Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 3 (März 1902)
- Article
- Litterarisches
- Date
- 1902-03-01
- Page
- Seite 207 - 208 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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207 Litterarisches. 208 in der Starrheit ihrer Haltung ist Tragik. Jahrtausende sprechen aus diesen stummen regungslosen Menschen und ein Sehnen, das vom Schicksale zertreten wird. Ja, die riesenhafte, todesgraue Hand des Schicksals ist es, die über ihnen lagert, wie eine graue, schwere, alles Licht verzehrende Wolke. Jenseits dieser Wolke aber, unseren Augen unsichtbar, des Meisters heimlichsten Träumen gegenwärtig, zieht das erste leise Dämmern der Erlösung heran, die siegen wird. Israels reicht aus früheren Generationen des jüdischen Volkes in unsere hinein, die erste, die ihn versteht und ihm huldigt. Während seines Lebens aber ist ein zartes, junges Künstlerleben aufgeflammt und bald erloschen. Ich meine Moriz Gottlieb, der mit 23 Jahren gestorben ist. Er war ein auserwählter Träger der Tragik unseres Volkes. Es ist, als ob ihn der Geist unserer Geschichte geküsst hätte, zu Leiden und Vergehen. Er hat sich einmal als Ahasver gemalt, mit dem Goldreif auf der Stirne. Und das Königtum des Wanderns und der Schmerzen war in seiner Seele. Er ist zu früh gekommen. Er fühlte das neue Judentum, bevor es noch da war. Er war eine Verkündernatur, und sein Schicksal war das Schicksal des Verkünders, der allzu früh dahingeht, dem es nicht beschieden ist, vor dem Tode das ersehnte Land mit Augen zu schauen. Seine jüdischen Bilder, von denen ich noch „Die betenden Juden", „Shylock und Jessica", „Uriel Acosta und Judith" nenne, sind ein Denkmai auf unserem Wege. Wir lieben seine junge, ringende, wehmutvolle Gestalt. Wir fühlen uns eins mit seinem Kampfe und mit seinem Leiden. Ehre seinem Andenken! An Israels schliesst sich in der Art seiner Kunst Max Liebermann an. Er ist ein grosser Künstler. Er ist lange nicht so sehr Jude wie Israels, aber er fühlt doch die tiefen, alten Quellen seines Wesens, wenn ihm auch der königliche Stolz fehlt, mit dem sich Jozef Israels zu seinem Volke bekennt. Und das Jüdische bricht, ihm selbst unbewusst, immer wieder in seinen Bildern hervor. In der Art, wie er die weite, verschwimmende Landschaft sieht, ebensowohl, wie in der Art, in der er eine ganze Gegend in einzelnen schlichten Gegenständen verkörpert und um den Menschenleib stille Schatten häuft, ist ein heimlich jüdischer Zug. Bewusst jüdisch aber wird er, wo er sich aus dem Buche unseres Volkes die Stoffe holt. Da nimmt ihn die ewige Nacht gefangen. Ganz im Gegensatz zu Liebermann steht Lesser Ury. Das grösste an ihm ist sein übermenschliches Wollen. Ein glühendes, stürmisches Wollen, in dem die Sehnsucht nach der Schrankenlosigkeit lebt, ein Wollen, das alle Bande sprengt und das Unsagbare zu sagen versucht. Das ungeheure Leiden des Stammes bricht sich in ihm gewaltsam freie Bahn, nicht in Klagen, sondern in Anklagen, nicht in Fragen, sondern in wildem Angriffe. In seinen grossen Bildern bäumt sich immer wieder eine lebendige Kraft gegen dumpfe Schicksalsmächte aut und verlangt nach Erlösung. Er hat für unser Schicksal monumentale Symbole gefunden. Er hat in seinem „Jerusalem" in einer kleinen Gruppe von wandernden Juden, die auf einer Bank am Meeresstrande rastend lagern, das ganze jüdische Volk gemalt, und in diesem schmerzvollen Abend, da Himmel und Meer einander in Sehnsucht entgegenbeben, die ganze Geschichte des Volkes. Er hat in seinem „Jeremias" den Propheten gegeben, dem die Geschichte seines Stammes auf die Schultern gelegt wurde und der unter der Last einer Ewigkeit niedersinkt. In Lesser Ury ist ein Mysterium zur Revolution geworden. Der bewussteste unter unseren Künstlern ist wohl einer der jüngeren, Ephraim Mose Lilien. Er ist tief in das Wunder unseres Volkes eingedrungen, hat Sinn und Wert unserer alten Motive erkannt und sich zu eigen gemacht. Er hat die Sache des Zionismus an sich selbst erlebt, hat sie ganz in sich aufgenommen. Gerade dass er der jungen Generation angehört, macht ihn so sehr zu einem von den unseren. Und doch erwarte ich von ihm noch viel mehr, als er bisher gegeben hat. Er hat herrliche Blätter gezeichnet. Er ir c Jean Brueghel. Das Paradies. verfügt über eine reiche, reite Technik. Dennoch ist seine Kunst noch mehr Verheissung als Erfüllung, wie das Streben unserer neuen Generation überhaupt. Jedenfalls haben ihm sein Buch „Juda" und seine hebräischen Ex-Libris unsere ganze Liebe gewonnen und wir setzen eine Hoffnung in ihn, die mehr ist als das grösste Lob. Er ist uns mehr als ein verehrter Meister; er ist unser Freund, unser Bruder. Einer, in dessen Werken sich ein prächtiger Sinn für kraftvolle Farbenwirkungen mit einer prägnanten Charakteristik der Geberde vermählt, ist Jehuda Epstein. Eines seiner jüngsten Gemälde, „Hiob und seine Freunde", haben wir hier, freilich noch in unfertigem Zustande, ausgestellt. In seinem Atelier ist zur Zeit eine grossangelegte Makkabäergruppe zu sehen, die Scene darstellend, wo Matitjahu sich vor