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Ost und West · 1902-03-01 · Heft 3 (März 1902) · p. Seite 203 - 204

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 3 (März 1902)
Article
Mordachai Z'bi Manne
Date
1902-03-01
Page
Seite 203 - 204 (sequence 5)
Language
German
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203 Dr. Rosenthal: Mordachai Z'bi Manne. 204 Er sieht die kaiserliche Sonne hell am Himmel Russlands strahlen, eine Hoffnung des ganzen Volkes. Da naht ein gewaltiges Ungewitter, das sich wieder verzieht — Alexander ward oft vor Mordanschlägen bewahrt. Von neuem beginnt es zu toben, riesengross werden die Wellen, Blitze schlagen hernieder, da verziehen sich die Dämpfe, und man sieht, wer in Todeszuckungen ächzt. Dann erhebt sich der Dichter über seinen Schmerz, und er besingt die Verdienste des freiheitlich gesinnten Kaisers um sein Land. In diesem wunderbaren Liede ist das Ungewitter kein totes Sinnbild, sondern ein wirkliches, wie es Manne in der Natur geschaut — das gesamte geschichtliche Leben Russlands bewegt dies Gedicht, nicht in trockener Leitartikeiei, sondern wahrhaft aus dichterischem Gemüt angeschaut. Diese Dichtung ist Bruchstück geblieben — aber ein solches, das unzählige vollendete Gedichte aufwiegt, denn es ist nicht vollendet, aber vollkommen. Ein jüdischer Dichter muss auch ein Denker sein. So waren es Salomo ben Gabirol, so Jehuda Hedeni; bei Luzzatto vertrat die kabbalistische Denkart die notwendige Weltanschauung. Auch im Inneren Manne's blieb die Wissenschaft kein toter oder hinderlicher Gegensatz zum Dichterdrange — Zeugnis legen datron die Abhandlungen ab, die er in der Hazefira über Malerei im allgemeinen und insbesondere unter den Juden erscheinen Hess. Ging er zunächst von seiner Sonderwissenschaft aus, also von der Malerei, so kam er bald zu Untersuchungen über das Kunstschöne und dann besonders über die Dichtung. Da lesen wir Selbstgespräche eines entzückten Freundes der vorhandenen Welt in allen ihren Gestaltungen, wie er ihrer Schönheiten sich bewusst wird und ihm nichts unter den seienden Dingen abstossend oder hässlich erscheint. Landschafts- oder Geschichtsbilder sind ihm alles Gemälde, eigentlich den Menschen und sein Leben oder die ihn umgebende Welt betreffend. Er ist sicher um den bestechenden Gedanken herumgegangen, dass redende und bildende Künste eins seien; vielmehr hatte er mit Klarheit den Unterschied zwischen dem Maler und dem Dichter gekennzeichnet. Mit Leichtigkeit fand er die Gründe dafür, dass Juden am bildenden Kunststreben so wenig sich beteiligt haben. Sie haben sich mit dem strengen und ernsten Denken so sehr beschäftigt, dass ihnen die leicht geschürzte Muse fremd geworden ist. Er fordert seine Glaubensgenossen auf, ihm auf dem Wege zur Kunst zu folgen und das Versäumte nachzuholen. Es war für ihn eine grosse Genugthuung, das Lebensbild Oppenheim's, des Schöpfers der jüdischen Familienbilder, seinen Landsleuten vorzuführen, und ganz besonders mutet darin die Schilderung der einzelnen Blätter uns an. Dies Beispiel aus dem Leben sollte unter Juden Nacheiferung finden. Besonders eingehend behandelt er die Fragen: Was nennt man den Geist des Liedes und der Dichtung? Was unterscheidet den Dichter von den übrigen Menschen? Was ist der Zweck der Dichtung? Und er nimmt die Gelegenheit wahr, von den verschiedensten Dichterfürsten Beispiele anzuführen. Er hat ganz besonders Goethe stark benutzt, und in einer Weise, die den wähl verwandten Dichter zeigt. Da haben ihm die „Vermischten Gedichte", die einen Glanzpunkt derGoethe'schen Dichtung bilden, ganz besonders zugesagt — aber wie wenige haben diese Gedichte herausgefunden und in ihrem wahren Werte gewürdigt! Das ist aber bei Manne der Fall, der in diesen Dichtungen so recht das Spiegelbild seiner Seele und seines Strebens findet. Man hätte glauben sollen, dass unter so verschiedenen Eindrücken Manne den Erinnerungen seiner Kindheit gleichgültig gegenüber gestanden hätte. Bei wie wenigen pflegt das der Fall zu sein, die aus gleicher Lage sich emporgearbeitet hatten und denen ihre angeblich freudlose Kindheit keine anziehende Erinnerung zu bieten schien. Manne's Dichterauge kannte keine freudlosen Weltpunkte, so wenig wie Göthe's; wie sollte er seiner Kindheit, seinen Eltern, seinem Glauben nicht innig treu bleiben! Zumal nach dem Ableben Alexanders II. sich die Feinde der Juden mehr herandrängten. Da besang Manne stolz das „Volk der Ewigkeit": Oft hören wir's sagen In unseren Tagen, Dass wir Juden für ewig verschwanden. Doch ihr Lästerer sehet, Ihr Feinde verstehet, Dass Juden noch immer vorhanden. Der Mord kann wohl lichten, Nicht uns spurlos vernichten, Die wir Männer des Geistes gehören; Propheten und Dichter, Die wie ewige Lichter Aufstiegen aus himmlischen Thoren. Kriegshelden, gleich Leuen, Die Gefahren nicht scheuen — Sie haben uns nimmer gefehlet, Von David, dem Helden, Wir wissen zu melden, Der die Saiten der Harfe beseelet. Makkabäer erbittert, Die Wolken erschüttert, Die Erde sie Hessen erdröhnen, Gleich felsigen Mauern, Wir werden auch dauern, Nicht erstirbt der .Mut ihren Söhnen. Ist Babel verschwunden Und nicht mehr gefunden, Sind der Reiche gar viele vergangen, — Uns sollten die Wellen Des Lebens zerschellen? Nie wird uns Vernichtung umfangen!

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