Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 3 (März 1902)
- Article
- Jüdische Spar- und Vorschusskassen
- Date
- 1902-03-01
- Page
- Seite 153 - 154 (sequence 1)
- Language
- German
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153 154 JUEDISCHE SPAR- UND VORSCHUSSKASSEN. II. Jüdische Vorschusskassen in Russland. Seit einer Reihe von Jahren existieren in Russland eine grössere Anzahl von jüdischen Vorschuss- und Sparkassen, welche von der Regierung in weitgehender Weise unterstützt werden und ein Segen für die ärmere jüdische Bevölkerung geworden sind. Wir schildern Art und Wirken dieser Kassen am besten an dem Beispiel der erst vor fünf Monaten gegründeten Kasse in Libau. Die dortige Kasse zählt 315 Mitglieder, welche als Mitgliedsbeitrag die Summe von 50 Rubeln zu zahlen haben. Um durch die Höhe dieses Beitrages die Aermeren nicht auszuschliessen, genügt es auch 10 Rubel bei Eintritt in die Kasse zu zahlen und den Rest in vierteljährlichen Raten von je 2 Rubeln zu erlegen. Bisher wurden 'auf diese Weise von den 315 Mitgliedern 8200 Rubel eingezahlt. Jedes Mitglied kann den sechsfachen Betrag seiner Einzahlung als Darlehn erhalten. Bei anderen russischen Kassen, bei welchen der Mitgliedsbeitrag ein geringerer ist (bis hinab zu 10 Rubeln), genehmigt die Regierung auch die acht- und zehnfache Beleihung der Mitgliedsbeiträge. Die Kassen werden zu diesen Leistungen in den Stand gesetzt durch die Unterstützung der russischen Reichsbank, welche ihnen bis zum dreifachen Betrage der eingezahlten Aktien (Mitgliederbeiträge) Kredit gewährt resp. innerhalb dieser Grenze die Schuldverschreibungen zum vollen Werte lombardiert. Eine weitere Geldquelle bilden für diese Kassen die Spareinlagen, welche im Falle der Libauer Kasse fast die Höhe des eingezahlten Aktienkapitals erreichten. Ausserdem wurde der dortigen Kasse von einem Bankinstitut die Summe von 5000 Rubeln geliehen, und es darf angenommen werden, dass dasselbe Bankinstitut — oder auch andere — den übrigen Kassen ebenfalls ähnliche Kredite einräumen wird. Die Art der Kreditnahme seitens der Mitglieder ist die folgende: Das betreffende Mitglied macht eine Applikation, in welcher der Zweck des Darlehns angegeben ist und stellt einen Bürgen. Die Kasse hat das Recht, die Applikation abzulehnen, wenn der Zweck nicht plausibel oder der Bürge nicht sicher genug ist. Wird das Darlehn gewährt, so erfolgt die Rückzahlung in einer von dem Mitglied vorgeschlagenen Weise — meist in wöchentlichen Raten, die sich auf nicht länger als ein Jahr erstrecken dürfen. Der Zinsfuss ist 8 Prozent. Da er sich aber nur auf den noch zurückzuzahlenden Teil des- Darlehns bezieht, so ergiebt sich für den Entleiher eine Mehrzahlung von nur 4 Prozent. Der den Kassen verbleibende Ueberschuss kommt selbstverständlich wieder den Mitgliedern zu gute und zwar in folgenden Formen: Es wird zunächst eine Dividende bis zu 4 Prozent bezahlt, (dies ist die gesetzliche Maximaldividende für diese Art Kassen), der Ueberschuss geht zur Hälfte in den Reservefond, die verbleibende Hälfte wird zur Unterstützung von Mitgliedern bei Unglücksfällen verwendet. Ausser dem Kredit bei der Reichsbank unterstützt die russische Regierung die Vorschusskassen durch völlige Befreiung von jeder Art von Steuern und Stempelgebühren und erstreckt die Steuerfreiheit sogar auf die Beamten der Kassen. Ausserdem gewährt die Regierung den Vorschusskassen das grosse Vorrecht, ausgebliebene Rückzahlungen statt auf dem langsamen Wege des Gerichtsverfahrens, auf dem unmittelbaren der Polizei-Exekutive einzutreiben. Die Kasse meldet eine rückständige Zahlung bei der Polizei an, welche sofort zur Eintreibung des Betrages oder zur Pfändung schreitet. Es ist klar, dass unter solchen Umständen der geschäftsmässige Charakter der Kassen gewahrt bleibt und Zwangseinziehungen kommen so gut wie nie vor. In Wilna, der grössten dieser Kassen, sind während ihres ca. siebenjährigen Bestehens nur zwei Fälle polizeilichen Einschreitens dagewesen. Vor mir liegt eine Liste von zehn russischen Städten mit Angaben über Mitgliederzahl der dortigen jüdischen Vorschusskassen, Einzahlungen, laufende Darlehen, Zinseneinnahmen und Spesen. Die grösste Mitgliederzahl hat Wüna mit 3 298, die kleinste Witebsk mit 136 Mitgliedern. Die Einzahlungen betrugen in Wilna ca. 40,000 Rubel (10 Rubel per Mitglied und aufgelaufene Zinsen), die läufenden Vorschüsse betrugen zur Zeit der letzten Bilanz (Juli 1901) etwas über 103,000 Rubel. Man kann sich schwer einen Begriff machen, welchen moralischen Nutzen diese Hilfe aus eigener Kraft schoti in kurzer Zeit hervorgebracht