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Ost und West · 1902-03-01 · Heft 3 (März 1902) · p. Seite 155 - 156

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 3 (März 1902)
Article
Jüdische Spar- und Vorschusskassen
Date
1902-03-01
Page
Seite 155 - 156 (sequence 2)
Language
German
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155 Jüdische Spar- und Vorschusskassen. 156 hat, und welche mannigfachen Formen diese Hilfe angenommen hat und weiter annehmen kann. Diese Vorschusskassen sind eine volkstümliche Einrichtung im besten Sinne des Wortes, alle Mitglieder haben gleiche Pflichten und gleiche Rechte. Der Gönner einer solchen Institution kann statutenmässig nicht mehr einzahlen, als der arme Handwerker oder Kleinhändler. Der Vorstand wird von allen Mitgliedern gewählt, und es sitzen in ihm Vertreter der verschiedensten Vermögensklassen. Gegenüber der grösseren Geschäftskenntnis, welche die besser Situierten zu haben pflegen, hat der Handwerker oder Arbeiter, welcher im Vorstand sitzt, das bessere Verständnis für die Bedürfnisse seiner Standes-' .genossen. Eine segensreiche Einrichtung ist auch die Beleihung fertig gestellter Waren. Der Tischler der einen Schrank gemacht hat, braucht ihn nicht um jeden Preis loszuschlagen, um Betriebskapital für weitere Arbeiten zu haben, sondern kann auf das fertig gestellte Stück einen entsprechenden Betrag beliehen bekommen. Der fertige Gegenstand bleibt sogar in seiner Werkstatt. Die Kasse bringt ein Siegel daran an und der Handwerker hat den späteren Verkauf anzumelden und den geliehenen Betrag zurück zu erstatten, bevor er das Stück aus den Händen geben darf. Auf diese Weise kann jeder Handwerker während der stillen Zeit weiter arbeiten, unbesorgt, dass ihm das Betriebskapital ausgehen könnte. So besteht z. B. in Kremenetz, wo die Drechslerei eine spezielle jüdische Hausindustrie darstellt, ein auffallender Unterschied — fast könnte man sagen: ein Klassen-Unterschied — zwischen denjenigen Drechslern, welche der dortigen Kasse angehören, und den übrigen. Die Kassenmitglieder gemessen einen Kredit von 50—100 Rubeln — eine Summe, die den, welcher sie gelegentlich zur Verfügung haben kann, zum wohlhabenden Manne macht! Wer in Ländern mit geregelten Kreditverhältnissen lebt, kann sich freilich von solchen Wirkungen so kleiner Hilfen schlechterdings keine Vorstellung machen. Welch' grosser Vorteil für Handwerker und Kleinhändler darin liegt, dass sie ihre Einkäufe in grösserem Maasse und gegen bar machen können, braucht nicht weiter ausgeführt zu werden. Dagegen verdient Beachtung die folgende von einigen Kassen eingeschlagene Metjiöde, durch welche ihre Mitglieder noch grössere und bequemere Kredite gemessen. Diese Kassen übernehmen nämlich Materialien und Rohstoffe in Kommission. Wenn z. B. mehrere Schuhmacher zu den Mitgliedern gehören, so wird die Kasse auf deren Wunsch gern einen grösseren Posten Leder in Kommission übernehmen. Der Lederhändler wird einem so sicheren Kunden, wie die Kasse es ist, gern jede möglichen Vorteile einräumen, und der Handwerker bekommt das kleinste Quantum zu Engros-Preisen und in bester Qualität. Auf diese und viele ähnliche Arten wird grossen Schichten des russisch-jüdischen Proletariats in einer Weise materiell geholfen, die sie gleichzeitig moralisch hebt und zu immer besseren Formen der Selbsthilfe leiten wird. Es ist anzunehmen, dass die jetzt schon existierenden Institute dieser Art sich in schneller Folge stetig vermehren werden, und dass diese Einrichtung sich zu einem der bedeutendsten Faktoren der wirtschaftlichen Hebung der ärmeren jüdischen Klassen auswachsen wird. Vielleicht dienen die hier mitgeteilten Beispiele dazu, um die Entwickelung in dieser Richtung zu beschleunigen und die Gründung ähnlicher Institute auch anderwärts anzuregen, wo ein jüdischer Mittelstand schwer um seine Existenz ringt. *) *) Auskünfte über Statuten, Arbeitsweise etc. dieser Kassen sind leicht durch briefliche Anfragen zu erlangen. Die Adressen sind: „Jüdische Spar- und Vorschusskasse* Prag, Heinrichs gas se", und „ Jüdische Spar- und Vorschusskasse in Libau, Russland.14 Ofc*»^»

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