Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1902)
- Article
- Ein Dichter des Jargon
- Date
- 1902-02-01
- Page
- Seite 95 - 96 (sequence 2)
- Language
- German
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95 Jaroslav Vrchlicky: Ein Dichter des Jargon. 96 stützt den Dichter. Manchmal ist es unmöglich, wenigstens sehr schwer, die Diktion des Originals zu erreichen. Es laremt das Wasser, die Wellen, see schäumen, es wojet, es rnojet meschune der Wind; es ssappet der Kessel, es huzet der Kommen, doch unten die Zwei, seht, see schweigen azünd. In dem Gedichte Aufn Busen von Jam (Na nadrech oceanu), Der jüdische Mai (Zidovsky maj) gelangte Rosenfeld in der Klangmalerei zum Höchsten, was von den alten, durch Jahrhunderte geschulten Poesien zu erwarten ist, und er zeigte sich als ein vollendeter Meister seiner Sprache. Die Verse seiner Vorgänger und Zeitgenossen (vielleicht Frug ausgenommen) gehörten bisher dem engeren Kreise seiner Glaubens- und Volksgenossen, aber seine Poesie bahnte dem zurückgesetzten Jargon den "Weg in die Kulturwclt. Drei Jahre sind verflossen seit der Herausgabe der Lieder des Ghetto", und eine tiefe und neue Poesie bahnt in ihnen einer verkannten Sprache den Weg in die weitesten Kreise. Schon das ist eine grosse Kulturarbeit, eine grosse That. Aber die Poesie Rosenfeld's ist — abgesehen von der Sprache — in manchem neu. Sie bringt in die Poesie überhaupt neue Bilder und neue Ideen, sie ist befruchtend, sie fällt in die ausgetretenen "Wege der Alltäglichkeit wie ein goldener Mairegen. Durch eine glückliche Verbindung zweier Elemente: des sozialen und des kulturellen aus den alten jüdischen Traditionen — also wiederum durch Kreuzung zweier Welten, erschloss Rosenfeld einen neuen Dichterborn, entdeckte neue Töne und Klänge. Die moderne soziale Frage, die Frage der Arbeit ist verwebt mit den Motiven des jüdischen Lebens und Kultus, und beides ist durchfühlt, durchwärmt, durchlebt von einem Menschen. Seine Poesie ist eben sein Leben, und bevor wir daher an die Poesie näher herantreten, müssen wir dieses Leben kennen lernen. Es ist ein Leben der Arbeit und Mühsal und Entsagung. Dass darin so reiche Blüten einer glühenden Poesie emporsprossen, ist nur ein unwiderleglicher Beweis der unwiderstehlichen Geisteskraft, die überall der Lava gleich bei Rosenfeld durchbricht, es ist der Anteil seiner Rasse, die unermessliche Zähigkeit, welcher kleine Völker so sehr bedürfen. (Es folgt nun eine kurze Biographie, die den Lesern von „Ost und West" bereits bekannt sein dürfte (siehe No. 6]). Die langjährige Arbeit in den Werkstätten von New York unterwühlte seine Gesundheit und er wurde — Lehrer. Mehr wissen wir von seinem Lebensschicksale nicht. Sein Gedichtbuch ist in drei Unterabteilungen geteilt. Die erste heisst „Lieder der Arbeit" (Pisne z präce), in welchen die soziale Frage überwiegt. Die zweite sind nationale Lieder („Pisne narodm") auf Grund der Motive des jüdischen Kultus im Bezug zur Gegenwart, eine Reihe von poetischen Bildern, von einer grossen Kraft in einer ganz neuen Färbung dargestellt, so dass ich diese Gesänge für das höchste halte, wozu sich Rosenfeld's Kunst emporgeschwungen hat. Der dritte Teil enthält „verschiedene Gedichte" (Rüzne bäsne) — hier spricht die Subjektivität des Autors am meisten, es sind zumeist wehmütige Elegien über das eigene Schicksal. Die „Lieder der Arbeit" sind ein einziger Aufschrei des Elends und der Not eines bedrückten und unter dem Joch der Fabrikarbeit stöhnenden Menschen. Sie haben eine ganz neue Färbung, wenn man auch gestehen muss, dass sie stofflich in der Poesie nicht gerade eine Neuheit sind. In Italien hat Ada Negri, in Deutschland haben Holz, Löwenberg und andere, bei uns M. A. Simäcek in seiner nicht genug gewürdigten Sammlung („Aus der Chronik der Armen") „Z kroniky chudyck", Klästersky-Doubravsky diese Töne fast gleichzeitig angeschlagen. Das Neue bei Rosenfeld ist eben nur die lokale Färbung. Die Schilderung der Schneiderwerkstätten im "Sweatshop ist natürlich anders als der ärmliche Zustand unseres Gebirgswebers und Bergarbeiters. Aber das Elend ist gleich, und das ist bei Rosenfeld in brennenden und beissenden Accenten ausgedrückt. (Es folgt nun die Uebersetzung und gleichzeitige Analyse der Proben mehrerer Gedichte dieser Abteilung „Mein Jüngele" (Müj hosik), „Wohin", „Die Werkstatt", „Was ist die Welt** (co je svet), „Auf dem Todtengarten" (v zahrade smrti) und anderer.) Ein starker Aufschrei des Protestes sind diese Lieder der Arbeit. Der Dichter ist da ein Fatalist. Er fühlt die Schwäche des Einzelnen, er kann nichts mehr thun. als das Elend konstatieren, das herrschende System beschuldigen, fragen, wann das endigt. Und wenn er einmal, wie in der Mitta'gszeit in seiner Werkstätte Lust zum Widerstand und zur Selbsthilfe fühlt, da kehrt er niedergeschlagen durch den Schlag der Uhr und durch die Stimme des Aufsehers wieder in sein Sklavenjoch zurück. Andere Dichter preisen die Arbeit als eine grosse Gottesgabe. Allerdings ist eine Arbeit nicht wie die andere. Rosenfeld kennt die Arbeit in den Fabriken aus seinem mehr als fünfzehnjährigen Aufenthalte in den amerikanischen Werkstätten und verflucht sie nur. Ja, arbeiten zu können in Ruhe, nach seinem Willen und seiner Lust und nicht in so einem blutigem Elend. Hier trifft das theoretische Moralpredigen mit der Lebenspraxis zusammen, und die ist für den Betroffenen schrecklich. Es bleibt nur die Resignation übrig. Mir scheint, dass in diesem Zuge sich bei Rosenfeld ein Tropfen des nachgiebigen slavischen Blutes zeigt, wenigstens gewisse Einflüsse aus der Jugend, wo er in Europa unter Polen und Rus*sen lebte, obzwar dieses Träumerische und, diese Neigung zum Grübeln auch ganz in der Natur der jüdischen Träumer ist (Siehe z. B. Zangwill).