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Ost und West · 1902-03-01 · Heft 3 (März 1902) · p. Seite 165 - 166

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165 166 EINE HEERSCHAU. „Das 19. Jahrhundert in Bildnissen44, betitelt sich ein Monumentalwerk, welches kürzlich im Verlage der Berliner photographischen Gesellschaft erschienen ist. Das Werk enthält ca. 600 Porträts mit kurzen Biographien, an denen die berufensten Autoren thätig waren, — eine geistige Heerschau des eben zu Ende gegangenen Jahrhunderts. Wenn wir die Liste durchblicken, so interessiert uns naturgemäss in erster Linie der Anteil, den der jüdische Stamm an dieser Elite hat. Wir wollen im folgenden darthun, was wir gefunden haben, und zu welchen Betrachtungen uns diese gewiss unparteiische Zusammenstellung angeregt hat. Zunächst eine kurze einleitende Bemerkung: Wir können annehmen, dass diese Zusammenstellung von 600 Namen so ziemlich die geistigen Führer der europäischen — im höheren Sinne europäischen _— Nationen darstellt. Die gesamte Volkszahl der europäischen Nationen im verflossenen Jahrhundert wird mit einiger Sicherheit auf eine Milliarde geschätzt werden können, da wir mit etwas über?> Generationen zu rechnen haben, von denen die letzte, volkreichste allein, mit fast 400 Millionen veranschlagt werden kann. Die Schätzung von einer Milliarde ist demnach sicherlich eine massige. Die Anzahl der Juden im 19. Jahrhundert wird entsprechend auf etwa 25 Millionen für diese 3 Generationen angegeben werden können. Dieses entspräche einem Prozentsatz von 21/2. Wir werden aber auch in Betracht ziehen müssen, dass die Hauptmasse der Juden, selbst wenn wir nur die europäischen berücksichtigen, unter Völkern leben, wo nicht nur ihnen jede geistige Bethätigung so gut wie unmöglich gemacht ist, sondern die auch selbst für die geistige Führerschaft Europas so gut wie garnicht in Betracht kommen. Wenn wir uns an die sehr niedrige Schätzung halten, nach welcher Russland, Galizien und Rumänien, allein ca. 9 Millionen Juden haben, so blieben für die Länder, die in dieser Zusammenstellung von 600 Namen fast allein in Betracht kommen, eine jüdische Bevölkerung von nur wenig über 1 Million übrig. (Deutschland ca. 500000, Deutsch- Oesterreich ca. 300 000, England ca. 120 000, Frankreich ca. 70 000, Italien ca. 50000). Diese aber bilden nur ein Dreihundertstel der Bevölkerung des so verengerten Gebietes. Hierdurch müssten wir uns bei einem, den Bevölkerungsziffern entsprechenden Anteil der Juden an der geistigen Führerschaft Europas, auf 2 Juden unter diesen 600 Namen gefasst machen. Die Zahl, die wir gefunden haben, ist 24. Aber dieser Hinweis ist noch keine vollständige Illustration für den Anteil der Juden an der modernen Kultur. Dies wird sich aus folgendem klar ergeben. Wir fanden von jüdischen Namen verzeichnet: Berthold Auerbach, Ludwig Bamberger, LudwigBoerne, LudwigDevrient, Benjamin Disraeli, Leon Gambetta, Jacques - Fromental Halevy, Heinrich Heine, Friedrich Wilhelm Herschel, Johann Jacoby, Joseph Joachim, Ferdinand Lassalle, Max Liebermann, Karl Loewe, Karl Marx, Felix Mendelssohn - Bartholdi, Giacomo Meyerbeer, Jacques Offenbach, Elisa Rachel-Felix, Anton Rubinstein, Daniel Sanders, Eduard Schnitzer (Emin Pascha), Eduard Simson, Ludwig Traube. Wie man sieht, ist kaum einer in dieser Liste enthalten, dem man seinen Platz füglich streitig machen könnte. Jeder dieser Namen gehört unbedingt in eine solche Aufzählung von Repräsentanten des geistigen Europas. Wir glauben sogar, dass eine ziemliche Reihe von anderen ebenfalls in diese Liste gehört hätten, z. B. vermissen wir die Namen: Jozef Israels, Max Nordau, Mark Antokolsky, Cesare Lombroso, Adolph Sonnenthal, Ricardo, Israel Zangwill, Sarah Bernhard, Eduard Bendemann, Ludwig Fulda, Felix Adler, Georg Brandes u. a. Auch diese Namen sind jedem geläufig, der irgendwie die Kulturentwicklung verfolgt, so dass sie eigentlich wohl nur in einer viel enger gefassten Liste hätten fehlen dürfen. Das zeigt auch ein Vergleich mit den in diese Zusammenstellung aufgenommenen Namen. Wir finden z. B. unter dem Buchstaben W unter 24 Namen folgende dreizehn: Alfred Rüssel Wallace, George Frederick Watts, Wilhelm Weber, Karl Weierstrass, Friedrich Gottlieb Welcker, Karl Theodor Welcker, Charles Wheatstone,n Walt Whitman, Johann Heinrich Wichern, Bernhard Windscheid, Friedrich Wöhler, Friedrich August Wolf, Wilh. Wundt. Es will uns nicht scheinen, dass der Einfluss dieser letzten Liste auf die Kulturentwicklung Eurorpas, oder auch nur der gegenwärtigen Generation, irgendwie mit unserer „Vermissten-Liste" zu vergleichen ist.

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