischen Geschmack gehabt hätte, er auch dann das Kriterium für die moralischen Werturteile geändert und den Uebermenschen als den absoluten Endzweck hingestellt haben könnte. Aber die charakteristischen Zuge des Uebermenschen wären dann gänzlich verschieden von den bisherigen ausgefallen, nämlich Durchsetzung der sittlichen Kraft, Zurückdrängung der tierischen Triebe, Streben nach Wahrheit und Gerechtigkeit in That und Gedanken und ununterbrochener Kampf gegen Unwahrheit und Ungerechtigkeit, kurz, jenes sittliche Ideal, das uns das Judentum ins Herz gepflanzt hat. Wer kann uns denn den Beweis erbringen, dass die Aenderung des Kriteriums notwendig auch eine Aenderung des jüdischen Geschmackes und seine Unterdrückung durch den arischen bedingt? dass nicht die sittliche Stärke und die innere Schönheit den Menschen zum Uebermenschen machen, sondern einzig und allein die körperliche Kraft und die äussere Schönheit der „blonden Bestie"? Nun braucht den Kundigen nicht erst gesagt zu werden, dass ein jüdischer Nietzscheanismus in dem angeführten Sinne nicht erst geschaffen werden muss, dass er vielmehr schon seit uralten Zeiten fix und fertig vor uns steht. Nietzsche, der Deutsche, mag zu entschuldigen sein, wenn er den Geist des Judentums verkannte und dasselbe mit einer andern Lehre verwechselte, die aus ihm hervorging, aber bald mit ihm auseinanderging. Seine jüdischen Schüler jedoch wären verpflichtet zu wissen, dass die Lehre des Judentums sich niemals auf den Grundsatz des Mitleids beschränkte, dass sie ihren Uebermenschen keineswegs als Anhängsel des grossen Haufens betrachtete, dessen Wohlfahrt zu mehren er in erster Reihe berufen wäre. Es ist bekannt, welcher Rang dem „Gerechten" in unserer Morallitteratur, von dem Talmud und den Midraschim bis auf das Schrifttum des Chassidismus herab, zugeteilt wird, wie oft betont wird, dass nicht er für andere geschaffen, sondern, wie ein sehr charakteristischer Ausspruch lautet, „die ganze Welt lediglich für den Gerechten geschaffen sei", dass er Selbstzweck ist. Sentenzen der genannten Art finden sich bekanntlich sehr häufig' in unserer Litteratur, und sie blieben nicht etwa die Anschauungen Vereinzelter, Gedankensplitter von Philosophen, sondern drangen ins Volk und erhielten die Geltung von allgemein anerkannten ethischen Prinzipien. Ja, noch mehr. Wenn wir etwas tiefer dringen, finden wir denselben Gedanken in erweiterter Fassung auch in dem Kern des nationalen Judentums wieder. Nietzsche selbst beklagt sich in seiner letzten Schrift (dem „Antichristen") über die bisherige Erziehung dass sie bis jetzt nicht von dem Ziele, Uebermenschen hervorzubringen, geleitet war. Wenn nun ein solcher dennoch in Erscheinung trat, so war es bloss „als Glücksfall, niemals aber als gewollt".1) Und in der That, so leicht es auch sein mag, die Gestalt des Uebermenschen in poesiereichen und phantasieerhitzeni) Cf. Alois Riehl, Friedrich Nietzsche (Stuttgart 1897), p. 125.