Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 3 (März 1902)
- Article
- Der Sündenbock
- Date
- 1902-03-01
- Page
- Seite 185 - 186 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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185 J. ELiaschoff: Der Sündenbock. 186 meiner Not ein Ende machen wird. 0, — es war ein grosser Irrtum. Jahr um Jahr zieht ein in die Bethäuser und Betstuben, und jedes Jahr verbessern die Mechaniker die Klappern und Knarren. Es ist nicht auszuhalten! . ." Haman versank in Nachdenken und seufzte und seufzte. „In früheren Zeiten", begann er nach einer Weile, ,,gab's eine grosse Armut unter den Juden. Das war schon eine Seltenheit, wenn einer ganze Sohlen unter den Stiefeln hatte. Die Haman- Klappern waren aus dünnen Brettchen gefertigt und hielten kaum ein paar Stunden aus. Zur Megilah pflegte schon der grösste Teil der Klappern dienstunfähig und stimmlos zu sein. Heutigen Tags aber macht man sie unglaublich solid, sie sind nicht umzubringen. Und dann: Heute beginnt man, unter's arme Volk Stiefel auszuteilen. Juden wie Abraham Käs, Leib Pack und Jeruchem, der Schleifer, die sich früher nur sehr vorsichtig und kleinlaut an mich heranmachten, haben heute Stiefel mit ganzen Absätzen und an den Absätzen noch Eisenbeschlag. O, o, schwere Zeiten! Kaum halv ich diesen Füssen entwischen können! . . ." Und Haman verfiel in einen kläglich-weinerlichen Ton. ,,Meine einzige Hoffnung beruht jetzt auf Theodor Herzl und dem Zionisten-Kongress. Im Lande Eurer Väter werdet Ihr an Haman vergessen, vielleicht Euch ein oder das andere Mal noch seiner wohlwollend erinnern. Aber indessen ist's recht, recht schlecht. Der Zionismus hat die Bethäuser wieder gefüllt, man wird jüdischer, man sorgt viel gründlicher für's Volk — und Abraham Käs, Leib Pack und Jeruchem, der Schleifer, bekommen Stiefel mit ganzen Absätzen. 0, dass ich doch schon erlebte, Euch in Eurer Heimat zu sehen! Zu Esras Zeiten, als man Euch aus der Gefangenschaft wieder nach Erez-Israel ziehen Hess, da hat man im Tempel keine Megilah gelesen. Erst seit Titus Euch wieder vertrieben und zerstreut hat, habt Ihr Euch wieder an mich und die Megilah erinnert. Wann wird es endlich sein, dass Ihr wieder in Erez-Israel seid, — aber ohne Haman und ohne die Megilath-Esther?" . . . Indessen begann es zu tagen, und Haman fühlte offenbar, dass bald die Zeit des ersten Minjan komme, wo man wieder gegen ihn anrücken würde. Er hüllte sich fester in seinen Sterbekittel und weckte Waisatha, sein Söhnchen, das indessen zu seinen Füssen am Boden geschlummert hatte. Doch — Haman bleibt ja immer Haman, und so wusste er mir vor dem Fortgehen noch einen feinen Stich zu versetzen. Er reckte sich plötzlich in die Höhe, dehnte die Brust, schaute mich an mit dem Blicke des Haman von einst, des ersten Ratgebers des Königs, dann sagte er mir mit giftigem Lächeln: „Närrische Menschen mit kleinem Gehirn! Wenn ihnen recht wehe um's Herz ist, dann suchen sie sich einen Sündenbock aus, an dem sie ihren ganzen Zorn und Schmerz auslassen. Ihr Kopf ist zu schwach, als dass sie sich mehrere Sündenböcke denken könnten. Und nach jedem Hieb, nach jedem Stoss, den sie bekommen, werfen sie sich nur auf den einen armseligen Jammerböck. Als könnte wirklich ein Bock so viel Schlechtigkeit begehen! Alle Jahre beklappert und betrampelt man Haman in den Bethäusern. Alle Jahre beklappert und betrampelt man Deine Brüder irgendwo in Land und Stadt. Und bisweilen sage ich mir, dass nicht ein Haman durch die Welt wandert, sondern dass es zwei Hamane sind. Und weisst Du, Freund Zeitungsschreiber, wer der zweite Haman ist? Das jüdische Volk!" „Und noch etwas magst Du wissen: Närrische Juden wTähnen, dass an all ihrem Unglück nur die Hamane schuld sind. Närrische Völker wähnen, dass an all ihrem Unglück nur die Juden schuld sind. Erwischen die närrischen Juden irgend einen Haman, den sie umklappern können mit einer heiseren Knarre — so beruhigen sie sich. Erwischen die närrischen Völker einen armen Juden, dem sie ein Federkissen zerfetzen können — so beruhigen sie sich. Ja, ja, Freundchen, ich glaube fest, es gibt nicht einen, es gibt zwei Hamane auf der Welt." Und Haman lachte dazu, ein hässliches, höhnisches, hohles Lachen .... Plötzlich verstummte er, seine hagere Gestalt schrumpfte zusammen. Nochmals weckte er Waisatha. „Komm, Waisath'chen!" sagte er mit dumpfer Stimme: „es ist schon Zeit. Man schlägt schon auf die Ständer der Betpulte ... 0, o!" Vor dem Weggehen nahm er Abschied von mir, doch auf eine Art, dass ich glaubte, es ginge mir an's Leben. „Bei uns dort ist es so «Sitte, dass man sich verabschiedet, indem man den Hals des andern umklammert. Bleib gesund, Freund Zeitungsschreiber, und vergiss nicht, was ich Dir erzählt habe; leb' wohl!" — und dabei würgte er mich, dass ich meinte, er presse mir die Seele aus dem Leibe. Ein Glück, dass ich in diesem Augenblick erwachte ....