Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 3 (März 1902)
- Article
- Revue der Presse.
- Date
- 1902-03-01
- Page
- Seite 213 - 214 (sequence 1)
- Language
- German
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213 REVUE DER PRESSE. 214 r^e$§ljBlPl Uebei das Elend der Juden in Russland, schreibt die „Jüdische Volksstimme" (No. 2): „Die Juden in den 25 Gouvernements des Ansiedlungsrayons darben, obgleich unter ihnen sich 130 000 Bauern, 112 000 Taglöhner, 64 000 Fabrikarbeiter und 420 000 Handwerker belinden. Die Juden scheuen also durchaus vor keiner physischen Arbeit zurück und stellen nicht weniger als 3/4 Million unmittelbar produktiver Arbeiter. Aber all ihr Fleiss, alle ihre Anstrengungen nützen ihnen nichts gegenüber den sie ruinierenden Maigesetzen, die ihre Bewegungsfreiheit einschränken, ihnen den Aufenthalt in dem grössten Teile Russlands verbieten, sie aus allen. Dörfern vertreiben und ihnen das Wohnen 50 Kilometer rund um die Grenze erschweren. Schon 1887 hat die bekannte Pählen'sehe Kommission offiziell feststellen müssen, dass 90 % aller Juden in grosster Armut und von der Hand in den Mund leben. Seit dieser Zeit hat sich die Situation noch wesentlich verschlimmert. Eine zuverlässige, durch Umfrage von Haus zu Haus gesammelte private Statistik hat ergeben, dass 50, stellenweise sogar 75 % aller russischen Juden arbeits- und brotlos sind, dass sie ihre Häuser verfallen lassen und ihr bewegliches Eigentum ä tout prix verschleudern müssen. Ihre Häuser verwandeln sich in Ruinen und sinken beständig im Werte; das bewegliche Inventar wird zu Schleuderpreisen losgeschlagen, und die Zahl ihrer Kindel", die ohne jeglichen Unterricht aufwachsen müssen, nimmt ei schreckende Dimensionen an. Die Zahl der Juden, die 1897 gezwungen waren, zu Ostern Unterstützung zur Anschaffung von Marzoth anzunehmen, betrug im reichen Odessa 40 000, in Wilna 22 000 Seelen und in Minsk 1200 Familien. In Warschau können nur 5 % auer Juden Gemeindesteuern zahlen, und über die Hälfte aller Sterbenden müssen auf Gemeindekosten beerdigt werden." * * In der „Welt" (14. Febr.) lesen wir: Die Lage der Juden in Rumänien charakterisiert am schärfsten der folgende Vorfall: Im Juli v. J. waren zu Draceni, einer kleinen Ortschaft am Pruth, antisemitische Unruhen ausgebrochen. Unter nichtigem Vorwande hatte die christliche Bevölkerung die jüdische misshandelt, und mehrere Personen von beiden Seiten sind verwundet worden. Ein Jude namens Josua Aronovici starb infolge seiner Verletzungen. Einige der Hauptthäter, unter welchen der Gutsbesitzer Craiescu war, wurden verhaftet und das Prozessverfahren gegen sie eingeleitet. Die Angeklagten standen nun vor wenigen Tagen vor dem Assisenhof zu Tutova, und die Geschworenen sprachen sie frei! r ■.<■ * •X- Dieselbe Zeitschiift veröffentlicht an erster Stelle ihres Heftes vom 21. Februar die folgende Mitteilung: Wien, 20. Februar 1902. Einer Einladung folgend, reiste Herr Dr. Herzl zu Ende der vorigen Woche nach Konstantinopel. Auf dieser Reise begleitete ihn Mr. Joseph Cowen, einer der Governors des Jewish Colonial Trust in London. Während der Dauer seines Aufenthaltes in Konstantinopel war Herr Dr. Herzl der Gast des Sultans. Die Centenarfeier Victor Hugos giebt Herrn H. Prague Veranlassung zu einem Aufsatz im Archiv Israelites über den gefeierten französischen Dichter und seine Ideen über die Juden. Der Verfasser geht davon aus, zwei grosse Epochen im Schaffen Victor Hugo's zu unterscheiden — die erste, in der er noch ganz unter dem Einflüsse seiner katholisch-royalistischen Erziehung steht — und die spätere, in der er ein begeisterter Bewunderer Napoleons ist und den Ideen der grossen Revolution seine ganze Kraft weiht. In die erstere Zeit fallen einige Aeusserungen über die Juden, in denen Victor Hugo die Anschauungen des XIII. Jahrhunderts wiederspiegelt, die er — für dieses Jahrhundert wenigstens — für der Wahrheit entsprechend hält. Herr S. Caten, der Begründer der „Archives Israelites", schrieb ihm damals (1843), um ihn zur Unterdrückung solcher Stellen in Bühnenstücken zu veranlassen. Victor Hugo antwortete, dass er ein Stück aus dem XIII. Jahrhundert im Geiste dieser Zeit halten müsse. Auch sei es zweifellos, dass die Juden damals „sich zu rächen wussten" für die Unterdrückungen, denen sie ausgesetzt waren. „Ob Fabel oder Geschichte, die Legende des hl. Werner beweise das." Gegenwärtig seien freilich die Juden ganz anders und gemessen und verdienen die Achtung ihrer christlichen Mitbürger .... Victor Hugo hielt nicht nur die mittelalterlichen Anschauungen von den Juden für die damalige Zeit für berechtigt — er hielt es auch für ganz ungefährlich, in unserem erleuchteten Zeitalter an diese überwundenen Dinge zu erinnern. In seiner zweiten Schaffens-Epoche hat sich das geändert. Seine späteren Juden sind würdige Gestalten, und als die Dreifus-Affaire die Probe auf Victor Hugo's Exempel von „unserem erleuchteten Zeitalter" machte, da wurde von mehr als einer Seite mit Recht darauf hingewiesen, dass Hugo, wenn er diese Zeit noch erlebt hätte, der erste gewesen wäre, für den Unschuldigen mit Einsetzung seiner ganzen Persönlichkeit einzutreten. Der Irrtum der früheren Auffassung Victor Hugo's findet eine Illustration, wie sie stärker nicht erdichtet werden könnte, durch die Notiz, die unmittelbar auf den besprochenen Artikel folgt. Unter der Ueberschrift „Der Antisemitismus in den Lyceen" ist dort der folgende Thatbestand ausgeführt