Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 3 (März 1902)
- Article
- Alityrus und Faustina
- Date
- 1902-03-01
- Page
- Seite 193 - 194 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2583875-2583890-2583894-2585233--01466-2585306- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
193 Dr. E. M.: Alitj'rus und Faustina. 194 Gemahlinnen beider Antonine hiessen bekanntlich Faustina, beide Kaiserinnen waren vergnügungssüchtige Frauen von nicht eben ehrbaren Sitten, die alle Arten von. Schauspielen und sinnlichen Ergötzungen liebten. Möglich, dass unsere Faustina eine Freigelassene einer der beiden Kaiserinnen gewesen; denn es pflegten die Freigelassenen die Namen ihrer Herren anzunehmen. Der reiche Grabschmuck, worauf der Deckel schliessen Jässt, setzt in der Verstorbenen eine Person voraus, die in nicht gerade beschränkten Lebensverhältnissen gelebt hat. Sie kann also unmöglich der niedrigsten Klasse der Mimen angehört haben, sondern hatte sich wahrscheinlich durch ihre Kunst einen bedeutenden Ruf und Vermögen erworben. Die beiden gleichen Larven, die die Tafel umgeben, und die von ihnen verschiedenen auf der linken Seite des Deckels deuten darauf, dass sie in zwei verschiedenen Gattungen der szenischen Kunst sich ausgezeichnet habe. Aber wie gefeiert die Künstlerin auch gewesen sein mag, sie fand in der "Welt keine Befriedigung; den Frieden brachte ihr erst das Grab, wie dies das Wort „Schalom" auf rührende Weise ausdrückt. Sie, eine treue Tochter Juda's, den Ihrigen vielleicht in dem von Bar-Cochba erregten Aufstande gegen die Römer mit Gewalt entrissen, mochte, während sie der Lust eines Volkes diente, das dem ihrigen seine Freiheit und Selbständigkeit geraubt hatte und mit Spott und Verachtung auf dasselbe herabblickte, im Herzen den Schmerz über ihr eigenes und ihres Volkes Missgeschick um so tiefer empfinden, als sie ihn nicht äussern durfte; sie, in der strengen Sitte ihrer Väter erzogen, musste mit widerstrebendem Gefühle die üppigen Feste entarteter Fürstinnen und eines entsittlichten Volkes verherrlichen helfen, und ihr frommer Sinn mochte, sich gegen die heidnische Art. die sie in Worten und Handlungen darzustellen gezwungen war, sträuben. So konnte sie unmöglich ihr Lebensglück in ihrer Kunst und in ihren Lebensverhältnissen finden, wie sehr auch jene ihr Be wundere r und diese Freunde und Schmeichler verschaffen mochten. Die einfachen Worte: Hier liegt Faustina, lassen uns ein Gemüt erkennen, das fem von allem Stolze und aller Eitelkeit war. Nicht was sie im Leben gewesen, soll ihr Grabdenkmal verkünden, sondern was sie jenseits des Grabes hofft. Das spricht das Wort „Schalom" aus, und darauf deuten die Symbole. Hätten wir das Denkmal einer männlichen Person vor uns. so würden wir die drei Symbole einfach als Zeichen des Priestertums erklären; dann würden wir freilich in dem Bilde, das wir oben als Palmzweig bezeichnet haben, vielmehr den blühenden Mandelstab Aarons sehen müssen. Die Urne umfasste aber die Asche einer weiblichen Person, und es ist minder wahrscheinlich, dass bei einer solchen ein so bedeutendes Gewicht auf die Priesterabkunft gelegt wurde, dass sie auf dem Grabdenkmale symbolisch angedeutet worden wäre. Die Bilder haben gewiss vielmehr eine allegorische Bedeutung, und dann würde etwa die Palme den Sieg über das Irdische und Vergängliche, der „Leuchter den jenseitigen Lohn des frommen Wandels das Schauen der Herrlichkeit des Herrn, des Glanzes unseres Gottes," wie der Prophet (Jesaias 35, 2) sagt, und das Salbhorn die Hoffnung auf die einstige Erlösung Israels durch den Gesalbten bezeichnen. Wie dem auch immer sei, die Graburne hat die Hülle einer duldenden und frommen Seele geborgen, und das Denkmal lässt uns eine Tragödie ahnen, die die Schauspielerin nicht gespielt, sondern erlebt hat.