Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 3 (März 1902)
- Article
- Alityrus und Faustina
- Date
- 1902-03-01
- Page
- Seite 191 - 192 (sequence 1)
- Language
- German
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191 192 ALITYRUS UND FAUSTINA. Ein jüdischer Schauspieler und eine jüdische Schauspielerin des Altertums. Von Dr. E. M. „Schnell und spurlos geht des Mimen Kunst, die wunderbare, an dem Sinn vorüber; dem Mimen flicht die Nachwelt keine Kränze." Kein Wunder daher, dass wir von den berühmtesten Schauspielern des griechischen und römischen Altertums nur weniges mehr als die Namen, von anderen kaum diese kennen. Eine menschenfreundliche That hat indessen den Namen eines jüdischen Mimen auf die Nachwelt gebracht. Josephns erzählt in seiner Lebensbeschreibung, Kap. 3, dass einst, als Felix Procurator in Judäa war. einige ihm befreundete Priester, ehrenwerte, wackere Männer, wegen einer geringfügigen, kaum nennenswerten Schuld nach Rom geschickt worden seien, sich vor dem Kaiser zu verteidigen. „Da ich", fährt er fort, ..sie zu retten wünschte, zumal ich in Erfahrung gebracht hatte, dass sie selbst in ihrem Unglücke die Frömmigkeit nicht ausser acht gelassen hätten, indem sie auf der Reise nichts als Feigen und Nüsse gegessen, so begab ich mich selbst nach Rom. Aul der Reise hatten wir viele Gefahren zu bestehen. Mitten im Adriatischen Meere ging unser Schiff unter und sechshundert Schiffbrüchige suchten sich durch Schwimmen zu retten. Gegen Morgen erschien uns durch die göttliche Vorsehung ein cyrenaisches Schiff, das mich und ungefähr achtzig andere, die allein am Leben geblieben waren, aufnahm. So kam ich nach Dicäarchia oder Puteoli, wie die Italiener die Stadt nennen, und lernte daselbst einen gewissen Alityrus, einen Juden, kennen, der als Darsteller von Mimen (fufioloyoo) beim Kaiser Nero in grosser Gunst stand. Durch ihn wurde ich der Gemahlin des Kaisers, der Poppäa. empfohlen, bei der ich durch Bitten die Freisprechung der Priester bewirkte. Ausser dieser Gnade verehrte sie mir noch kostbare Geschenke, und ich kehrte hierauf in meine Heimat zurück." — Von dem Mimologen Alityrus ist uns sonst nichts überliefert. Die Minien waren Komödien, die in der Mitte zwischen dem regelmässigen, von den Griechen entlehnten Lustspiele und den eigentlichen Volkspossen, den Atellanen, standen. Sie waren Charakterstücke, die die Sitten und Eigentümlichkeiten der verschiedenen Stände bald mit Treue und Feinheit, bald mit karikaturmässiger Uebertreibung vorführten. Auf eine künstlerische Anlage und Entwickelung der Intrigue kam es bei ihnen weniger an, als auf die Durchführung komischer Charakterrollen. Die Mimen waren durch Cäsar, der eine besondere Vorliebe für sie hegte, auf der Bühne herrschend geworden. Unter ihm lebten die beiden ausgezeichneten Mimendichter: Laberius, ein Ritter, den Cäsar zwang, in seinen Stücken selbst aufzutreten, und Publ. Syrus. Unter Augustus verdrängte sie der stumme, nur durch Gebärdenspiel und. Tanzbewegungen wirkende Pantomimus. aber unter den folgenden Kaisern machte sich der Mimus neben dem Pantomimus wieder geltend. Nero, der Schauspieler auf dem Throne, war ein Freund und Gönner aller szenischen Spiele, und dass der jüdische Mime Alityrus bei ihm und seiner Gemahlin Poppäa in hoher Gunst stand, ist ein Beweis, dass er ein mehr als mittelmässiger Schauspieler gewesen sein müsse. Es gereicht ihm zur Ehre, dass er in seinem Glücke als Günstling des Kaisers sich seiner bedrängten Landsleute nicht schämte, sondern vielmehr sich ihrer annahm und seinen Einfluss zu ihrer Rettung geltend machte. Interessanter noch ist ein Denkmal, das uns den Namen einer jüdischen Schauspielerin oder Tänzerin erhalten hat. In des Franciscus Ficoronius Abhandlung über die szenischen Larven*), Tafel . 8h findet sich die beifolgende Abbildung des Deckels einer Graburne. Der Deckel bildet ein längliches Oval, auf dessen rechter Seite eine viereckige Tafel angebracht ist, eingeschlossen von zwei Nischen, worin zwei ganz ähnliche szenische Larven sich befinden. Das Lockenhaupt mit einem eigentümlichen, ein Dreieck bildenden Aufsatze zeigt deutlich, dass die Larven ein weibliches Gesicht darstellen. Auf der linken Seite des Deckels findet sich eine dritte Nische mit einer ebenfalls weiblichen Larve von etwas verändertem I-Iaarschmucke: der Aufsatz fehlt, auf dem Scheitel sind zwei grosse Haarwülste, von denen aus die Haare zu beiden Seiten in einzelnen Büscheln herabfallen. Auf der Tafel liest man die griechische Inschrift: sv&ads xuxai <PavGxiva7)iizi liegt Faustina; darunter befindet sich rechts das Wort „Schalom" in hebräischen Buchstaben und links das Bild eines Palmzweiges, des siebenarmigen Leuchters und des Salbhorns. Dass die Verstorbene eine Schauspielerin oder Tänzerin gewesen sei, lässt sich aus dem Embleme der Schauspielerkunst, den szenischen Larven, nicht bezweifeln, und dass sie eine Jüdin gewesen, zeigen das Wort „Schalom" und die dabei stehenden Symbole offenbar. Wer aber sonst die Faustina gewesen, wann sie gelebt, davon wissen wir nichts. Wo die Geschichte schweigt, da dürfen wir die Phantasie frei walten lassen, und so möge das Folgende als eine Vermutung betrachtet werden, die der Wahrheit mehr oder minder nahe kommt. Der Name Faustina deutet auf die Zeit der Antonine. Die ') Francisci Ficoronii disseitatio de latvis scenicis et figuris eomki antiquomm Romanorum. Edit. II. Romas 1754.