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Ost und West · 1902-04-01 · Heft 4 (April 1902) · p. Seite 231 - 232

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 4 (April 1902)
Article
Grundakkorde jungjüdischer Kunst
Date
1902-04-01
Page
Seite 231 - 232 (sequence 3)
Language
German
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231 Dr. med. Theodor Zlocisti: Grundakkorde jungjüdischer Kunst. 232 An dieser Zwiespältigkeit ist Heines frohe Kraft vermorscht und verroht. Sein Judentum war ihm nicht mehr wie ein nährender Mutterboden, sondern nur noch ein dumpfer Schmerz ererbter Erinnerungen, die ihm die Brust beklemmen: Brich aus in laute Klagen, Du düsteres Märtyrerlied, Das ich so lang getragen, Im flammenstillen Gemüt! Es dringt in alle Ohren, Und durch die Ohren ins Herz; Ich habe gewaltig beschworen Den tausendjährigen Schmerz. Es weinen die Grossen und Kleinen, Sogar die kalten Herr'n — Die Frauen und Blumen weinen, Es weinen am Himmel die Stern'. Und alle die Thränen fliessen Nach Süden im stillen Verein, Sie fliessen und ergiessen Sich all' in den Jordan hinein. — Und diese Schwermut ist der Grundakkord geblieben aller jungen jüdischen Kunst in Westeuropa. Einst klangen von der Sehnsucht des jüdischen Volkes die jüdischen Verse. Sie ist nicht verstummt. Aber die Sehnsucht nach dem eignen Volkstum zerreisst die Harmonien. Da der herrliche Volksgedanke uns wieder eine Heimat gab, denen auch die Innigkeit religiöser Empfindung verfrostete an der stimmungslosen Starrheit nachgeahmten Konfessionalismus, da wir uns wiederfanden als Brüder im siegenden Zeichen Zions, das die mosaische Kirche in treulosem Undank verlassen hatte, da sich über uns der Reichtum unseres Volkes ergoss, so gross, so still und süss, da ging es uns wie jenem Bettler im Märchen, dem das Glück gelacht. Wir spürten, was uns fehlt, um den nie geahnten Schatz ganz zu besitzen* Wir waren wurzellos geworden durch das anbrandende Leben, gemacht durch feige Theorien. Und so geschah es, dass wir nur sind Erinnerung und Sehnsucht und Traum, Halbnaturen, denen freilich die Selbstgenügsamkeit fehlt, sich als Ganze zu wähnen. Wir haben den Stachel im Gemüte, zu wissen, wie zerbrochen wir sind und zu verbrennen in der Gier, Ganze zu werden und Geschlossene, wie es unsere Vorderen waren: Auch in der Zerstreuung. Aber auch ihnen ward nicht die frohe Lust, die in den Psalmen lebt und im Hohen Lied. Die ist gestorben in Jakobs Zelten, seit wir die alte Heimat Hessen. Immer war es, als ob eine unsichtbare kalte Hand den Becher der Freuden uns von den gierigen Lippen risse. Wird sie segnend uns dereinst auf dem Haupte liegen und die Sorgen bannen aus unserem Herzen? Die - alten Weisen, die in Tubaton und Paukenschlag jubelnd durch Zions Gärten hüpften, zogen nicht mit ins Elend. Sie blieben auf den schweigenden Gefilden Palästinas und harren des Tages, da das Hedad des Erlösers sie zu neuer Lust erwecken wird. In der Fremde aber wuchsen ihnen müde Melodien, versonnene. und leidende Gesänge. Und wo sie dem Liede ihrer Dränger lauschten, da nahmen sie, wenn sie weiterziehen mussten, nur die düsteren Weisen mit — als einzigen Ersatz für eine Hoffnung, um die sie ärmer waren. Aber ihre Seele gössen sie in die entliehene Form und machten es zum Lied von ihren Liedern, zum Lied von ihrem Leide. Und so nahmen sie auch nach dem Osten hin eine Sprache, die sie im Elend hatten lernen müssen. Aber sie machten sie sich zum Eigentum und bogen und wandten sie, und pfropften auf sie die alte Muttersprache und Slavismen, damit sie Trägerin sein könnte der eigenen seelischen Art. Wer unser Volk verstehen will, wie und worin es sich gewandelt in der Zeit des Golus, der lerne das Jüdisch-deutsche, das viel geschmähte, das dumm gehasste und treulos verlassene. Eine Welt, die tief verschüttet in uns liegt, wird wieder unser, mit all ihren lauschigen Hängen und stillen Winkeln. In dieser Sprache voll süsser Heimlichkeiten lebt unsere beste Art. Und sie hat sich treu erwiesen überall, wo sie für die künstlerische Darstellung intimster Interieurs des jüdischen Strebens und Lebens geübt wurde. Eine wackere Schar jüdischer Schriftsteller meistert sie jetzt und immer neuen Reichtum spendet sie, wenn sie der Stab des rechten Mannes trifft. So hat sie — die schlichte und innige — ihre gigantische Wucht, ihren dramatischen Schwung offenbart, als sie einem Ganzgrossen — dem Sänger der Ghettolieder — sich fügte. Aber auch die alte Stammessprache, die auf den Rabbinertagen zu Braunschweig und Frankfurt zum Tode verurteilt und dann tot gesagt wurde, sie ist wieder aufgeblüht wie eine Jerichorose. Und wieviel unsterbliche Kraft pulst in ihr! Sie ist biegsam und schmiegsam geworden, . . geblieben und verjüngt sich immer aufs neue. Die jüdische Kunst hat uns in unserer Sprache einen Vorfrühling geschenkt voll grosser Hoffnung.

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