Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1902)
- Article
- Der neue Messias
- Date
- 1902-02-01
- Page
- Seite 117 - 118 (sequence 1)
- Language
- German
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117 118 DER NEUE MESSIAS. Man schrieb das Jahr 1648 und es war ein böses Jahr voll Misswachs, grossem Sterben und vielem Jammer in der Welt. Und all das Elend, das über Menschen und Tiere und über die Früchte des Feldes hereinbrach, sollte von den Juden herkommen. Man verfolgte sie und viele starben auf dem Scheiterhaufen und im Kerker. So geschah, es auch in Smyrna. Die Juden beteten zu Gott in ihrer Bedrängnis. Dieser aber hörte ihre Stimmen nicht und gab ihren Widersachern Macht über sie. Da lebte ein edler Jüngling, Sabatai Zewi mit Namen, in der Judenstadt von Smyrna, und den drückte das grosse Leid, das seinem Stamme widerfuhr. Mit heissem Flehen wendete er sich zu Gott und bat ihn, ihm einen Weg zu zeigen, auf dem er das Volk Israel zum Heile, zur Freiheit führen könne. Er sass im Schatten eines blühenden Pfirsichbaumes am Ufer des Meeres und blickte hinaus in die weite, unendliche Ferne. Dort, in jenen Fernen lebten seine Brüder in derselben Bedrängnis und harrten gleich ihm auf den Retter, den Gottesgesandten. Und er breitete die Arme aus und rief: „Harret aus, ihr Gedrückten, und Geknechteten — der Tag ist nahe, wto der Herr wieder gnädig auf euch schauen wird. Es. wird ein strahlender Tag sein, dass euch von dem Glänze die Augen schmerzen werden!" Aber das Rollen der Flut, das Donnern der Brandung verschlang seine Worte. Dann warf sich Sabatai zu Boden und weinte und schlug sich auf die Brust. Als er wieder aufsah, lagen schwarze Wolken über dem Meere und die weissen Sturmvögel schössen ängstlich über das dunkle Wasser. Ein unheimliches Rauschen zog durch die Kronen der Bäume und dann war es auf einmal totenstill in der Luft und auf der Erde. Es war, als ob die Natur den Atem anhielte, um ein Wort des Himmels zu vernehmen. Da riss sich ein Blitzstrahl von dem Gewölke los und fuhr flammend nieder in die entgegenjauchzende Flut. Und sein Schein fiel in Sabatais Brust. Er reckte sich empor und hob die Hand und schrie, dass seine Stimme den Donner überhallte: „Mich hast du ausersehen, o Herr, zum grossen Werke! Du hast die Kraft in mein Herz gelegt; du hast mit deinem Strahle meinen Geist erleuchtet. Mir sollen deine Getreuen folgen und ich will sie emporführen zum VON RUDOLPH LOTHAR. Lichte. Ich will sie an deinen Thron geleiten und du wirst wieder deine Hand erheben und sie segnen!" Und wie nun zwischen den fliehenden Wolken ein Stück klaren Himmels sich zeigte und ein schimmernder Regenbogen niederstieg zur Erde, da fühlte Sabatai Zewi den segnenden Hauch Jehovahs auf der Stirne und sah, dass sein Werk Gott wohlgefällig sei. Am selben Tage trat er vor die Rabbinen der Stadt und sagte ihnen, er wolle das Volk der Juden aus dem Kerker befreien. Gott sende ihn zur Erlösung. Da spotteten die Rabbinen und sprachen mit dem Worte des Psal misten: „Die Erlösten des Herrn sind die durch den. Messias Erlösten. Bist du der Messias? Hat sich dir der Herr geoffenbart, dir, dem Messias, dessen Name von Ewigkeit her ist und der herrschen wird über alle Länder?'1 Sabatai schwieg — dann sagte er: „Ich fühle die Kraft in mir, mein Volk zu retten, ihm die Macht wiederzugeben, die Krone der Tochter Zions aufs Haupt zu setzen. Und diese Kraft hat mir Gott gegeben. Deshalb nenne ich mich einen Gesandten Gottes!" — Die Rabbinen aber hörten ihn nicht, sondern fuhren fort, ihn zu höhnen und frügen ihn immer wieder: (,Bist du der Messias?" In Sabatai Zewis Augen lohte heilige Glut und er sprach: ,,Ja, ich bin:s, ich bin der Messias!" Da nannten ihn die Rabbinen einen Frevler und verfluchten ihn und bannten ihn hinweg aus seiner Vaterstadt. * * Zur selben Stunde, als Sabatai Zewi, ein Friedloser, Smyrna verliess, geschah es, dass in Amsterdam ein gar wunderbarer Vorfall sich ereignete. Eine schöne Jungfrau, Esther, die man als gottesfürchtig und ergeben in den Herrn kannte, trat in der Synagoge vor die versammelte Gemeinde und sprach: ,,Ein grosses Glück ist mir widerfahren. Ein Engel des Herrn ist mir im Traum erschienen und hat mir verkündet, dass ich dem Messias zum Weibe bestimmt sei." Da beugten sich alle vor ihr und die Aeltesten küssten den Saum ihres Kleides. Es wurden aber Boten ausgeschickt nach allen Gegenden, um zu erkunden, wo der Gottgesandte weile. Sie fanden Sabatai Zewi im Hause seines Gastfreundes Rafael Chalebi zu Kairo. Sie huldigten