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Ost und West · 1902-03-01 · Heft 3 (März 1902) · p. Seite 159 - 160

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 3 (März 1902)
Article
Sturm
Date
1902-03-01
Page
Seite 159 - 160 (sequence 1)
Language
German
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159 160 Eine Ballade von Heller Sonnenschein. Ein zarter Windhauch zieht durch die Luft. Das Meer bewegt sich leicht. Still gleitet unser Schiff über die Wellen. Unendliche Weiten vor uns,. Wir rudern einem noch entfernten, zerklüfteten Felsblock zu. Die Wellen stossen kräftig gegen die steinerne Mauer, fliessen dann frei und freudig durch ihre grosse Höhlung. „Das Meer mag Hindernisse nicht leiden", bemerkte mein Führer, ein alter, robuster Seemann. - ' „Wie lange ist's wohl her, dass er so zerklüftet ist?"; fragte ich, mir unbewusst die Kraft des Wellenstosses vergegenwärtigend, die diese Felsenmasseii zerstören konnte. „Wie es scheint, ist es schon lange, lange her . . . ." antwortete nachdenklich der Seemann. „Kennt Ihr die alte Sage der Seeleute nicht, die Sage vom Kampfe der Wellen mit den Felsen? .... So will ich Sie Euch erzählen!" „Frei wie der'Vogel in Himmelshöhen waren einst die Meereswellen. Singend lullte Mutter Sturm sie ein. Wie fröhliche Kinder waren sie; sie zogen dahin ins Weite, Weite, ohne Rast, ohne Hemmnis. Doch ihr Schicksal missgönnte ihnen ein finsterer Tyrann. Sie der Freiheit zu berauben, hat er beschlossen: sie sollen so stolz über des Meeres Tiefen nicht hausen, der hellen Sonne und dem blauen Himmel nicht taumelnd entgegenbrausen! Gehorsame Diener entsendet er: sie holen Felsen aus der Erde Gründen und schütten Sand hinab in die Fluten. Es gurgelt das Meer .... Fröhlich schauen die Wellen zu, wie die Felsen in die Tiefen stürzen, und drängen und überstürzen einander und kosen die düsteren Felsen. „Wie schön! Wie schön!" jubeln sie. „Aus der Erde Gründen haben wir Gäste bekommen. Heisst sie herzlich willkommen! Fröhliche Lieder lasst zum Empfange erschallen! Jetzt erst wird's herrlich sein auf dem Meere, jubelnde Hymnen lasset erldingen dem Licht und der Freiheit!" . . . Und fröhlich, fröhlich sind die Wellen, die jungen .... Nur Mutter Sturm und Vater Orkan stürzen Maxim Gorki. heulend den Gästen entgegen und mustern sie finsteren Blickes. " Und die Felsen fallen ins Meer, Felsen über Felsen. Schon bilden sie dichte Mauern. Jetzt beginnen sie der Wellen Lauf zu hemmen. Hart stossen sie sie zurück. "Schrecken ergreift die Wellen. Mit jähem Schauder blicken sie zur hohen, finsteren Mauer empor. Zum erstenmal ist' ihr freier Lauf gestört. Zaghaft und unsicher rücken sie vor. Sie zerstossen ihre junge Brust an den Felsen und springen stöhnend zurück ... Kalt, kalt ist die Mauer und unnahbar . . . ' Es erbebt das Meer .... Die Wellen ringen, taumelnd, von Angst erfasst, und zerschellen an der finsteren Felswand. Ein wehes Rufen durchdringt die Meeresstille, das schmerzensreiche Rauschen der Wellen: „Verrat! Verrat!" rufen sie laut. „Wir haben sie freundlich empfangen, und sie rauben uns jetzt die Freiheit!" . - Da weint Mutter Sturm, und klagend stürzt zur finsteren Mauer Vater Orkan. „Ihr bösen Felsen, wie dürft ihr der Freiheit meine Kinder berauben? Wäret ihr selbst nicht dereinst frei und habt die Freiheit geliebt? Wie könnt ihr sie uns nun nehmen?!" ,,Nicht handeln wir nach freiem Willen", erwiderten die düsteren Felsen. „Befiehlt man zu rauben — — — so führen wir's aus" fügen sie brummend hinzu und blicken zornig auf die Wellen. Es braust Mutter Sturm, es saust Vater Orkan übers Meer. Mit Weinen und Jammern künden sie den Wellen die traurige Botschaft: ,,Ihr Armen! Vorbei sind die goldenen Zeiten der Freiheit! Zu Sklaven seid Ihr geworden!'4 . . . Hieraut ziehen sie von dannen .... Es erstarrt das Meer .... Die alten, starken Wellen bergen sich in der Tiefe des Meeres. Sie weckt der Sturm nicht mehr, sie ruft nicht Vater Orkan. Nur die jungen fliessen traurig dahin; kein Lied ist zu hören, kein fröhliches Lachen; auch die Sonne scheint traurig herab, und der Himmel ist nebelig und grau .... Der finsteren Gefangenschaft müde, stürmen

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